Genf Weltgrößter Teilchenbeschleuniger nimmt Arbeit auf

Das größte Experiment der Welt hat begonnen - und die Anwohner des Kernforschungszentrums Cern nehmen's gelassen. An gefährliche Schwarze Löcher glaubt kaum jemand in Genf. Junge Cern-Mitarbeiter nehmen kursierende Weltuntergangsszenarien sogar genüsslich auf die Schippe.

Aus Genf berichtet


Kommt alle zur Weltuntergangsparty! Für Andrej Loginow sind die grassierenden Ängste vor dem Teilchenbeschleuniger LHC, der heute morgen seinen Betrieb aufnahm, ein willkommener Anlass, sich abends in der Kneipe zu treffen. Loginow ist kein geschäftstüchtiger Partyveranstalter - der russische Physiker arbeitet vielmehr am Genfer Kernforschungszentrum Cern. Und auf die seiner Meinung nach absurden Theorien zu den Risiken der geplanten Protonenkollisionen am LHC gibt es nur eine Antwort: irisches Bier in Strömen.

Und so versammelten sich am Dienstagabend Dutzende Cern-Mitarbeiter in einem Pub nahe der Genfer Universität, um auf das Ende der Welt anzustoßen - augenzwinkernd natürlich. Aus den Lautsprechern wummerte Musik, Beamer und Flachbildschirme zeigten eine Diashow mit Fotos vom Bau der über drei Milliarden Euro teuren Höllenmaschine LHC. "Der Letzte macht bitte das Licht aus", hatte sich ein Spaßvogel aufs T-Shirt geschrieben.

Die Pressestelle des Cern wollte mit dem makaberen Besäufnis offenbar nichts zu tun haben. "Wir kommentieren das Privatleben unserer Beschäftigten nicht", hieß es. Kommentare, Stellungnahmen und Einschätzungen zu dem angeblich bevorstehenden Weltuntergang gab es hingegen zuhauf - nicht nur von der Cern-Pressestelle.

Seit eine Handvoll LHC-Skeptiker die These von mikroskopischen Schwarzen Löchern verbreitet, die wachsen könnten und so nach und nach die ganze Welt verschlingen, sind die Kernphysiker der Welt plötzlich in die Defensive geraten. Die bahnbrechenden Erkenntnisse über Grundfragen der Physik, die der LHC-Beschleuniger in den nächsten Jahren liefern soll, interessieren nur noch am Rande. Stattdessen müssen Forscher immer und immer wieder erklären, warum die Welt bei den am LHC geplanten Kollisionen nicht gefährdet ist.

"Wir werden nicht verschwinden"

Die Schweizer Presse, insbesondere Zeitungen aus Genf, überschlagen sich geradezu in Beteuerungen und Erklärungen, dass schon nichts passieren werde. "Keinerlei Gefahr" titelt beispielsweise "Le Matin" und bringt auf den Seiten zwei und drei ein ausführliches Interview mit dem Montrealer Astrophysiker Hubert Reeves. "Es gibt kein Risiko", sagt Reeves, das seien alles nur Gerüchte. Die Argumente von LHC-Kritikern wie dem Tübinger Chaosforscher Otto Rössler seien "hochspekulativ" und "überhaupt nicht fundiert".

Noch einen Schritt weiter geht die Tageszeitung "Tribune des Geneve".

Sie hat Bewohner der zu Genf gehörenden Kommune Meyrin befragt. In Meyrin befindet sich der Schweizer Teil des Cern, Tausende Forscher arbeiten auf dem riesigen Areal. An den Außengrenzen von Meyrin werden zwei der vier Kollisionsexperimente stattfinden: "Atlas" und "LHCb".

Die Meyriner wären somit die ersten, die in einem von Rössler postulierten Schwarzen Loch (siehe Video) verschwänden.

Daran glaubt in Meyrin jedoch kaum jemand. "Wir werden nicht verschwinden", sagt eine Radiologin aus dem nahe am Cern gelegenen Krankenhaus Hopital de la Tour. Schon im Jahr 2000 habe man das Ende der Welt prophezeit, erklärt ein 35-jähriger Mann. "Wir sind es gewohnt, mit dem Cern zu leben", sagt eine Sekretärin.

Für den heutigen Tag besteht ohnehin keine Gefahr, selbst wenn an Rösslers Theorie etwas dran sein sollte. Denn am heutigen Mittwoch wollen die Wissenschaftler noch keine Kollisionen wagen. Ziel ist vielmehr, dass ein Protonenstrahl mindestens eine ganze Runde durch den Beschleunigerring schafft. Das könnte mit viel Glück schon bis Mittag gelingen, womöglich aber auch erst am Nachmittag - oder gar nicht. Die ersten richtigen Crashs, bei denen gegenläufig beschleunigte Protonen aufeinanderknallen, sind für die nächsten Wochen geplant - allerdings zunächst auch bei sehr geringen Energien, die bereits von früheren Beschleunigern erreicht wurden.

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