Geist und Materie Warum Schrödinger bis heute aktuell ist

Von Robert B. Laughlin, Michael Hendrickson, Robert Harrison und Hans Ulrich Gumbrecht

4. Teil: Schrödingers Fragen


Sein intellektueller Stil allein hätte Schrödinger wohl schon zu einem der großen naturwissenschaftlichen Autoren gemacht. Doch wir alle kennen ähnlich elegante und flexible Denker, die nie Schrödingers Ansehen und Einfluss erreicht haben. Fragen wir uns also, ob es besondere, unabschließbare oder zumindest bis heute unabgeschlossene Probleme gibt, zu denen Erwin Schrödingers Denkstil geführt hat. Typisch ist in dieser Hinsicht eine Passage aus dem Vortrag "Mind and Matter", in dem er sich zu der anscheinend naiven Faszination durch den "Ort" treiben lässt, "wo der Geist die Materie berührt". Dies ist einer der Momente, in denen Schrödinger redlich genug war, um sich nicht zu einer eindeutigen Antwort zu zwingen, die er nicht hatte - aber auch nicht zur Einklammerung der Frage. Das Problem lässt ihn nicht los und provoziert so die riskante Vermutung, dass ein solcher Ort der Begegnung zwischen Geist und Materie vielleicht gar nicht existieren könnte. Ein anderes Problem ohne Lösung war schon früher in Schrödingers Texten aufgetreten und hat ihn ebenfalls bis zum Ende seines Lebens begleitet. Es geht aus der für ihn so wichtigen Möglichkeit hervor, von allen Höhenflügen der Deutung und der Spekulation immer wieder zu bestimmten Phänomenen als ihrem Ausgangspunkt zurückzukehren. Wie ist es möglich, fragt er, dass die anscheinend unendliche Vielfalt der Repräsentationen und Deutungen immer wieder auf den Fluchtpunkt eines einzigen Phänomens kontrahiert werden kann?

Diese beiden zentralen Fragen lassen sich geschichtlich zurückführen auf den Moment der Emergenz des Beobachters zweiter Ordnung im frühen 19. Jahrhundert. Schrödinger ist über seinen eigenen Denkweg zu ihnen vorgedrungen, aber sie waren doch schon vor ihm und unabhängig von ihm sozusagen "objektiv" gegeben. Seit es das "Subjekt" der frühen westlichen Neuzeit, seit es der cartesianische Weltbeobachter des "cogito" nicht mehr vermeiden konnte, sich im Akt der Beobachtung selbst zu beobachten, war zweierlei deutlich geworden: dass wir nicht wissen, wie Weltaneignung durch die Sinne (Wahrnehmung) und Weltaneignung durch Begriffe (Erfahrung) miteinander kompatibel zu machen sind. Schrödingers Frage nach dem Ort, wo der Geist auf die Materie trifft, ist eine Variante dieses Problems. Zweitens war deutlich geworden, dass es für jedes Phänomen so viele Repräsentationen geben kann, wie es Beobachterperspektiven gibt, woraus die Frage erwächst, ob wir angesichts einer potentiellen Unendlichkeit von Phänomenen überhaupt noch an die Existenz individueller Referenzphänomene glauben sollen. Hier liegt das Problem, das der junge Schrödinger durch Rückgriff auf Schopenhauers Philosophie des "Willens" gelöst zu haben glaubte.

Seit dem frühen 19. Jahrhundert waren die Naturwissenschaften und die Philosophie immer wieder überzeugt gewesen, definitive Antworten gefunden und so mindestens eines dieser Probleme eliminiert zu haben. Geschichtsphilosophie im Hegelschen und Evolutionismus im Darwinschen Sinn galten über ein gutes Jahrhundert als Lösungen im Hinblick auf den Perspektivismus, und ein ähnlicher Status scheint der Relativitätstheorie im Hinblick auf die Frage nach der Kompatibilität zwischen Weltaneignung durch Begriffe und sinnlicher Weltaneignung zugekommen zu sein. Erwin Schrödinger hat entscheidende Entdeckungen gemacht und folgenreiche Intuitionen festgehalten, ohne dass er diese Probleme als offene Probleme je hätte definitiv einklammern wollen. Deshalb hält uns das, was wir dank Schrödinger wissen, weiter im Bewusstsein, was wir nicht wissen. Die Welt bleibt trotz aller Lösungen komplex, und Schrödingers Texte insbesondere schärfen mit jeder neuen Lösung das Bewusstsein für Ungelöstes. So sind Erwin Schrödingers Spekulationen über seinen Tod hinaus und bis heute nie an ein Ende gekommen.

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