Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Ausgegraben

Antike und Mittelalter Biete Geisel, suche Frieden

 |

In der Antike und im Mittelalter wurden Geiseln nicht genommen, sondern gestellt. Sie sollten den Frieden sichern und führten oft ein privilegiertes Leben. Doch dann kam der Dreißigjährige Krieg.

"Moderne Geiseln sollen etwas erpressen, was man haben oder erreichen will", erläutert Historiker Kai Ruffing von der Universität Kassel. "Antike Geiseln aber garantierten für etwas, was man bereits erreicht hatte." Bei den Römern und bei den europäischen Fürsten des Mittelalters dienten die Gefangenen der Friedenssicherung.

Privilegierte Geiseln

Das älteste bekannte Beispiel war Peisistratos, Tyrann von Athen. 546 vor Christus riss er mit Hilfe einer Söldnertruppe die Herrschaft über die Stadt an sich. Danach ließ Peisistratos sich von den führenden Athenern Geiseln stellen und brachte sie auf die Insel Naxos. Damit wollte er verhindern, dass die Stadtoberen ihn - wie schon bei zwei zuvor gescheiterten Versuchen - wieder aus der Stadt werfen.

Seine Rechnung ging auf: "Die Tyrannis blieb wohl auch dadurch bis zu seinem Tod stabil", folgert Simon Thijs, der als Doktorand an Ruffings Projekt über Geiselstellungen und Geiselnahmen mitarbeitet. Die folgenden 18 Jahre bis zu seinem Tod herrschte Peisistratos über Athen und bescherte der Stadt eine Periode des Friedens und Wohlstands.

Geisel zu werden war damals nicht unbedingt ein schlechtes Los. In Rom etwa ging es den meisten Geiseln gut, sagt Ruffing. Als beispielsweise Demetrios I. Soter 178 vor Christus von seinem Vater, dem seleukidischen König Seleukos IV., als Geisel nach Rom geschickt wurde, verkehrte er dort in den höchsten Kreisen, nahm an Feiern teil und durfte im Umland Roms auf die Jagd gehen.

Generalstabsmäßig geplante Geiselnahmen

Nur in Einzelfällen funktionierte das nicht. Einige Historiker vertreten beispielsweise die Ansicht, auch Arminius - besser bekannt als Hermann der Cherusker - habe in jungen Jahren einige Zeit als Geisel am Hof von Kaiser Augustus in Rom verbracht. Doch im Jahr 9 nach Christus vernichtete eine von ihm angeführte germanische Armee die Legionen unter Publius Quinctilius Varus. Bis zu 20.000 Römer kamen ums Leben.

In späteren Jahrhunderten veränderte sich der Umgang mit Geiseln grundlegend. "Im Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 überwiegt schon die Geiselnahme über die Geiselstellung", erklärt der Gießener Historiker Horst Carl, der gemeinsam mit Ruffing forscht. "Vor allem, um Geld einzutreiben." Die sogenannten Kabinettskriege des 18. Jahrhunderts zielten oft sogar darauf ab, Geiseln zu nehmen: "Da wurden Geiselnahmen in Feindesland regelrecht generalstabsmäßig geplant und organisiert."

Mit dem 19. und 20. Jahrhundert hatten die Geiselnahmen dann jeglichen Bezug zur Friedenssicherung verloren. Sie waren vollends zum Instrument der Kriegsführung geworden.

Hochzeiten zur Friedenssicherung

Der Frieden sollte dagegen auf andere Arten gefestigt werden - etwa durch Hochzeiten. "So war es etwa beim sogenannten Pyrenäenfrieden, dem Abschluss der spanisch-französischen Auseinandersetzungen im Jahr 1659", erklärt Carl. "Der französische König Ludwig XIV. heiratete die spanische Königstochter Maria Theresia, die damit faktisch die Funktion früherer Geiseln übernahm."

Das aber misslang. Zwar verzichtete die junge Adlige mit der Hochzeit auf den spanischen Thron. Doch ihr frischgebackener Ehemann verlangte zusätzlich 500.000 Gold-Écus von Spanien. Die wurden nie gezahlt, was Ludwig XIV. schon sieben Jahre später zum Anlass nahm, doch noch einen Krieg gegen die Heimat seiner Frau anzuzetteln.

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

Anzeige

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: