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Gekürzte Hilfsprogramme: Finanzkrise begünstigt Ausbreitung von Aids

Aus Kapstadt berichtet Corinna Arndt

Die westlichen Länder ächzen unter der Finanzkrise und streichen deshalb Gelder für Anti-Aids-Programme. Mit fatalen Folgen: Immer mehr Afrikaner sterben an der HIV-Infektion - und Pharmaunternehmen weigern sich, den betroffenen Staaten mit verbilligten Medikamenten zu helfen.

Teure Arzneien gegen HIV: "Wir steuern auf eine Katastrophe zu" Zur Großansicht
dpa

Teure Arzneien gegen HIV: "Wir steuern auf eine Katastrophe zu"

Thembisa Mkhosana sieht gesund aus, als würde sie vor Kraft strotzen. Sie ist eine selbstbewusste Frau mit lachenden Augen und einem Gang, nach dem sich die Männer umdrehen. Dass die 36-Jährige seit gut zehn Jahren HIV-positiv ist, sieht man ihr nicht an. Sie schluckt antiretrovirale Medikamente, die das Virus lange Zeit in Schach gehalten haben.

Thembisa Mkhosana ist das lebende Beispiel dafür, dass HIV nicht den sofortigen Tod bedeuten muss. Sie selbst hat diese Botschaft weitergetragen - als Aids-Aktivistin in den Kliniken ihres Heimatortes Khayelitsha, dem größten der Townships vor den Toren Kapstadts. Seit drei Wochen tut sie das nicht mehr.

"Schon im Januar haben sich meine Blutwerte drastisch verschlechtert", sagt sie und knetet nervös ihre Hände. "Und jetzt habe ich plötzlich Fieber und Schmerzen."

Die Mutter zweier Kinder hat nicht einfach nur Fieber - die Aids-Krankheit ist bei ihr ausgebrochen. Die Medikamente, die sie bisher genommen hat, wirken nicht mehr.

Ihre Ärzte wissen, dass sie sterben wird, und sie weiß es auch. "Sie sagen, ich soll meine Tabletten einfach weiternehmen. Andere gebe es hier nicht."

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HIV: Engpässe in der Medikamenten-Versorgung
Seit 2004 stellt Südafrika, das Land mit der höchsten HIV-Infektionsrate der Welt, seiner Bevölkerung kostenlos Aids-Medikamente zur Verfügung. Wer dagegen resistent wird, bekommt eine Alternativbehandlung. "Bei weiteren Resistenzen ist Schluss", sagt Gilles van Cutsem, Programmdirektor von Médecins Sans Frontières (MSF), zu deutsch Ärzte ohne Grenzen. Die Organisation betreibt in Khayelitsha eines der ältesten Aids-Programme Afrikas und steht damit an vorderster Front im Kampf gegen die Seuche.

Doch momentan stecken die Helfer und ihre kranken Patienten in einer schweren Krise. Weil der Westen unter der globalen Finanzkrise leidet, hat er zunehmend andere Sorgen als den Kampf gegen Aids in Afrika. Doch die Seuche ist längst nicht besiegt - im Gegenteil.

Im Global Fund, dem großen Aids-Fonds der Vereinten Nationen, klafft ein Loch von drei Milliarden Dollar. "Wir steuern hier auf eine Katastrophe zu", warnt van Cutsem. "Und das nur, weil die reichen Länder ihre eigenen Versprechen nicht einhalten und nicht genug Geld einzahlen." Damit meint van Cutsem das international vereinbarte Zwischenziel des Millenniumsentwicklungsprojektes, bis 2010 allen Aidskranken weltweit Zugang zu Behandlung und Medikamenten zu ermöglichen. Ein Ziel, dem sich auch die G-8-Staaten verpflichtet haben - darunter Deutschland.

Sieben Millionen Menschen ohne Zugang zu Aids-Medikamenten

Doch obwohl bisher erhebliche Summen in den Fonds geflossen sind, wächst der Bedarf schneller, als die Gelder aufgestockt werden. Aids-Aktivisten wie das deutsche "Aktionsbündnis gegen Aids" haben sich bereits vor Monaten an die Bundesregierung gewandt mit der dringenden Bitte, die Zahlungen an den Globalen Fonds "signifikant zu erhöhen". Seit 2002 hat Deutschland 670 Millionen Euro eingezahlt; für den Zeitraum von 2008 bis 2010 steuert es jährlich 200 Millionen Euro bei und gehört damit - neben Frankreich mit rund 300 und den USA mit mehr als 600 Millionen Euro - zu den wichtigsten Geberländern.

Gemessen an seiner Wirtschaftsleistung im internationalen Vergleich trüge es aber eine größere Verantwortung, der eine "Aufstockung der bisherigen Zusagen um 704 Millionen US-Dollar (knapp 500 Millionen Euro) entspräche", so das Aktionsbündnis in einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im März. In einer Reaktion auf die Forderungen räumte Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) ein, dass für die Jahre 2011 bis 2013 eine "kräftige Mittelaufstockung" für den Fonds nötig sei. Dafür nahm sie aber "die Regierungen, die bislang wenig zum Globalen Fonds beigetragen" hätten sowie Privatunternehmen und Stiftungen in die Pflicht.

Während unter den Gebern noch der Schwarze Peter hin- und hergeschoben wird, hat Ärzte ohne Grenzen für sechs afrikanische Länder bereits die Folgen der Finanzlücken dokumentiert: So habe Tansania in diesem Jahr 25 Prozent weniger Geld für die Aids-Bekämpfung zur Verfügung als 2008. In Uganda nähmen viele Kliniken keine neuen Patienten mehr auf. Und in Malawi würden schon jetzt vielerorts die Tabletten knapp. Ohnehin haben weltweit sieben Millionen Menschen noch keinen Zugang zu Aids-Medikamenten. Kürzungen der Programme zum jetzigen Zeitpunkt wären "ein Rückschritt ohnegleichen", sagt van Cutsem. "In Europa mögen die Menschen aufgrund der Wirtschaftskrise Arbeitsplätze verlieren. In Afrika verlieren sie ihr Leben."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Medikamente lenken vom eigentlichen Problem ab
Echt? 21.09.2009
In einem Land wie Süafrika, mit einer der höchsten Kriminalitäts- und Vergewaltigungsraten der Welt, in dem 40% aller Schüler unter 18 bereits vergewaltigt wurden und sich rund ein viertel aller Männer offen zu Vergewaltigungen bekenne, sind ein paar Medikamente wohl kaum von Relevanz. Es ist geradezu bezeichnend für den westlichen Gutmenschen, Symptome mit Medizin bekämpfen zu wollen. Solange die Südafrikaner ihren moralischen Kompass nicht wiederfinden, sind Medizin und die damit verbundenen Programme wirkungslos. Siehe auch: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,568606,00.html
2. AOK Berlin für Tansania?
PeteLustig, 21.09.2009
Die HIV-Behandlungskosten im westeuropäischen Gesundheitssystem pro Patient betragen ca. 600.000 Euro (http://science.orf.at/science/news/144609). Diese Kosten werden zB in Deutschland von den Krankenkassen und somit der sozialversicherten Gemeinschaft gezahlt. Die nachvollziehbare Frage ist, aus welchem Grund das hiesige Gesundheitssystem die Kosten der afrikanischen HIV-Behandlung zu 99 % subventionieren soll. Denn die aus mit dem HIV-Pharmabereich erwirtschafteten Gewinne sollen wohl die quasi kostenlose afrikanische HIV-Med-Versorgung ermöglichen. Wieso sollen Europäer/Amerikaner ein Vermögen bezahlen und Afrikaner es geschenkt bekommen? Diese Logik leuchtet mir nicht ein. Wieviele Kondome kann man eigentlich für 600.000 Euro kaufen und in Afrika verteilen?
3. Falsche Behauptung
dummermensch 21.09.2009
Zitat von sysopDie westlichen Länder ächzen unter der Finanzkrise und streichen deshalb Gelder für Anti-Aids-Programme. Mit fatalen Folgen: Immer mehr Afrikaner sterben an der HIV-Infektion - und Pharmaunternehmen weigern sich, den betroffenen Staaten mit verbilligten Medikamenten zu helfen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,641747,00.html
Die Behauptung stimmt doch wohl nicht. Die Ausbreitung von AIDS wird durch das Sexualverhalten der Menschen begünstigt.
4. passt scho
Takamisakari, 21.09.2009
Zitat von sysopDie westlichen Länder ächzen unter der Finanzkrise und streichen deshalb Gelder für Anti-Aids-Programme. Mit fatalen Folgen: Immer mehr Afrikaner sterben an der HIV-Infektion - und Pharmaunternehmen weigern sich, den betroffenen Staaten mit verbilligten Medikamenten zu helfen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,641747,00.html
Was solls, so regelt sich das mit der Überbevölkerung halt von selbst.
5. .
PeteLustig, 21.09.2009
Die HIV-Behandlungskosten im westeuropäischen Gesundheitssystem pro Patient betragen ca. 600.000 Euro (http://science.orf.at/science/news/144609). Diese Kosten werden zB in Deutschland von den Krankenkassen und somit der sozialversicherten Gemeinschaft gezahlt. Die nachvollziehbare Frage ist, aus welchem Grund das hiesige Gesundheitssystem die Kosten der afrikanischen HIV-Behandlung zu 99 % subventionieren soll. Denn die aus mit dem HIV-Pharmabereich erwirtschafteten Gewinne sollen wohl die quasi kostenlose afrikanische HIV-Med-Versorgung ermöglichen. Wieso sollen Europäer/Amerikaner ein Vermögen bezahlen und Afrikaner es geschenkt bekommen? Diese Logik leuchtet mir nicht ein. Wieviele Kondome kann man eigentlich für 600.000 Euro kaufen und in Afrika verteilen?
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HIV/Aids - Die Fakten
Die HIV-Infektion
Die Infektion mit HIV erfolgt über Körperflüssigkeiten wie Blut, Sperma und Scheidensekret, aber auch über die Muttermilch. Außer ungeschütztem Vaginal- und Analverkehr gilt die gemeinschaftliche Nutzung von Spritzen durch Drogensüchtige als ein Hauptübertragungsweg.

Bei normalem Körperkontakt gibt es dagegen kein Infektionsrisiko, da die Körperhaut im Gegensatz zur Schleimhaut über eine schützende Hornschicht verfügt. Bei Verletzungen oder Ekzemen können allerdings auch hier Erreger eindringen. Beim beruflichen Umgang mit Kollegen am Arbeitsplatz besteht ebenso wenig Ansteckungsgefahr wie bei Besuchen von Schwimmbad oder Sauna oder gemeinsamem Essen. Kein Risiko gibt es auch bei ärztlichen und zahnärztlichen Behandlungen, da die Desinfektion von Instrumenten das Virus zuverlässig abtötet.
Die Krankheit Aids
Das HI-Virus zerstört allmählich das Immunsystem, indem es die Zahl der T-Helferzellen im Blut drastisch senkt. Während in den ersten Wochen nach der Infektion grippeähnliche Symptome auftreten können (aber nicht müssen), folgen der Ansteckung mit HIV meist mehrere Jahre ohne körperliche Anzeichen. Währenddessen vermehrt sich das Virus im Körper. Mit dem Beginn der ARC-Phase (Aids Related Complex) treten erneut Beschwerden wie nach der Infektion auf. Wenn die eigentliche Krankheit beginnt, spricht man von der Diagnose Aids (Acquired Immunodeficiency Syndrome).

Aids wird durch verschiedene Erkrankungen definiert. Sogenannte opportunistische oder Sekundär-Infektionen und Tumoren nutzen die schwache Immunabwehr aus. Trotz einer Behandlung stirbt der Patient an einer der Folgeerkrankungen. Zusätzlich können schon im Vorfeld virenhemmende Medikamente eingesetzt werden. Beide Maßnahmen verlängern die Lebenserwartung und steigern die Lebensqualität der Betroffenen.

Das Virus
Das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) ist ein Retrovirus. Diese Erreger sind in der Lage, ihren genetischen Code in das Erbgut des Wirtskörpers, in diesem Falle des Menschen, einzubauen. Deshalb kann das Virus nach einer Infektion nicht wieder vollständig aus dem Körper entfernt werden.

Das Virus kommt in zwei Stämmen vor. HIV-1 ist weltweit verbreitet. Mikrobiologen unterscheiden Subtypen mit den Buchstaben A bis I und O. Der zweite Stamm, HIV-2, ist vorwiegend in Westafrika verbreitet. Ansteckungs- und Krankheitsverlauf sind in beiden Fällen ähnlich.

Die weltweite Verbreitung
Laut UNAIDS sind weltweit schätzungsweise 35 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Mit mehr als zwei Drittel der Infizierten bilden die Länder des südlichen Afrikas ein Zentrum der Epidemie.

Bis Ende 2008 erhielten rund vier Millionen HIV-positive Menschen in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen eine antiretrovirale Therapie - im Vergleich zu drei Millionen Patienten im Jahr 2007 und lediglich 400.000 in 2003.
Die Verbreitung in Deutschland
In Deutschland nach einer Schätzung des Robert Koch-Instituts (RKI) derzeit etwa 70.000 Menschen mit HIV/Aids. 2013 wurden dem Institut 3263 gesicherte HIV-Neuinfektionen gemeldet - etwa zehn Prozent mehr als 2012. 550 Menschen starben demnach 2012 an den Folgen von Aids. Zum Vergleich: Mitte der neunziger Jahre starben in Deutschland bis zu 2500 Menschen pro Jahr an der Krankheit. Am häufigsten (53 Prozent) steckten sich homosexuelle Männer neu mit HIV. In 18 Prozent der Fälle erfolgte die Ansteckung nach heterosexuellem Kontakt, in 3 Prozent durch Spritzen von Drogen.
Chronik
1981: Vor allem in Kalifornien und New York sterben junge Männer an einer Krankheit, die das Immunsystem der Kranken ausschaltet. Am 5. Juni berichtet die US-Gesundheitsbehörde CDC erstmals über die auffällige Zunahme seltener Krebs- und Lungenentzündungsformen bei jungen Homosexuellen.

1982: In Deutschland und anderen europäischen Ländern werden die ersten Fälle diagnostiziert. Die erworbene Immunschwächekrankheit wird Aids (Aquired Immunodeficiency Syndrome) genannt.

1983: Die Forschungsgruppen von Robert Gallo (USA) und Luc Montagnier (Frankreich) identifizieren das Virus, das die Krankheit auslöst. Später erhält es den Namen HIV (Human Immunodeficiency Virus).

1984: Der erste HIV-Antikörpertest wird vorgestellt.

1985: In Atlanta findet die erste Welt-Aids-Konferenz statt. Durch den Aidstod des US-Schauspielers Rock Hudson wird die Krankheit einer breiten Öffentlichkeit bekannt. In Deutschland dürfen ab Herbst keine Blutpräparate mehr ohne vorherigen HIV-Test verkauft werden. Über 2300 Menschen - darunter mehr als 1800 Bluter - hatten sich zuvor infiziert.

1986: Aus Afrika werden die ersten Aidsfälle gemeldet.

1987: AZT, das erste Medikament, das den Verlauf der Krankheit verlangsamen kann, erhält eine Zulassung.

1988: Die WHO führt den 1. Dezember als Welt-Aids-Tag ein.

1991: Die rote Schleife wird internationales Symbol für den Kampf gegen Aids.

1995: Sogenannte Protease-Hemmer kommen als neues Aidsmedikament auf den Markt.

1996: Die Vereinten Nationen gründen UNAIDS, eine Unterorganisation der Uno für den Kampf gegen die Krankheit.

1999: Wissenschaftler finden Belege dafür, dass das HI-1-Virus von einer Schimpansen-Unterart stammt, die nur im westlichen Zentralafrika vorkommt.

2003: Der erste Fusionshemmer kommt als vierte Klasse von Aidsmedikamenten in den USA auf den Markt.

2004: Die WHO startet die Initiative "3 by 5". Danach sollen 2005 drei Millionen Infizierte mit Medikamenten versorgt werden.

2005: Nach Angaben der UNAIDS sind über 40 Millionen Menschen weltweit mit HIV infiziert - ein neuer Höchststand. Das Berliner Robert Koch-Institut geht von 2600 Neuinfizierten in Deutschland aus. In Deutschland leben insgesamt 49.000 HIV-Positive.

2006: Der jüngste Welt-Aids-Bericht von UNAIDS meldet, dass die Rate der Neuinfektionen sich erstmals seit dem Ausbruch der Seuche verlangsamt. Immer noch erhalten viele Infizierte und Erkrankte in der Dritten Welt keine Versorgung, besonders HIV-positive Kinder.

2008: Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon legt einen Bericht vor, nach dem im Dezember 2007 weltweit schätzungsweise 33,2 Millionen Menschen mit HIV infiziert waren.


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