Gen und Gewohnheit Ungesundes Essen, nicht Veranlagung macht dick

Die Versuchstiere hätten eigentlich zum Fettsein verdammt sein müssen: Forscher hatten die Kraftwerke ihrer Zellen gehemmt - die Energieumwandlung war gestört. Doch einige Mäuse blieben auch mit veränderten Erbanlagen rank und schlank. Erst mit falscher Ernährung gingen sie in die Breite.


Es war kein schlimmer Defekt, den die Labormäuse künstlich verpasst bekommen hatten: Ein Fehler im Gen aP2 sorgte dafür, dass ihre Mitochondrien weniger gut funktionierten als bei gesunden Tieren. Diese kleinen Funktionseinheiten kommen in allen Körperzellen vor - und zwar in vielfacher Ausführung, denn sie sind die Kraftwerke allen Lebens.

Jogger: Sport hält im Alter die Kraftwerke der Zellen fit - gleich ob mit oder ohne Disposition zur Fettleibigkeit
DPA

Jogger: Sport hält im Alter die Kraftwerke der Zellen fit - gleich ob mit oder ohne Disposition zur Fettleibigkeit

Im Prinzip wandeln sie angelieferte Nährstoffe zusammen mit Sauerstoff zum universellen Zelltreibstoff Adenosintriphosphat (ATP) um, und liefern so Muskel-, Nerven- und all den anderen Zellen Kraft - der Endpunkt jener Energie, die Lebewesen mit dem Essen aufnehmen. Dass Störungen bei dieser Energieumwandlung bei Menschen zur Fettsucht beitragen kann, war schon lange vermutet worden. Vom Gen beziehungsweise dem Genfehler fürs Dicksein ist bei so etwas schnell die Rede. Aber ist das wirklich so einfach: defekte Erbanlagen = fettleibig?

Forscher der Universitäten Jena und Potsdam sowie des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung in Potsdam haben das an den Labormäusen mit dem kleinen Defekt untersucht: Alle Tiere im Experiment verfügten über Mitochondrien mit suboptimaler Energieumwandlung. Doch nur die Versuchsgruppe wurde zusätzlich mit einem Futter versorgt, das die Forscher um den Jenaer Ernährungswissenschaftler Michael Ristow als "kalorienreich" und "westlichen Ernährungsgewohnheiten entsprechend" bezeichneten.

Die anderen Mäuse in der Kontrollgruppe wurden hingegen mit einer ballaststoffreichen, an Fetten und Kohlenhydraten armen Nahrung versorgt. Die Kalorienmenge und das Ausmaß an Bewegung, das die Tiere genossen, waren in beiden Gruppen identisch, berichten die Forscher im Wissenschaftsmagazin "Proceedings to the National Academy of Sciences" (Bd. 103, Nr. 15, S. 6379). Nach 30 Wochen mussten die Nager auf die Waage - und da zeigte sich ein eindeutiger Unterschied.

Gendefekt machte nur bei westlicher Ernährung dick

"Der Unterschied ist, dass Tiere, die eine normale Diät zu sich nehmen, keine Gewichtszunahme aufwiesen", sagte Tim Schulz von der Universität Jena, der an der Forschungsarbeit beteiligt war. Bei den Mäusen der Versuchsgruppe stellten die Forscher nicht bloß mehr Körpermasse und -fett fest. Diese entwickelten auch Diabetes mellitus. Die Ergebnisse der Studie zeigten, dass die in den westlichen Industrieländern übliche Ernährung im Durchschnitt nicht gesund sei, sagte Schulz. "Und dass eine genetische Disposition dazu beitragen kann, das noch zu verstärken."

Als genetische Entschuldigung für hemmungslose Vielesser taugt die Erkenntnis nur bedingt. Schon lange ist bekannt, dass die Leistung der Mitochondrien älterer Menschen mit der Zeit abnimmt. So werden Menschen statistisch gesehen im Laufe ihres Lebens auch dicker und schwerer. Jedoch ist ebenso bekannt, dass sich die zellulare Energieumwandlung durch Ausdauersport auf hohem Niveau halten lässt.

Sollte dergleichen Forschung einmal zu einem Gentest für die mitochondriale Fettsucht-Veranlagung beim Menschen führen, dann werden diejenigen, bei denen ein Defekt diagnostiziert wird, einen allzu bekannten Ratschlag zu hören bekommen: Weniger Fett, weniger Kohlehydrate, mehr Ballaststoffe - und Bewegung bitte.

stx/ddp



insgesamt 121 Beiträge
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Seite 1
Wegwarte, 03.04.2007
1. Für eine bessere Ernährung
Zitat von sysopGesünder essen, besser leben: Was tun Sie für eine vernünftige Ernährung? Auf was können Sie verzichten? Wie lassen sich gute Vorsätze im täglichen Leben realisieren?
muss man in erster Linie nachdenken. Einfach nur essen macht auf die Dauer schlapp! Neben Bewegung gehört auch ein Mehr an Obst und Gemüse auf den Speiseplan, fleischlose Tage und genügend Flüssigkeit (Wasser). Verzicht rate ich bei allen Fastfoodverlockungen, egal, welchem Kulturkreis sie angehören. Die Speisen sollten nicht zu spät und in zu großem Umfang eingenommen werden - Arbeitsessen daher während der Arbeitszeit und Bewegung in der Freizeit. Und gute Vorsätze sind nur gut, wenn sie auch in Handeln umgesetzt werden - ich habe so aufgehört zu rauchen, mein Alkoholgenuss halbiert und 10 kg abgenommen und habe wieder Kleidergröße 38. Ich kann Treppen ohne Schnaufgeräusche hochlaufen, was ich auch bei jeder Gelegenheit mache. Die Tipps gab mir mein 50 jähriger Vater!
Askan 03.04.2007
2.
Zitat von sysopGesünder essen, besser leben: Was tun Sie für eine vernünftige Ernährung? Auf was können Sie verzichten? Wie lassen sich gute Vorsätze im täglichen Leben realisieren?
Die Einstellung zum Essen ändern. Essen, wenn man Hunger hat,nicht,wenn es 12 Uhr mittags ist, Essen, bis man satt ist, nicht, bis der Teller leer ist. Alles für die Ernährung spielt sich im Kopf ab. Und wer Eßstörungen hat, nach den Ursachen suchen: Essen als Belohnung? Essen, weil man Streßesser ist? Außerdem: Bewegung kombiniert mit gesunder Ernährung - das ist es, was gesund hält. Bzw Ernährung abgestellt auf die Bewegung ist wichtig. Also: wer sich wenig bewegt, ißt weniger. Sich Gedanken über die Ernährung zu machen und bewußt essen, anstatt gedankenlos vor dem Fernseher die Brote oder die Chips insich reinstopfen. Jeder kann viel machen - jeder muß es sich nur bewußt machen!
Nina Katz, 03.04.2007
3. Überschrift stimmt nicht
Zitat von sysopGesünder essen, besser leben: Was tun Sie für eine vernünftige Ernährung? Auf was können Sie verzichten? Wie lassen sich gute Vorsätze im täglichen Leben realisieren?
Natürlich ist es auch Veranlagung! Wenn man den Mäuse-Artikel richtig liest, wird das auch gar nicht angezweifelt. Es gibt eben Menschen, die besser Nahrung verbrennen und verarbeiten als andere. Seufz. Da ich Vegetarierin bin (allerdings mit Fisch), habe ich keine besonders großen Probleme, da dies automatisch zu mehr Gemüse und Obst in der Ernährung führt. Liebe Grüße
C.Jung 03.04.2007
4.
Ich bin kein Ernährungswissenschaftler, aber denke: - wenig Fastfood - wenig denuaturierte Industrienahrung - wenig Zucker würden schon sehr viel helfen.
nielinom, 03.04.2007
5.
Ich habe meine Ernährung vor zwei Jahren auf LowCarb (wenig Kohlenhydrate) umgestellt. Das heißt, kein Brot, keine Kartoffeln, kein Reis, keine Nudeln und vor allem: kein Zucker. Die nötigen Kohlehydrate beziehe ich aus Gemüse. Ansonsten viel Eiweiß und hochwertige Fette. Resultat: Mehr Leistungsfähigkeit, 10 Kilo abgenommen, keine Migräne, kein Sodbrennen, Blutwerte, insbesondere Cholesterin und Triglyceride: Absolut Top.
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