Gene und Verhalten "Wir können uns von unseren Genen nicht emanzipieren"

Wie sehr ist der Mensch ein Sklave seiner Gene - kann er sie überlisten? Soziobiologe Eckart Voland spricht im SPIEGEL-ONLINE-Interview über die Grenzen unseres Verstandes - und erklärt die Wurzeln von Selbstmordattentaten, Religion, sexueller Gewalt.


SPIEGEL ONLINE: Herr Voland, die Religionen versprechen den Menschen ewiges Leben, die Evolutionstheorie verheißt nur ein endliches Dasein als Gen-Marionette - kann es da wirklich verwundern, dass Darwins Theorie selbst nach 150 Jahren von der Mehrheit der Menschen noch immer nicht akzeptiert wird?

Eckart Voland: Es wundert mich nicht - aber ich vermute, es gibt auch andere Gründe: Unser Gehirn ist nicht auf das Verständnis der Evolution eingestellt. Wir denken nicht so dynamisch, wie sie es erfordert. Wir denken dualistisch, trennen Körper und Geist - aber dafür ist in der Evolutionstheorie kein Platz. Das ist in der Evolution nicht vorgesehen.

SPIEGEL ONLINE: Welchen evolutionären Vorteil bietet das offenbar hartnäckige Bedürfnis nach Religion?

Voland: Bei den Biologen gibt es zwei große Lager. Die einen vermuten, dass Religion nur ein Nebenprodukt des Gehirns ist. Andere sehen in der Religion einen evolutionären Vorteil. Durch gemeinsame Rituale, Mythen und Emotionen bindet Religion eine Gruppe zusammen, schafft eine Binnenmoral. Die hilft, um nach außen hin aggressiver auftreten zu können. Religion könnte also ein Überlebensstrategiereflex sein, der aus dem permanenten Konkurrenzkampf autonomer Gruppen um Ressourcen resultiert.

SPIEGEL ONLINE: Die Soziobiologie versucht, das Sozialverhalten - auch das des Menschen - evolutionär zu erklären. Evolutionär erfolgreich ist, wer seine Gene verbreitet. War in der Steinzeit Vergewaltigung eine erfolgreiche Strategie?

Voland: Manche Forscher glauben das, andere sehen in Vergewaltigern eine Extremform des normalen testosterongesteuerten Sexualverhaltens. Analysiert man aber sexuelle Gewalt, zeigt sich, dass sie sehr kontextspezifisch auftritt - ein Hinweis auf adaptive Strategien. Das zeigt uns wieder einmal: Was evolutionär gut ist, muss in einem humanistischen Weltbild nicht zwangsläufig auch gut sein. Sexuelle Gewalt hat evolutionäre Wurzeln, aber in der Moderne arbeiten wir daran, sie zu überwinden.

SPIEGEL ONLINE: Auf Herder geht der Ausspruch zurück, der Mensch sei der "erste Freigelassene der Schöpfung". Hat sich der Mensch also durch die Entstehung des Bewusstseins vom Diktat seiner Gene befreit?

Voland: Ich halte diese Vorstellung für grundfalsch. Es ist unbestritten, dass das menschliche Gehirn in der Natur außer Konkurrenz ist. Aber Lernen, Reflexion, Bewusstseinsfunktionen sind trotzdem hochgradig programmgesteuert. Diese Programme sind sehr schwer zu verstehen. Manche interpretieren diese Komplexität als Freiheit, weil sie sie nicht verstehen. Eine irrige Annahme.

SPIEGEL ONLINE: Ist Verhütung ein Akt evolutionären Ungehorsams?

Voland: Wenn man der Auffassung ist, dass evolutionäre Fitness gleichzusetzen wäre mit Fruchtbarkeit, dann ja. Aber beides ist nicht immer gleichzusetzen. In gesättigten Gesellschaften, wo Populationswachstum kaum mehr möglich ist, ist es evolutionär von Vorteil, weniger Kinder heranzuziehen - diese dann aber besonders wettbewerbsfähig zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Tiere, die verhüten?

Voland: Es gibt Mechanismen, die Empfängnis regulieren. Das könnten Sie in gewisser Weise als Verhütung bezeichnen. Der Eierstock der Säugetiere ist ein kompliziertes Organ, nicht bei jedem Geschlechtsverkehr findet eine Empfängnis statt. Wenn die Umstände für eine Fortpflanzung ungünstig erscheinen, wird die Entwicklung der befruchteten Eizelle eingestellt.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklärt die Soziobiologie das Phänomen Selbstmord?

Voland: Das ist eine extrem spannende Frage, auf die es keine leichte Antwort gibt. Zuerst muss man unterscheiden: Es gibt Selbstmorde, die durch Depressionen bedingt sind. Und es gibt solche aus Motiven des Heldentums, wie bei Kamikaze-Fliegern oder Selbstmordattentätern.

SPIEGEL ONLINE: Depression ist letztlich eine Folge fehlgeschlagener sozialer Interaktion ...

Voland: ... von sozialer Konkurrenz. Man hat Probleme, soziale Anerkennung zu erlangen. Für den sich im ständigen sozialen Wettbewerb befindlichen Menschen ist der Prestigeverlust psychisch schlimmer als der Ressourcenverlust. Das sind die Kosten des Gesamtsystems. Natürlich ist der Suizid evolutionär nicht von Vorteil, aber das System der Prestigekonkurrenz als solches gesehen schon - und es kann nur funktionieren, wenn auch Kosten entstehen. Sozusagen als Warnung.

SPIEGEL ONLINE: Und warum bringen sich Selbstmordattentäter freiwillig um?

Voland: Das Phänomen Selbstmordattentäter erklärt die Soziobiologie als eine Form des Altruismus, der im Interesse der Eltern liegt, nicht im Interesse des Täters selbst. Wenn sie eines ihrer Kinder als Krieger heranziehen und opfern, dann können sie das wie eine Art Steuer für die Gemeinschaft sehen - und letztlich natürlich auch für sich selbst. Diejenigen Gemeinschaften, die nicht in die Feindabwehr investiert haben, haben letztlich auch nicht standgehalten. Es ist natürlich eine sehr inhumane Form der Steuer, man zahlt nicht mit Geld, sondern mit Menschenleben.

SPIEGEL ONLINE: Die Eltern des Selbstmordattentäters erhöhen also ihre Fitness, indem sie ihr Kind opfern?

Voland: Ja, weil sie in die Erhaltung ihres Clans investieren. Es zahlt sich ja auch direkt aus, wenn Sie sich mal moderne Konflikte anschauen: Eltern von Selbstmordattentätern bekommen die Anerkennung der Gemeinschaft und erhalten finanzielle Unterstützung. Besonders zynisch dabei ist, dass Eltern mitunter Kinder opfern, die in anderen Bereichen des Lebens nicht als große Hoffnungsträger gelten.

SPIEGEL ONLINE: Der Begründer der Theorie vom egoistischen Gen, Richard Dawkins, sprach erstmals von Memen – Ideen, Wörter, Gedanken, Lieder, Bilder, die sich wie Gene in menschlichen Gehirnen verbreiten. Ist das eine völlig neue Evolution, die hier stattfindet?

Voland: Ich persönlich stehe der Mem-Theorie eher skeptisch gegenüber. Um von Evolution sprechen zu können, brauchen wir Replikatoren, sich selbständig vervielfältigende Informationseinheiten. Meme kopieren sich ja nicht selber. Wir Menschen suchen uns die Meme heraus, die zu uns passen, und replizieren sie. Ich würde also von einem selektiven Gebrauch von Memen sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Die Mem-Forscherin Susan Blackmore befürchtet bereits eine weitere Mem-Evolution, die nicht mehr in Gehirnen, sondern im Internet stattfindet. Wenn es Maschinen eines Tages gelänge, sich selbst zu reproduzieren, könnten sie zu einer Bedrohung für den Menschen werden. Science-Fiction oder reale Gefahr?

Voland: Das ist Kulturpessimismus wie in Charlie Chaplins Film "Moderne Zeiten": Der Mensch gerät unter die Räder der Maschinen, ist nicht mehr Herr des Ganzen. Das Szenario Blackmores ist genau dasselbe, nur hat sie die Zahnräder gegen IT-Technologien getauscht. Selbst wenn es einmal so sein sollte, dass Menschen Aufgaben an intelligente Maschinen delegieren werden - ihre Autonomie werden sie nicht so leicht aus der Hand geben.

SPIEGEL ONLINE: Sind nicht Computerviren schon die erste Form sich selbst replizierender Meme?

Voland: Ja, aber ein Szenario wie von Blackmore beschrieben halte ich dennoch für ausgeschlossen unwahrscheinlich. Denn die Menschen wehren sich gegen Computerviren, entwickeln Anti-Viren-Programme.

SPIEGEL ONLINE: Darwin studierte Tiere und Pflanzen und leitete davon das Prinzip der Evolution ab. Heute haben Evolutionsbiologen eine recht kalte Sicht auf die Dinge. Was würde Darwin dazu sagen?

Voland: Es ist in der Tat eine technische Sprache, die die Evolutionsbiologen benutzen. Auch Darwin war Wissenschaftler, aber das hat ja nichts damit zu tun, dass man den Wundern der Natur nicht auch emotional gegenüberstehen kann.

SPIEGEL ONLINE: Craig Venter sieht in der DNA die Software des Lebens, die er zum Wohle des Menschen beliebig programmieren möchte. Haben damit die Menschen die endgültige Herrschaft über die Gene und die Evolution erlangt?

Voland: Die Medizin hat grandiose Fortschritte gemacht, aber sie wird nie endgültig triumphieren können. Auch wenn der Mensch die DNA nutzbar macht - er hört damit nicht auf, ein biologisches Wesen zu sein. Man kann sich von der DNA nicht emanzipieren. Ohne DNA läuft einfach nichts.

Das Interview führte Jens Lubbadeh



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Family Man 26.01.2009
1. "Unsere Gene"
Hallo Sysop, ein nettes Thema. Viel dringender wäre allerdings die Diskussion über die künftigen Eigentumsrechte auf Gene. Die neuen und kommenden rechtlichen Bedingungen zeichnen ein Horrorszenario für die Zukunft auf: Jemand könnte aus meinem Blutstropfen DNA extrahieren und ein Patent darauf eintragen. Somit wäre man nicht Eigentümer seiner eigenen Gene. Dies muss unbedingt verhindert werden.
averroes 26.01.2009
2. Banalitäten
Zitat von sysopWie sehr ist der Mensch ein Sklave seiner Gene - kann er sie überlisten? Soziobiologe Eckart Voland spricht im SPIEGEL-ONLINE-Interview über die Grenzen unseres Verstandes - und erklärt die Wurzeln von Selbstmordattentaten, Religion, sexueller Gewalt. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,602913,00.html
Zitat aus dem Interview: "SPIEGEL ONLINE: Wie erklärt die Soziobiologie das Phänomen Selbstmord? Voland: Das ist eine extrem spannende Frage, auf die es keine leichte Antwort gibt. Zuerst muss man unterscheiden: Es gibt Selbstmorde, die durch Depressionen bedingt sind. Und es gibt solche aus Motiven des Heldentums, wie bei Kamikaze-Fliegern oder Selbstmordattentätern." Das zeigt, was Voland "erklärt" bzw. erklären kann: Eine banale Antwort, die sich jeder Halbgebildete zusammen reimen kann. Offenbar zeigt unsere geistige Elite erhebliche Insuffizienzerscheinungen. Auch die anderen Antworten von Voland zeigen kein höheres Niveau - bestenfalls Banalitäten mit äußerster Arroganz vorgetragen! Hat sich der SPIEGEL da nicht erheblich vertan ob dieses wichtigtuerischen Interviewpartners? Oder geht auch hier das Niveau langsam aber sicher auf "Unter-Teppich-Level"?
chagall1985 26.01.2009
3. Wat ein Scheiß!
Wenn ein Evolutionsbiologe anfängt mir die Welt zu erklären ist einseitigkeit und Schubladendenken vorprogrammiert. Genauso als wenn man einen Bischof befragen würde. Wenn Ich gegen die höchste Regel der Evolution verstosse (meine Gene zu verbreiten) indem Ich mich opfere, dann erklärt dieser Spinner das als eine Art Steuer der Eltern für die Verteidigung der Allgemeinheit. Gut mag es geben! Die Hamas und Konsorten zahlen ja auch für zerfetzte Kinder. Aber! Wie erklärt dieser Spinner dann das erfolgreiche und in der Familie lebende Menschen selbstmord begehen weil sie sich innerlich leer fühlen. Oder das ein, aus gutem Hause stammender Muslim, zum Terroristen wird. Wie erklährt man mit Genen, das es Menschen gibt die einen Hang dazu haben die Gesellschaft zu kritisieren. Oder wie erklärt man Gandhi? Mir kommen diese Generklärer (Soziobiologen) genauso vor wie die Vertreter der Empirismus mit Ihrem weissen Blatt Papier das der Mensch sei. Erst Erfahrung und das sinnliche erleben prägen unser weisses Blatt. Dann kam Kant! Es ist sicherlich so das Gene viel steuern und uns auch stark beeinflussen. Aber den Menschen und sein verhalten komplett dadurch zu erklären ist ein radikaler und einseitiger Ansatz der viel Stuss hervorbringen kann. Natürlich Stuss den man hervorragend innerhalb des Denksystems erklären kann.
la borsa, 26.01.2009
4. Was wir Intuition nennen,
Zitat von sysopWie sehr ist der Mensch ein Sklave seiner Gene - kann er sie überlisten? Soziobiologe Eckart Voland spricht im SPIEGEL-ONLINE-Interview über die Grenzen unseres Verstandes - und erklärt die Wurzeln von Selbstmordattentaten, Religion, sexueller Gewalt. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,602913,00.html
dass sind die blitzschnellen Ergebnisse unseres ganzen Gehirns; diese Ergebnisse werden uns als sog. Bauchgefühl in den Frontallappen übertragen. Dort stehen diese diffussen Erkenntnisse zur Nachbeabeitung (= bewußte Analyse und Entscheidung) zur Verfügung. Was wir also Genialität oder als "Funken Gottes" bezeichen, dürfte sich auch nur aus der unterbewußten Gesamtleistung des Gehirns ergeben, wenn wir uns nur lange genug mit einem Problem beschäftigen. Das vegetative Nervensystem (Regelkreis 1) entspricht dem Betriebssystem eines Computers. Allerdings ist dieser Regelkreis 1 vernetzt mit Regelkreis 2 (Frontallappen). Das somatische System (Regelkreis 3) ist für Antriebs- und Aufmerksamkeitsniveau verantwortlich ( = Compi: Taktrate des Prozessors). Klar: Etwas Vereinfachend geschildert. Die persönliche Denkleistung, die wir letztlich mit unserem bewußten Willen erbringen, wenn es ihn denn wirklich gibt, ist die Steuerung des Unbewußten. Wir entscheiden immer noch, wie wir Reiz- und Erregungszustände letztlich abarbeiten wollen. Die Frage allerdings,ob wir Egoisten oder Altruisten werden, dürfte dem vegetativen Nervensystem komplett zuzuschreiben sein. In diesem Forschungsbereich "Gene und Verhalten" ist alles im Fluß. Spannend wir es werden, wenn die Designer-Gene (= auch Grundbaupläne der Viergliedrigen genannt) besser bewertet werden können. *Ich glaube, wir werden noch Überraschungen erleben. So kann es durchaus sein, dass wir nur Kinder des Quanten-Computers Universum sind und dem kontrollierten Zufall unterliegen.*
die_lorks 26.01.2009
5. sozialbiologischer Werterelativismus
Zitat Voland: "Analysiert man aber sexuelle Gewalt, zeigt sich, dass sie sehr kontextspezifisch auftritt - ein Hinweis auf adaptive Strategien. Das zeigt uns wieder einmal: Was evolutionär gut ist, muss in einem humanistischen Weltbild nicht zwangsläufig auch gut sein." Voland sollte sich nicht wundern, wenn man ihm nach solch einer Antwort Werterelativismus vorwirft.
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