Gendefekt Fünf Geschwister bewegen sich nur auf allen Vieren fort

Wie Vierbeiner, auf Händen und Füßen, bewegen sich die Kinder einer kurdischen Familie fort. Ein Gendefekt nahm ihnen offenbar die Fähigkeit zum aufrechten Gang: Und er zeigt Wissenschaftlern, wie die Vorfahren des Menschen sich fortbewegt haben.


Während seine drei Schwestern Safiye, Senem und Amosh meist vor der Hütte ihrer Eltern verbringen, zieht es den 28-jährigen Huseyin ins Dorf - auf allen Vieren. Insgesamt sieben Kinder einer kurdischen Familie in der Südtürkei bewegen sich vorzugsweise auf Händen und Füßen zugleich voran. Allein auf ihren Beinen können fünf der Betroffenen überhaupt nicht laufen.


Die Familie verblüfft Wissenschaftler seit der zufälligen Entdeckung des Falles im vorletzten Sommer - und stellt sie zugleich vor die Frage: Was fehlt den Auf-allen-Vieren-Gehern? Zeigt sich hier, wie die Vorfahren des Menschen sich vor der Entwicklung des aufrechten Gangs vor mehr als drei Millionen Jahren fortbewegt haben? Oder handelt es sich schlicht um eine Marotte?

"Ich habe das auch für einen Fake gehalten, als ich zuerst davon gehört habe", sagt Stefan Mundlos, Genetiker am Berliner Universitätsklinikum Charité und am Max-Planck-Institut für molekulare Genetik in Berlin. Doch es war kein "Fake", nicht vorgetäuscht oder übertrieben. Mundlos hat mit einer Gruppe von Medizinern und Genetikern aus Berlin, München und dem türkischen Adana das Erbmaterial der Familie untersucht, um hinter das Geheimnis des Vierbeiner-Gangs zu kommen. Das berichten sie in einem Beitrag für das "Journal of Medical Genetics" (Online-Vorabveröffentlichung), der in einer der nächsten Ausgaben erscheinen soll.

Dass eine solche Art vierfüßiger Fortbewegung bei Menschen überhaupt existiert, verblüfft die Experten. "Physiologisch ist es möglich, was niemand vom Skelettbau moderner Menschen her erwartet hätte", sagte Nicholas Humphrey, Evolutionspsychologe von der London School of Economics, der Zeitung "Times". Die Geschwister könnten sich geschickt und effizient auf allen Vieren fortbewegen, berichtet Stefan Mundlos SPIEGEL ONLINE: "Die haben an den Händen mehr Hornhaut als ich an den Füßen. Schließlich laufen sie über Stock und Stein damit."

Genkartierung zeigt Schaden auf Chromosom 17

Vordergründig ist ein Hirnschaden der Grund für die seltsame Fortbewegung. Die Kinder der Familie haben Verkümmerungen im Stammhirn und sind mental zurückgeblieben. Eine Kartierung der DNA aller Familienmitglieder zeigte zweierlei, so Mundlos: Die Erkrankung ist genetisch bedingt und sie wird rezessiv vererbt, muss also von beiden Eltern an die Nachkommen weitergegeben werden. "Alle Kinder sind von dem Hirndefekt betroffen", berichtet Mundlos. Doch bei den übrigen Geschwistern sei dieser weit weniger ausgeprägt als bei den sieben Vierfüßlern.

Die Eltern der Kinder sind eng miteinander verwandt. In der abgeschiedenen, ländlichen Gegend ist es durchaus üblich, dass Cousins und Cousinen miteinander verheiratet werden. Elternschaft in enger Verwandtschaft ist ein begünstigender Faktor für Erbkrankheiten. Die Berliner Forscher grenzten die genetische Ursache ein: Auf dem Chromosom 17 sitzt das schadhaft veränderte Gen, das für die Vierfüßler-Krankheit verantwortlich ist. "So etwas ist extrem selten, das ist vorher noch nie beschrieben worden", sagt Mundlos.

Aufschluss über Fortbewegung vor aufrechtem Gang

Die türkischen Geschwister könnten der Wissenschaft einen Blick in evolutionär längst vergangene Zeiten eröffnen: Sie laufen, anders als etwa Gorillas oder Schimpansen, nicht auf den Fingerknöcheln, sondern auf den Handballen. Die ungewöhnlich nach oben abgespreizten Finger werden so geschont. Anthropologen hatten vermutet, dass die Vorfahren des Menschen so ihre empfindlichen Finger für feinere Tätigkeiten unbeschadet hielten. Auch die betroffenen Geschwister können ihre Finger für motorisch anspruchsvollere Tätigkeiten einsetzen, wie die Wissenschaftler beobachtet haben.

Nun ist umstritten, wie zwingend diese Form der Fortbewegung bei Safiye, Senem, Amosh, Huseyin und ihren Geschwistern ist: Evolutionspsychologe Humphrey gibt zu bedenken, dass auch soziale und psychologische Faktoren zu diesem Verhalten beigetragen haben.

Genetiker Mundlos sieht bei den Geschwistern einen Atavismus. "Dabei führt ein Gendefekt dazu, dass Eigenschaften wieder auftreten, die in früheren evolutionären Phasen vorhanden waren, im Laufe der Entwicklung aber verschwunden sind", sagt er. Beispiele für solche Rückentwicklungen seien Pferde mit mehreren Fingern statt nur eines Hufs und Menschen mit mehr als zwei Brustwarzen. Die Konsequenz daraus wäre, dass bei den Vierfüßler-Geschwistern ein Defekt im Erbgut ein verschüttetes Verhaltensmuster zum Vorschein gebracht hat. "Wie immer es dazu kam, hier haben wir erwachsene Menschen, die sich bewegen, wie unsere Vorfahren vor mehreren Millionen Jahren", sagt Nicholas Humphrey.

Das Team um Stefan Mundlos erforscht derzeit, an welchen Stellen genau auf dem Chromosom 17 sich Gene verändert haben. Er warnt aber vor der Suche nach zu einfachen Kausalbeziehungen für den Vierfüßler-Gang: "Das sind alles komplexe Eigenschaften, die nicht von einem Gen bestimmt werden. Man kann nicht mit einem einzigen Gen 20 Millionen Jahre Evolution rückgängig machen." Allerdings scheine es Schlüsselstellen zu geben, an denen kleine Veränderungen große Rückwärtsentwicklungen bewirkten.

Stefan Schmitt



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