Genetik Warum Hunde so verschieden sind

Dogge, Greyhound, Chihuahua - kein anderes Haustier bildet derart unterschiedliche Rassen wie der Hund. Genetiker beginnen gerade zu verstehen, welche Erbanlagen - aber auch komplexen genetischen Mechanismen - hinter dieser Vielfalt stecken.

Von Elaine A. Ostrander


Ein Pekinese wiegt gerade ein paar Pfund, manch ein Bernhardiner bringt es auf 90 Kilo. So unähnlich beide aussehen - sie gehören trotzdem zur selben Art oder Biospezies. Nicht nur Hundefreunde und Züchter interessiert, wie die riesigen Unterschiede zwischen den vielen Rassen beim Haushund zu Stande kommen und wie es gleichzeitig sein kann, dass die Tiere einer Rasse einheitlich aussehen. Auch Säugetiergenetiker widmen sich in den letzten Jahren verstärkt solchen Fragen.

Hauptsächlich wollten die Forscher klären, welche Gene die diversen Krankheiten von Rassehunden mitverschulden, als sie Anfang der 1990er Jahre das "Hundegenomprojekt" ins Leben riefen. Zuchtverbände unterscheiden heute bis zu mehrere hundert Rassen. Die meisten davon existieren erst seit höchstens einigen Jahrhunderten. Oft sind sie in sich genetisch wenig vielfältig - zum einen, weil die Zucht einer neuen Rasse meist auf ganz wenigen, nah miteinander verwandten Tieren aufbaut, zum anderen, weil es nicht selten vorkommt, dass ein Typ plötzlich kaum noch gefragt ist und fast verschwindet, dann aber neuerlich Mode wird und aus einem ganz kleinen Genreservoir wieder auflebt. So erklärt sich, wieso besonders reinrassige Hunde vielfach an genetisch bedingten Krankheiten leiden. Die Genetiker versprechen sich von den Hundestudien aber auch Einsicht in eine Reihe von erblich bedingten Leiden, die ähnlich beim Menschen vorkommen - etwa bestimmte Arten von Krebs, manche Formen von Taubheit, Epilepsie, Diabetes, grauem Star oder bestimmte Herzleiden.

Hunde besitzen insgesamt 78 Chromosomen (der Mensch 46). Außer den beiden Geschlechtschromosomen (X und Y genannt) haben sie also 38 weitere Chromosomenpaare, die so genannten Autosomen. Nachdem die Forscher das Hundegenom mit seinen 2,4 Milliarden Basenpaaren zunächst grob kartiert hatten, gelang ihnen bald die Handhabe und Zuordnung auch einzelner großer DNA-Abschnitte. Bis zum Jahr 2003 hatten sie als Erstes knapp 80 Prozent der Erbsequenzen eines Pudels, eines Rüden, grob erfasst. Nicht lange danach konnten sie mit einer fast kompletten Sequenzierung des Genoms einer Boxerhündin aufwarten. Diese Sequenz dient heute als Referenzgenom des Hundes.

Die Möglichkeiten der Haustiergenetiker, erblichen Eigenschaften nachzuspüren, haben sich hierdurch tief greifend verfeinert. Wenn sie früher nach Erbhintergründen für eine Krankheit oder ein bestimmtes Merkmal suchten, setzten sie gewöhnlich bei bekannten Genen oder Genfamilien mit passenden Funktionen an. Manchmal kommt man so gut weiter, doch oft hat man viel Zeit und Geld umsonst eingebracht. Darum bedienen sich die Forscher heute zunehmend der raffinierteren Verfahren, die das Hundegenomprojekt eröffnet. Dank dessen können wir nun zum Beispiel leichter den genetischen Hintergrund von Zuchtrassen erfassen. Auch gewinnen wir neue Anhaltspunkte, welche körperlichen Merkmale wir zu Hilfe nehmen können, um nach kritischen Erbanlagen zu suchen. Entscheidend weitergekommen sind wir zudem in Fragen der Kartierung von Genen für die Körpergröße, Statur und Muskelmasse.

Dass die Haushunde von Wölfen abstammen, gilt heute als gesichert. Die ersten gab es vielleicht schon vor 40.000 Jahren. Ihre Domestikation könnte somit wesentlich früher als die anderer Haustiere begonnen haben, möglicherweise in Südostasien. Viele der heute beliebten Rassen entstanden allerdings erst im 19. Jahrhundert in Europa durch gezielte Zucht. Vereinzelt wissen wir zwar von ganz ähnlichen Tieren aus der Antike, doch ist unklar, ob etwa der Greyhound oder der Pharaonenhund, beides große Windhunde, tatsächlich auf jene uralten Formen zurückgehen oder nach antiken Vorbildern neu gezüchtet wurden.

Wann man von einer eigenen Hunderasse spricht, ist nicht einheitlich festgelegt. Des wegen schwankt die von verschiedenen Verbänden angegebene Anzahl. Die internationale Vereinigung für Kynologie, F. C. I. (der Dachverband für Zucht und Haltung von Hunden), hat weit über 300 Rassen registriert. Auch werden immer wieder neue anerkannt. Bei manchen Verbänden müssen zum Beispiel sowohl die Eltern als auch die Großeltern als reinrassig registriert sein. Wegen solcher strengen Regularien stellen viele heutige Rassen quasi geschlossene Populationen dar, in die von außen kaum neue Genvarianten - Allele - einfließen. Fast zwangsläufig sind Rassehunde darum genetisch meist weniger heterogen als Mischlinge. Diesen Effekt verstärkt der Mensch noch, wenn er etwa bevorzugt Tiere zur Weiterzucht verwendet, die in Wettbewerben gesiegt haben.



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