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Gene und Gehirn: Der Geist ist reicher ausgestattet, als wir glauben

Unter dem Mikroskop sehen Bücher und DVDs gleich aus - genau wie Gehirne. Manche glauben daher, die Großhirnrinde sei immer gleich. Eine Illusion, glaubt der Sprachforscher Stephen Pinker. Die unterschiedlichen Schaltungen und Synapsen machen völlig verschiedene Gedanken und Gefühle möglich.

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Gehirnscan: "Die Anatomie und Genetik des Gehirns lassen viel mehr Mechanik zu, als heute irgendjemand einzuräumen bereit ist."
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Gehirnscan: "Die Anatomie und Genetik des Gehirns lassen viel mehr Mechanik zu, als heute irgendjemand einzuräumen bereit ist."

Marvin Minsky hatte 1974 befunden: "Die Anatomie und Genetik des Gehirns lassen viel mehr Mechanik zu, als heute irgendjemand einzuräumen bereit ist." Inzwischen erkennen jedoch viele Vertreter der evolutionären und domänenspezifischen Psychologie den von Minsky seinerzeit beschworenen Reichtum der Mechanik an.

Ich zum Beispiel vermute, dass der Geist in Form von kognitiven Systemen mit einer Spezialisierung auf Denken über Objekte, Raum, Zahlen, Lebewesen und andere seinesgleichen organisiert ist; dass wir mit Gefühlen ausgestattet sind, die andere Menschen auslösen können (Sympathie, Schuld, Ärger, Dankbarkeit) oder die die Außenwelt hervorruft (Furcht, Ekel, Ehrfurcht); dass wir je nach Beziehung unterschiedlich denken und empfinden (bezogen auf Eltern, Geschwister, Verwandte, Freunde, Ehegatten, Geliebte, Verbündete, Konkurrenten, Feinde); und dass wir über mehrere periphere Systeme verfügen, um mit anderen zu kommunizieren (Sprache, Gestik, Mimik).

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Wenn ich das lediglich vermute, so handelt es sich nicht um einen bloßen Glauben oder eine vage Ahnung, sondern ich kann in jedem einzelnen Fall empirische und theoretische Gründe anführen. Allerdings könnte ich es sicherlich nicht beweisen oder gar ad oculi demonstrieren, wie Molekularbiologen ihre Funde vorführen – das heißt so überzeugend, dass kein Raum für Zweifel bleibt und daher rasch ein Konsens hergestellt ist.

Der Autor
Der Experimentalpsychologe Steven Pinker ist Johnstone Family Professor am Department of Psychology der Harvard University. Zu seinen Publikationen gehören "Der Sprachinstinkt. Wie der Geist die Sprache bildet", "Wie das Denken im Kopf entsteht", "Wörter und Regeln. Die Natur der Sprache" und "Das unbeschriebene Blatt. Die moderne Leugnung der menschlichen Natur".
Die Idee einer reich ausgestatteten menschlichen Natur erscheint vielen vernünftigen Menschen, die oft auf gewisse anscheinend dagegen sprechende Aspekte der Neuroanatomie, der Genetik und der Evolution verweisen, nach wie vor nicht überzeugend. Ich glaube, kann jedoch nicht beweisen, dass diese Einwände im Zuge des wissenschaftlichen Fortschritts gegenstandslos werden dürften.

Gestützt auf Neuroanatomie und Neurophysiologie reklamieren Kritiker die Homogenität der Hirnrinde und berufen sich auf Tierversuche, bei denen man Rindengewebe neu vernetzt oder verpflanzt und dabei seine beliebige Austauschbarkeit festgestellt hat. Die Homogenität halte ich für eine Illusion, zumal das Gehirn der Informationsverarbeitung dient.

Genau wie einem, der die betreffende Sprache nicht kennt, alle Bücher in ihr gleich erscheinen, und alle DVDs, egal welchen Inhalts, unterm Mikroskop gleich aussehen, mag der Cortex sich dem Auge als homogen darbieten, aber trotzdem unterschiedliche Schaltungen und Synapsen enthalten, die ganz verschiedene Rechenfunktionen zulassen.

Ich glaube zum einen, dass diese Differenzen sich bei der Entwicklung der Hirnrinde in Mustern der Genexpression enthüllen werden, und zum anderen, dass jene Austauschbarkeit nur in frühen Stadien von Sinnessystemen vorliegt, die zufällig gleiche Rechenanforderungen stellen, zum Beispiel Signalübergänge in Zeit und Raum scharf voneinander zu trennen.

Aus dem Blickwinkel der Genetik haben Kritiker die geringe Zahl der Gene im Humangenom (nach heutigem Stand weniger als 25.000) und ihre große Ähnlichkeit mit dem Genom von Tieren hervorgehoben. Vermutlich werden Genetiker in den nichtcodierenden Regionen des Genoms (der sogenannten Müll-DNA) erhebliche Informationsvorräte finden, deren Umfang, Abstand und Zusammensetzung starken Einfluss auf die Genexpression haben könnte.

Die Gene selbst dürften weitgehend für die Körperorgane und -flüssigkeiten kodieren, die gattungsübergreifend fast gleich sind, während ein viel reicherer Fundus genetischer Informationen benötigt würde, um Generzeugnisse in Schaltkreise des Gehirns umzuformen. Ich glaube ferner, dass sich die von uns so eingeschätzten "gleichen Gene" bei unterschiedlichen Spezies in vielen Fällen auf der Sequenzierungsebene geringfügig voneinander unterscheiden – mit weitreichenden Folgen für den Aufbau des Organismus.

Aus evolutionärer Perspektive schließlich haben Kritiker hervorgehoben, wie schwierig es ist, die Anpassungsfunktionen psychischer Merkmale nachzuweisen. Ich glaube, dass sich dieses Problem lösen wird, sobald wir mehr über die genetische Basis psychischer Merkmale wissen. Neue Techniken der Genomanalyse, mit denen man im Genom nach statistischen Zeichen der Selektion forscht, werden zutage fördern, dass viele an der Kognition und Emotion beteiligte Gene in der Abstammung des Primaten, und vielfach des Menschen, speziell dafür selektiert wurden.

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