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Geld-Experiment: Raucherhirne verdrängen Alternativen

Raucher verdrängen die Konsequenzen ihres Handelns - und zwar nicht nur, wenn sie sich einen Glimmstängel anzünden. Forscher haben in einem Experiment die Geldanlage-Strategien von Rauchern und Nichtrauchern verglichen. Die Ergebnisse fielen verblüffend aus.

London - Was Read Montague vom Baylor College in Houston und seine Kollegen mit ihren Probanden anstellten, hatte mit Tabak auf den ersten Blick nichts zu tun. 31 Raucher und Nichtraucher sollten während des Verhaltensexperiments eine Summe von 100 Dollar in Aktienpakete investieren. Nach dem Einsatz offenbarten die Forscher die Kursentwicklung: Sie zeigten den erzielten Gewinn, wiesen aber auch darauf hin, wie viel mehr Geld mit der optimalen Anlegealternative zu verdienen gewesen wäre.

Raucher: Tragen Verdrängungsprozesse zur Abhängigkeit bei?
REUTERS

Raucher: Tragen Verdrängungsprozesse zur Abhängigkeit bei?

Viele Anlegerunden später schritten die Wissenschaftler zur statistischen Auswertung. Das Ergebnis: Nichtraucher berücksichtigten die Differenz zwischen realem Gewinn und nicht erreichtem Gewinnmaximum in ihrer Anlegestrategie. Sie ließen damit die Konsequenzen alternativer Handlungen in ihren Entscheidungsprozess einfließen, schreiben Montague und seine Kollegen im Fachblatt "Nature Neuroscience".

Das Verblüffende: Bei Rauchern war das nicht der Fall. Sowohl Raucher als auch Nichtraucher verfügten während des Anlegespiels über Informationen zu Handlungsalternativen und deren Konsequenzen. Gehirnscans mit dem funktionalen Magnetresonanz-Tomografen zeigten aber, dass die Raucher die Alternativen in den weiteren Entscheidungsprozessen ignorierten.

Die Forscher schließen daraus, dass Raucher die Konsequenzen alternativer Handlungen nicht einschätzen und sie daher in ihren Entscheidungen unberücksichtigt lassen. Übertragen auf den Tabak-Konsum bedeute das: Zündet sich ein Raucher den Glimmstängel an, so wird diese Entscheidung dadurch begünstigt, dass seine Denkprozesse die gesündere Alternative - nämlich gar nicht erst zu rauchen - systematisch ausblenden.

Montague und seine Kollegen vermuten, dass dieser Verdrängungsmechanismus mit dazu beiträgt, dass Raucher und andere Suchtkranke an ihrer Droge hängen bleiben. Offen bliebt aber, ob der Verdrängungsmechanismus die Ursache oder die Folge der Sucht ist. Immerhin haben die Wissenschaftler auch eine gute Nachricht: Durch ein Verständnis dieser Denk- und Verhaltensprozesse könnten neue therapeutische Ansätze erprobt werden.

mbe/ddp

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