Geist und Materie Warum Schrödinger bis heute aktuell ist

Von Robert B. Laughlin, Michael Hendrickson, Robert Harrison und Hans Ulrich Gumbrecht

3. Teil: Der Stil von Schrödingers Denken


Schrödinger sah sich als jenen Typ von Wissenschaftler an, der auf vielen Gebieten und Problembereichen aktiv sein konnte, statt maximale Kompetenz im Hinblick auf ein permanent beibehaltenes Thema zu erlangen. Selbst nach seinem - biografisch vergleichsweise späten - Durchbruch im Jahr 1926 mit den Arbeiten zur Wellenmechanik, dominierte das Motiv der "Vielseitigkeit" in der Beschreibung seines Profils für die Nachfolge von Max Planck in Berlin: "Er war schon seit einigen Jahren durch seinen vielseitigen, aber zugleich kraftvollen und tiefschürfenden Stil in der Identifizierung und Bearbeitung neuer physikalischer Probleme aus unerwarteten Perspektiven bekannt geworden", schreibt Walter Moore in dem 1994 erschienenen Buch "A Life of Erwin Schrödinger". Der Forscher sei "ein ausgezeichneter Redner und Diskutant, der sich durch Einfachheit und Klarheit auszeichnet".

Abstrakter und wohl genauer lässt sich diese Kombination von "Vielseitigkeit" und "Tiefe" beschreiben als die bei Schrödinger immer wieder hervortretende Konvergenz zwischen der Identifikation von Einzelphänomenen und einer prinzipiell nicht auf Abschluss ausgerichteten offenen Reihe ihrer Deutungen, die immer wieder zum jeweiligen Ausgangsphänomen zurückkehren. Diese spannungsvolle intellektuelle Grundgeste zeigt, dass Schrödingers Arbeit von zwei ganz verschiedenen Leidenschaften angetrieben war, von der Leidenschaft, etwas erklären, und der Leidenschaft, etwas offenbaren zu wollen. Die Leidenschaft, etwas erklären zu wollen, endet mit wissenschaftlicher Erkenntnis, und beschließt deshalb im Normalfall den Gang einer Untersuchung, während Schrödingers Forschungen mit Erkenntnis begannen und im Staunen endeten. Eine Passion für das nie versiegende Staunen zeichnet Schrödingers intellektuellen Stil aus. Dieses Staunen wuchs offenbar mit jedem Mal, wenn er von der Deutung eines Phänomens oder von einer einschlägigen Spekulation zum Phänomen selbst zurückkehrte. Dann war er bereit, die eigene Präsenz als Beobachter einzuklammern, um den Phänomenen gleichsam jenen Platz zu geben, den sie brauchen, um sich selbst zeigen, sich selbst offenbaren zu können. Konventionelle naturwissenschaftliche Erkenntnis hingegen absorbiert das Phänomen in einer mathematischen Formel und stellt es damit still. Weil Schrödinger vom Staunen vor den Phänomenen immer wieder zur Entwicklung neuer Deutungen und Hypothesen zurückkehrte, ohne anscheinend einen Abschluss dieses Prozesses auch nur zu suchen, entwickelte er ein besonderes Bewusstsein für jene Probleme, die - wenigstens vorab - zu keiner Antwort, zu keiner naturwissenschaftlichen Erkenntnis führten.

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