Geist und Materie Warum Schrödinger bis heute aktuell ist

Von Robert B. Laughlin, Michael Hendrickson, Robert Harrison und Hans Ulrich Gumbrecht

2. Teil: Schrödingers Leben als historischer Kontext


Die uns zugänglichen biografischen Bedingungen für die Ausprägung von Erwin Schrödingers Denken legen Skepsis gegenüber der Wirksamkeit von groß angelegter und also notwendig kostenintensiver Forschungsförderung nahe. Es gab lange Phasen in seinem Leben, wo er die meiste Arbeitszeit mit der leidenschaftlichen, aber keinesfalls fachmännischen Lektüre philosophischer Texte verbrachte, vor allem mit den Werken Schopenhauers, mit indischen Weisheitslehren, aber auch mit dem Werk seines Lehrers Ernst Mach und mit Edmund Husserls Phänomenologie.

Bei all diesen Lektüren wahrte Schrödinger einen Grad der geistigen Freiheit, wie ihn sich Spezialisten kaum je gestatten. Als Theoretiker wie auch in seinen seltenen Experimentalforschungen war er ein Solitär. Innerhalb von Forschergruppen hingegen glaubte er weniger produktiv zu arbeiten, und er sah sich auch nicht als einen erfolgreichen Tutor für fortgeschrittene Studenten an. Schrödinger unterhielt höflich-kollegiale Beziehungen zu all den anderen Kapazitäten in jenem großen Zeitalter der Physik, ohne sich je an die begrenzt-gruppeninterne Zirkulation des von ihm produzierten Wissens binden zu lassen. Die für ihn ideale Form des wissenschaftlichen Lebens war die Rolle des "Fellow", des langfristigen und weitgehend unabhängigen Gasts an einer Forschungsinstitution, wie sie ihm von 1933 bis 1956 in England und Dublin mehrfach angeboten wurde. Zugleich war Schrödinger zwar nicht an Reichtümern, aber konsequent an der Sicherung seiner wirtschaftlichen Unabhängigkeit interessiert. Gegenüber akademischen Schulen hielt er sich auf Distanz, wie auch gegenüber den politischen Ideologien seiner Zeit, obwohl er in der Wissenschaft wie im Alltag durchaus zu dezidierten Meinungen neigte. All dies sind Gewohnheiten und Bedingungen des Arbeitens, die sich nicht auf institutioneller Ebene "bereitstellen", sondern nur immer wieder individuell erobern und durch eminente Leistungen konsolidieren lassen.

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