Gekämmt in den Kampf Wikinger waren reinliche Rüpel

Von wegen plündernde Barbaren-Horden: Neue Forschungen zeigen, dass die Wikinger ein waschfreudiges Volk von Theaterenthusiasten waren. Ihr Reinlichkeitsfimmel stieß bei den Nachbarvölkern nicht immer auf Verständnis.

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In der Vorstellung der meisten modernen Europäer dürfte ein echter Wikinger in etwa so ausgesehen haben: Aus dem Hörnerhelm quillt zotteliges Haar, das sich mit einem verfilzten Bart zur Traumwohnung für Läuse vereint. Und wozu auch waschen? Wenn der gemeine Wikinger nicht gerade mordend und plündernd durch die Lande zieht, feiert er wilde Gelage.

Doch diese Vorurteile sind ebenso hartnäckig wie falsch, meinen Forscher von der University of Cambridge. In einer Art Imagekampagne erklären sie vor allem Schulkindern die Wahrheit über die wilden Männer aus dem Norden, die zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert große Teile Englands beherrschten – und damit die Vorfahren vieler Briten sind.

Die Wahrheit über die Wikinger ist mindestens so interessant wie der Mythos der rauen Kerle. "Sie kämmten sich jeden Tag die Haare, wechselten regelmäßig die Kleidung und badeten jeden Samstag", heißt es in einem Flyer, den die Wissenschaftler aus Cambridge an Schulen verteilen. Der mittelalterliche Chronist John of Wallingford habe sich gar beschwert, dass die Dänen allzu reinlich seien.

Noch heute heißt in den modernen nordischen Sprachen der Samstag "Badetag", im Isländischen zum Beispiel "laugardagur". Für derartige Reinlichkeit hatten die Angelsachsen wenig übrig. "Bei ihnen galt dieses häufige Waschen als Eitelkeit – und war damit in den Augen der christlichen Angelsachsen eine Sünde", sagt Elizabeth Rowe, Dozentin für mittelalterliche skandinavische Geschichte, zu SPIEGEL ONLINE.

Die Wikinger hatten nicht nur eine Leidenschaft für Wasser und Seife, sondern auch für Dichtung und Theater. Der Archäologe Neil Price von der University of Aberdeen glaubt, dass das regulierte Schauspiel sogar ein wesentlicher Bestandteil der Nordmänner-Kultur war. "Die Edda zum Beispiel geht auf gespieltes Theater zurück", erzählt Price. "Es sind Geschichten, welche die Wikinger bei den Begräbnissen aufführten." Für seine Theorie hat Price Tausende von Wikingergräbern untersucht und zeitgenössische Berichte über ihre Begräbnisfeierlichkeiten studiert.

Krieger mit Waschzwang

Den wohl schillerndsten lieferte im 10. Jahrhundert der arabische Diplomat und Reiseschriftsteller Ahmad Ibn Fadlan. Er war mit einer Gesandtschaft des Kalifen von Bagdad unterwegs, als die Reisegesellschaft auf eine Gruppe Wikinger traf - wahrscheinlich handeltreibende Skandinavier. Just war deren Anführer verstorben, und der Trupp des Kalifen wurde Zeuge der Beisetzung. Zehn Tage lang feierten die Nordmänner aufs heftigste – aber immer nach Plan und mit fest verteilten Rollen. Es gab ein Sklavenmädchen, das zur Braut des Verstorbenen wurde, eine gnatzige alte Frau in der Rolle einer Todesbotin und sogar strenge Vorschriften, welchen Anteil des Vermögens die Erben für das Kostüm des Toten ausgeben mussten.

Einem Vorurteil wurden die Wikinger in der Schilderung Ibn Fadlans allerdings mehr als gerecht: Der Alkohol floss in Strömen. Entsprechend zügellos ging es im Lager her. Noch nie hatte der arabische Diplomat Menschen getroffen, die Alkohol in so großen Mengen konsumierten. Dazu unterhielten sich die Trauenden mit Essen, Musik und öffentlichem Sex.

Ibn Fadlan merkt an, dass schon oft Männer während Wikinger-Totenfeiern im Alkoholrausch ihr Leben verloren haben. Zunächst riecht diese Beschreibung mächtig nach der blühenden Phantasie eines arabischen Märchenerzählers. Aber: "Die Historiker sind sich weitgehend einig, das der Bericht Ibn Fadlans reale Ereignisse schildert - die er zugegebenermaßen durch seine muslimische Brille betrachtet", sagt Price. Der Stoff war selbst Hollywood bunt genug: Im Actionfilm "Der 13te Krieger" spielt Antonio Banderas den arabischen Diplomaten.

Der bemühte sich trotz des alkoholschwangeren Kulturschocks immer wieder mit Hilfe seiner Dolmetscher, Informationen über Hergang und Hintergrund der Feierlichkeiten zu erfahren, die er dann akribisch notierte. "Das Problem von uns Wikinger-Spezialisten ist allerdings, dass kaum einer von uns des Arabischen mächtig ist", gibt Price zu. "Wir müssen uns auf Übersetzungen verlassen." Die Wikinger erzählten es den Dolmetschern, die erzählten es Ibn Fadlan, der schrieb es auf. Der auf Arabisch verfasste Bericht wurde tausend Jahre später wiederum übersetzt, und erst diese Version ist die Grundlage der aktuellen Forschung.

Begräbnis wie Theaterstück inszeniert

Zehn Tage musste Ibn Fadlan die Fete über sich ergehen lassen. Erst dann wurde der verstorbene Wikingerfürst samt Rindern, Hühnern, Pferden und Sklavenmädchen – alle inzwischen ebenfalls tot – zur ewigen Ruhe auf sein Schiff gebracht. "Die Archäologie gibt Ibn Fadlan Recht", sagt Price. 1904 wurde auf einem Bauernhof nahe der norwegischen Stadt Tønsberg das sogenannte Oseberg-Schiff gefunden, das eine Vorstellung von der vollen Pracht eines Wikingerbegräbnisses ermöglicht.

Auf dem 22 Meter langen Boot haben Wikinger im Herbst des Jahres 834 zwei Frauen bestattet. Die ältere war zwischen 60 und 70 Jahre alt und war vermutlich an Krebs gestorben. Die jüngere wurde nur 25 bis 30 Jahre alt. Auf Reinlichkeit aber hatten beide größten Wert gelegt. Ihre Zähne verrieten, dass sie regelmäßig einen metallenen Zahnstocher benutzten – im 9. Jahrhundert ein seltener Luxus. Zu den Beigaben gehörten wunderbar geschnitzte Möbel, ein aufwendig verzierter Schlitten und Truhen voller kostbarer Stoffe. Außerdem mussten mit den beiden Frauen 14 Pferde, ein Ochse und drei Hunde sterben.

Körperpflege als Luxus

Von der Party selbst ist natürlich wenig übrig. Dass aber Religion, Jenseitsvorstellungen und Theater eng miteinander verbunden waren, ist an manchen Stellen noch in der Edda zu erkennen. "Darin tauchen immer wieder Regieanweisungen auf", erklärt Price, "die Edda wurde ursprünglich als ein Schauspiel geschrieben." Der Ritus des Begräbnisses habe dazu gedient, den Toten zum aktiven Darsteller eines ewig währenden Theaterstücks zu machen, in dem sowohl die Toten als auch die Lebenden Rollen übernahmen: "Die Toten wurden ein Teil der Dichtung."

Leider sind die archäologischen Reste nicht unbedingt dazu geeignet, die Aufführungen zu rekonstruieren, wie Price bedauert: "Das wäre, als wolle man die Tragödie 'Hamlet' mit all ihren vielschichtigen Bedeutungen aus der leeren Bühne heraus erklären, die zurückbleibt, wenn alle Zuschauer schon längst gegangen sind."



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