Eingriff ins menschliche Erbgut "Das wird man nicht verantworten können"

Der Deutsche Ethikrat streitet über Eingriffe in die DNA des Menschen: Theoretisch ließen sich Gene so verändern, dass manipuliertes Erbgut an Kinder und Enkel weitergegeben wird. Doch die Versuche sind umstritten.

Dürfen Forscher die Gene von Embryonen verändern - oder sollten sie es sogar?
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Dürfen Forscher die Gene von Embryonen verändern - oder sollten sie es sogar?

Aus Berlin berichtet


"Deutschland, wir müssen reden", sagt Jörg Vogel, Direktor am Institut für Molekulare Infektionsbiologie der Universität Würzburg auf der Jahrestagung des Deutschen Ethikrats in Berlin. Es geht um die Frage, inwiefern Forscher das Erbgut des Menschen verändern dürfen. Anlass der Debatte ist die Erfindung der Genschere CRISPR-Cas9. Mit ihr lässt sich das Erbgut von Tieren und Pflanzen günstig, einfach, schnell und besonders präzise anpassen.

Im April 2015 berichteten chinesische Forscher erstmals, auch menschliche Embryonen mit CRISPR-Cas9 genetisch verändert zu haben. Zwar waren die veränderten menschlichen Embryonen nicht lebensfähig, doch offenbarte die Forschung ein grundsätzliches Problem. Verändern Forscher das Erbgut menschlicher Embryonen, betrifft diese Veränderung auch die Keimbahn: Entsteht aus dem Embryo ein erwachsener Mensch, gibt er das manipulierte Genom über Ei- und Samenzellen an seine Kinder und damit an folgende Generationen weiter.

"Wenn man sich vor Augen führt, welche immensen Herausforderungen in diesem Zusammenhang auf uns zukommen, wundert man sich, dass es dazu noch keine intensivere Debatte gibt", sagt Peter Dabrock, Theologe und Ethiker an der Universität Erlangen-Nürnberg und Vorsitzender des Deutschen Ethikrats.


Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats
Deutscher Ethikrat/ Reiner Zense

Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats

Weder Horrorerfindung noch Heilsbringer

Befürworter der Technik stellen in Aussicht, man könne mit CRISPR-Cas9 eines Tages möglicherweise Gendefekte im Embryo reparieren und damit schwere Erbkrankheiten wie Mukoviszidose, Sichelzellanämie oder Muskeldystrophie verhindern. Kritiker fürchten dagegen, dass die Technik dazu genutzt werden könnte, Menschen mit mehr Muskeln oder musikalischem Talent zu kreieren.

Sowohl Heilsversprechen als auch Designerbaby-Befürchtungen scheinen derzeit allerdings unangebracht zu sein. Denn die ersten Versuche an menschlichen Embryonen in China zeigten auch: So gut CRISPR-Cas9 bei vielen Tieren und Pflanzen funktioniert, beim Menschen macht die Genschere Fehler, schneidet etwa auch an Stellen, die unverändert bleiben sollen. "Forscher arbeiten derzeit daran, das Werkzeug zu verbessern", berichtet Vogel.

Eine Lösung des ethischen Dilemmas ist die Fehleranfälligkeit beim Menschen langfristig also nicht. Und auch die derzeitige Ungenauigkeit der Methode ist ein Problem.

"Was die Keimbahnintervention vom normalen Heilversuch unterscheidet, ist, dass die Risiken nicht nur eine einzelne Person, sondern ganze Generationenfolgen betreffen", sagt Dabrock. "Ich glaube, man wird solche Eingriffe in das menschliche Erbgut nicht verantworten können." Bedenke man, dass die Nebenwirkungen vor einem Einsatz eigentlich über Jahrzehnte beobachtet werden müssten, müsse man die Versuche ja zunächst machen, was "normativ paradox" sei.

So funktioniert CRISPR-Cas9

DER SPIEGEL

Nicht weiterforschen kann auch falsch sein

Andere Forscher, etwa der Strafrechtler Reinhard Merkel von der Universität Hamburg, argumentieren, die weitere Forschung an menschlichen Embryonen sei sogar geboten, weil sich damit möglicherweise Krankheiten verhindern ließen.

"Es gibt auch eine Verantwortung fürs Unterlassen, das muss man sich schon klar machen", sagt Dabrock. Die Folgen beider Entscheidungen - eines Verbots und einer Erlaubnis der Versuche - müssten sorgfältig gegeneinander abgewogen werden.

In der Praxis gibt es nur sehr wenige Fälle, in denen eine genetische Veränderung des Embryos heute zusätzlichen medizinischen Nutzen hätte. Um zu verhindern, dass ein Kind Mukoviszidose, Sichelzellanämie oder Muskeldystrophie erbt, können Eltern bereits auf die Präimplantationsdiagnostik (PID) zurückgreifen.

Hier werden die Embryonen nach der künstlichen Befruchtung untersucht und nur in die Gebärmutter eingepflanzt, wenn sie keine schwerwiegenden genetischen Defekte tragen. Andernfalls werden sie aussortiert, was bereits ethisch umstritten ist.

"Bevor man einen Embryo nach der künstlichen Befruchtung genetisch verändert, müsste man ohnehin eine PID machen", argumentiert Sigrid Graumann von der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe und Mitglied im Ethikrat. Damit werde es hinfällig, Genfehler zu korrigieren.

Sinnvoll könnte der Einsatz der Technik lediglich in dem extrem seltenen Fall sein, dass Mutter und Vater an derselben Erbkrankheit leiden, sodass ihre Kinder den Defekt sicher erben. Bei anderen Veranlagungen zu Krankheiten ist dagegen in den allermeisten Fällen noch gar nicht klar, welche Gene das Krankheitsrisiko steuern.

Im Ausland geht die Forschung weiter

Auch viele Genforscher sprechen sich derzeit noch gegen weitere CRISPR-Cas9-Experimente an menschlichen Embryonen aus. Auf ein Moratorium konnten sie sich bei einem Treffen in Washington Ende Dezember jedoch nicht einigen. Spätestens, wenn die Sicherheitsbedenken ausgeräumt sind, wird es im Ausland neue CRISPR-Cas9-Experimente geben.

Erst Anfang 2016 bekam eine britische Forschergruppe die Erlaubnis, künftig gezielt die Gene menschlicher Embryonen zu verändern. In Deutschland ist das bislang nicht erlaubt.

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darthmax 24.06.2016
1. Ethikrat
dieses ist ein Instrument der Kirchen und kann schon mal von etwa 40 % der Bevölkerung, die sich von den Pfarrern verabschiedet haben, nicht als Ethikrat anerkannt werden. Die glauben auch noch an Wunder und sind daher für Beurteilungen über wissenschaftliche Entwicklungen inkompetent.
loonart 24.06.2016
2.
Man weiß schon jetzt, wie es ausgeht: Erst große, aber kaum öffentliche Diskussionen, dann mal ein Modellprojekt, dann fallen unwissende Politiker auf die Versprechen der Wissenschaftler herein - und schon wird genmanipuliert bis in die nächsten Generationen. Von den "guten" medizinischen Möglichkeiten wird dann nicht mehr viel die Rede sein, sondern davon, wie man den Menschen in Zukunft noch funktionsfähiger und passender für die gesellschaftlichen Belange macht. Individualität ist out, Gleichsein ist in.
hansw 24.06.2016
3. Feindlichkeit
Wieder ein typisches Beispiel für das, was religiös motivierte Bedenkenträger alles so anrichten. Zum Glück sind die Ergebnisse dieser Leute nicht mehr wichtig. Man holt eben das Notwendige aus einem anderen Land. Beispiel ist das Wagnis in Kalifornien, durch Genmanipulation neue menschliche Organe zu züchten. Sollten die zur Verfügung stehen und in Deutschland verboten werden, geht man halt zur Transplantation in ein anderes Land. Der Erfolg wird u.a. darin bestehen, dass keine Abstossreaktionen auftreten, die lebenslang mit Medikamenten unterdrückt werden müssen. Die Krankenkassen werden schon bezahlen, weil sie damit erhebliche Kosten sparen. Denen ist religiöse Moral genauso wenig wichtig, wie den Menschen auf den Listen für Transplantationen.
oidahund 24.06.2016
4.
Erstens sind viele Krankheiten nicht nur auf genetische Dispositionen zurück zu führen und zweitens verändern sich Gene durch den Einfluss von außen. Es gibt da in der Trauma-Forschung ganz interessant Ergebnisse. Der Wunsch, Krankheiten durch bloßes Ändern der Gene wegfallen zu lassen, ist bei nur wenigen Krankheiten möglich. Wie jede Forschung gibt es zwei Seiten, die miteinander abgewogen werden müssen. Es ist möglich gewisse Gene so zu verändern, dass Krankheiten wegfallen - das ist richtig, aber wenn das möglich ist, warum sollte man dann nicht sportliche Menschen "bauen", oder Menschen die für gewisse Tätigkeiten am besten geeignet sind usw. - das Ende kann eine "schöne neue Welt" sein (Huxley läßt grüßen). Diese Abwägung kann nur in der gesellschaftlichen Duskussion erfolgen und dazu gibt der Ethikrat Impulse - mehr kann er nicht leisten. Daher ist Ihr Papst-Bashing so nicht angebracht - vor allem, wenn man die Mitgliederliste des Ethikrates betrachtet (http://www.ethikrat.org/ueber-uns/mitglieder) - es finden sich auch Theologen, aber eben auch sehr viele Mediziner, Juristen, Soziologen usw. - die Theologen sind m übrigen in der absoluten Minderheit.
christiewarwel 24.06.2016
5. Heilsversprechen
Die meisten Krankheiten (Eigenschaften) sind derart komplex und vielschichtig, daß wir noch immer Jahrhunderte von einem echten Verständnis entfernt sind, gerade was das Zusammenspiel der Gene und der resultierenden Proteine angeht. (An die Mathematiker: 25 000 Gene -durch alternatives Spleißen, posttranslationale Modifikationen und enzymatisches Schneiden bis zu einige tausend Protein-Isoformen pro Gen und daraus wiederum Komplexe aus mehreren Proteinen -wieviele Interaktionsmöglichkeiten gibt es?) Dummerweise wandelt sich das Zusammenspiel der Gene dann auch noch über die ganze Lebensspanne. Ein Verständnis dieser Mechanismen wäre allerdings Vorraussetzung für Gentechnik am Menschen, denn sonst machen wir Experimente mit Menschen, die nicht abbrechbar sind und alle Grundlagen von Menschenrechten ad absurdum führen. Wie alle Systeme, ist auch Crispr nun nicht 100%. Statistisch ergibt sich hier also das Problem, daß ein fehlerfreies Ergebnis mit der Anzahl der zu behandelnden Loci immer unwahrscheinlicher wird. Hinzu kommt außerdem die bisher gleichfalls unklare Rolle von Umwelteinflüssen (es gibt sie, aber mehr wissen wir kaum). Es ist daher m.E. vollkommen unseriös (aber dem Zeitgeist, nach dem alles in absehbarer Zeit einen Nutzen (in Euro) haben muß, entsprechend), solche Techniken als Mittel für medizinischen Fortschritt oder Menschen nach Maß zu verkaufen bzw. zu diffamieren. Wir können nicht mal eine Maus nach Maßgabe (gewünschte Eigenschaften) schaffen. Der Schaden, den wir mit dieser Science Fiction Präsentation anrichten, ist indessen immens: Die meisten Bürger können die Realitätsnähe(ferne) -auch dank unseres lausigen Bio-Unterrichts- nicht einschätzen. Man muß solche Techniken als das darstellen, was sie sind: Mittel, um uns ein Verständnis der o.g. Mechanismen zu verschaffen, sie für Maßmenschen einsetzen zu wollen, ist auf absehbare Zeit ein zum Scheitern verurteiltes und daher unethisches Experiment. Dennoch brauchen wir die Forschung, vielleicht auch an menschlichen Embryonen, wenn wir an Stelle von mittelalterlichem Hokuspokus wissenschaftlich fundierte und planvolle Medizin wollen.
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