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Genanalyse: Aids blieb in USA ein Jahrzehnt lang unerkannt

Anfang der achtziger Jahre war es auf einmal da: Aids forderte in den USA seine ersten Opfer. Forscher haben jetzt den Weg des HI-Virus anhand alter Blutproben rekonstruiert. Das Ergebnis: Das Virus kam aus Haiti in die USA - und zwar viel früher als vermutet.

1981 sorgte eine neue Krankheit in den USA für Aufsehen. Rätselhafte Fälle von Kaposi-Sarkomen - einer im Zuge von Immunschwäche auftretenden Krebserkrankung - und Lungenentzündungen unter homosexuellen Männern wurden in New York und Kalifornien beschrieben. Es waren die ersten Aids-Fälle in den USA. Doch nicht nur Homosexuelle waren betroffen - unter den Opfern befanden sich auch haitianische Einwanderer. 1983 schrieben Wissenschaftler in einem Bericht über 20 erkrankte Haitianer: "Dieses Syndrom ist von auffallender Ähnlichkeit mit dem Immunschwächesyndrom, das kürzlich bei amerikanischen Homosexuellen beschrieben wurde."

HI-Viren (elektronenmikroskopische Aufnahme): Von Afrika über Haiti in die USA gelangt
Goldsmith/ Feorino/ Palmer

HI-Viren (elektronenmikroskopische Aufnahme): Von Afrika über Haiti in die USA gelangt

Ein Team um Michael Worobey von der University of Arizona in Tucson hat jetzt Blutproben fünf haitianischer Aids-Opfer aus den Jahren 1982 und 1983 analysiert - und so den Weg des Virus von Afrika in die USA rekonstruiert. Haiti war für das HI-Virus das Sprungbrett in die USA - und damit in die ganze Welt, schreiben die Forscher im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Wissenschaftler vermuten, dass das HI-Virus wahrscheinlich in Zentralafrika um 1930 erstmals vom Tier auf den Menschen übersprang. Die älteste nachgewiesene HIV-Infektion stammt aus dem Jahr 1959. Sie wurde in einer menschlichen Blutprobe aus dem Kongo gefunden.

Wie der Aids-Erreger in die USA und von dort aus in alle Welt gelangte, war bisher unklar. Um diese Frage zu klären, hatten Worobey und seine Kollegen die Gensequenzen aus den haitianischen Blutproben mit 117 anderen aus aller Welt verglichen. Die HI-Viren der Haitianer gehörten zur Variante HIV-1, Gruppe M, Subtyp B. Sie ist die erste, die entdeckt wurde und die weltweit am stärksten verbreitet ist.

1969 kam das Virus in die USA

Anhand der Daten konnten die Wissenschaftler Stammbäume erstellen und den genauen Weg des Virus rekonstruieren: Um 1966 wurde es demnach von Afrika aus nach Haiti eingeschleppt. Drei Jahre lang kursierte es auf der Insel, mutierte und gelangte etwa 1969 in die USA. Andere Wissenschaftler hatten bislang vermutet, dass es genau umgekehrt war - Haiti habe das HI-Virus aus den USA bekommen. Worobey und seine Kollegen aber haben errechnet, dass die Wahrscheinlichkeit für dieses Szenario bei eins zu 10.000 liegt.

Ausbreitung von Aids: Rechts das von den Forschern erstellte Modell der Besiedelung von Haiti aus, links das ihrer Meinung nach widerlegte Modell
Michael Worobey, Department of Ecology and Evolutionary Biology, University of Arizona

Ausbreitung von Aids: Rechts das von den Forschern erstellte Modell der Besiedelung von Haiti aus, links das ihrer Meinung nach widerlegte Modell

Die in den USA am stärksten verbreitete HIV-Variante vom Subtyp B geht demnach auf einen einzigen Vorfahren aus Haiti zurück. Ein weiterer Beleg für die These der Forscher: Die Subtyp-B-Viren auf Haiti weisen eine größere genetische Vielfalt auf als in anderen Ländern außerhalb Afrikas. Als Erklärung dafür komme nur in Frage, dass das Virus in Haiti früher vorkam als in Nordamerika und Europa und deshalb mehr Zeit zum Mutieren hatte.

Die Wissenschaftler ziehen daraus eine beunruhigende Schlussfolgerung: Zwischen der Einschleppung im Jahr 1969 und der Entdeckung der ersten Aids-Fälle 1981 hatte sich das Virus zwölf Jahre lang unerkannt in den Vereinigten Staaten ausgebreitet - in einer der medizinisch am besten versorgten Gegenden der Welt.

Die Wissenschaftler erhoffen sich aus ihren Erkenntnissen nicht nur eine größere Klarheit über die Historie von Aids. Eine detailliertere Kenntnis des genetischen Aufbaus der verschiedenen HIV-Stämme könnte auch helfen, einen Impfstoff zu entwickeln, hofft Worobey. Die größte Schwierigkeit bei der Entwicklung eines Impfschutzes sei jedoch die enorme genetische Flexibilität des Virus.

lub/ddp

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