Gen-Lebensmittel "Gier hinter der Maske des Wohltäters"

Großversuche mit genmanipulierten Pflanzen haben in Großbritannien zu überraschend negativen Ergebnissen geführt. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE übt der frühere britische Umweltminister Michael Meacher scharfe Kritik am Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft.


Greenpeace-Protestaktion gegen Genmais: Angst vor Risiken für Umwelt und Gesundheit
DPA

Greenpeace-Protestaktion gegen Genmais: Angst vor Risiken für Umwelt und Gesundheit

SPIEGEL ONLINE:

Mister Meacher, Sie haben als Umweltminister 1999 die Großversuche mit genetisch modifizierten (GM) Pflanzen initiiert, deren Ergebnisse jetzt die Debatte über den Anbau genetisch modifizierter Pflanzen in aller Welt beeinflussen. Was wollten Sie eigentlich bei diesen Großversuchen herausfinden?

Meacher: Wir wollten klären, welche Auswirkungen der Anbau von genetisch modifizierten Pflanzen auf die Artenvielfalt und auf die Umwelt hat. Nicht untersucht wurden die Auswirkungen auf Bodenbakterien und wie ein Bauer in der üblichen Situation des Wettbewerbs handeln würde. Und vor allem haben wir nicht untersucht, ob genetisch modifizierte Nahrungsmittel für die Gesundheit der Konsumenten unbedenklich sind.

SPIEGEL ONLINE: Was waren die wichtigsten Ergebnisse, und waren Sie von ihnen überrascht?

Meacher: Es wurden Raps, Zuckerrüben und Mais getestet, wobei jeweils eine Hälfte des Feldes mit konventionellen Pflanzen bebaut und konventionellen Pestiziden besprüht wurde, die andere mit GM-Pflanzen und den Pestiziden, gegen die sie resistent sind. Als die Wissenschaftler die Versuche entwickelten, erwarteten sie keine signifikanten Unterschiede.

SPIEGEL ONLINE: Erwies sich diese Hypothese als zutreffend?

Meacher: Nein. Die Unterschiede haben sich als beachtlich herausgestellt. Der modifizierte Raps und die Zuckerrüben wurden mit Breitbandmitteln bearbeitet, die alles niedermachen außer der modifizierten Pflanze. Die schädlichen Auswirkungen auf Würmer, Käfer, Schmetterlinge oder Vögel waren deutlich größer als auf den konventionellen Vergleichsfeldern.

SPIEGEL ONLINE: Beim Mais dagegen erwies sich der genetisch modifizierte als umweltschonender. Sollte man jetzt nicht den Anbau von genetisch modifiziertem Mais genehmigen?

Meacher: Moment mal. Zum einen wurde der konventionelle Mais mit dem Pestizid Atrazin besprüht, das inzwischen in der EU verboten ist. Zum anderen waren die Versuche praktisch in der Hand von Bayer, die den modifizierten Mais stellten und deren Mitarbeiter den Bauern rieten, sie sollten die Pflanzen nur einmal besprühen. Das gefiel den Bauern, weil es weniger kostete. Folgerichtig kamen die Unkräuter schnell wieder hoch, die den Tieren Nahrung bieten. Aber unter Marktbedingungen würde jeder Bauer natürlich nicht einmal, sondern zwei- oder dreimal sprühen. Und dann würde man die gleichen Ergebnisse bekommen wie bei den beiden anderen getesteten Pflanzen.

SPIEGEL ONLINE: Also würden Sie auch den Anbau von genetisch modifiziertem Mais nicht empfehlen?

Meacher: Das ist meine Schlussfolgerung.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland fordern der Bauernverband, Wissenschaftler und die Industrie jetzt Großversuche, um herauszufinden, ob und wie eine Koexistenz zwischen GM-Landwirtschaft und konventioneller Landwirtschaft möglich ist. Macht das Sinn?

Meacher: Koexistenz ist in jedem Fall das entscheidende Problem. Ich war vor drei Monaten in Kanada und habe dort gesehen, dass in der Prärie kein Bio-Raps mehr angebaut wird, weil die Aufkäufer den Bauern sagen: "Das Risiko, dass Dein Bio-Raps mit GM-Raps verunreinigt ist, ist mir schlicht zu groß." Und wenn die Trennung in den riesigen Räumen der Prärie nicht möglich ist, wie soll es dann auf unserer winzigen, dicht besiedelten Insel oder auf dem europäischen Kontinent, wo ein Bauernhof unmittelbar an den nächsten angrenzt, möglich sein? Meiner Meinung nach ist Koexistenz unmöglich.

SPIEGEL ONLINE: Was wird die EU-Kommission bezüglich der Zulassung genmanipulierter Organismen und der Aufhebung des Moratoriums von acht EU-Staaten tun?

Meacher: Sieben Länder, darunter Frankreich und Italien, nicht aber Großbritannien und Deutschland sagen, dass sie keine Anträge auf Zulassung genmanipulierter Pflanzen von Monsanto und anderen Firmen bearbeiten. Die Kommission könnte dagegen vorgehen, aber hat es bisher nicht getan. Die US-Regierung wiederum hat sich darüber dermaßen aufgeregt, dass sie die EU bei der Welthandelsorganisation verklagt hat.

  • 1. Teil: "Gier hinter der Maske des Wohltäters"
  • 2. Teil


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