Genforschung Venter entzifferte eigene DNS

Die gefeierte Sequenzierung des menschlichen Genoms war auch ein Egotrip: Nach Angaben von Craig Venter, Ex-Chef der Firma Celera Genomics, stammt ein Großteil der entzifferten Erbsubstanz von ihm.


Mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms konnte sich Craig Venter offenbar mühelos identifizieren. Ein Großteil der DNS, die seine Firma Celera Genomics bei der Sequenzierung benutzte, sei seine eigene gewesen, gab der US-Forscher jetzt zu. Damit bestätigte er, was viele Kollegen schon länger vermutet hatten.

Genpionier Venter: Abnormaler Fettstoffwechsel
DPA

Genpionier Venter: Abnormaler Fettstoffwechsel

Als Celera Genomics und das konkurrierende, staatlich finanzierte Human Genome Project im Juni 2000 ihre ersten Rohversionen der Genkarte vorstellten, hatte das von Venter mitgegründete Unternehmen noch erklärt, die verwendete DNS stamme von fünf anonymen Personen verschiedener ethnischer Herkunft. Mit Venters Eingeständnis ist nun klar, dass die Celera-Forscher mit diesen Proben auch das Erbgut des eigenen Chefs entzifferten.

Zur Bereitstellung seiner DNS habe ihn, so der im Januar von seinem Posten als Celera-Präsident zurückgetretene Venter, einerseits wissenschaftliche Neugier getrieben, andererseits aber auch Verantwortungsgefühl: Was er den anderen Spendern zumutete, nämlich den Verlust ihrer "genetischen Privatsphäre" zu riskieren, habe er ebenfalls von sich selbst verlangen wollen.

Aus der Analyse seines Erbguts hat Venter bereits Konsequenzen gezogen: Die Untersuchung habe ergeben, dass er eine besondere Genvariante aufweist, die mit einem abnormalen Fettstoffwechsel und einem erhöhten Alzheimerrisiko verbunden sei, erklärte der Genpionier. Er nehme deshalb Mittel, die dem Einfluss des Gens entgegenwirken sollen.

Die Offenbarung des Ex-Celera-Chefs, der von seinen Gegnern schon oft als egozentrisch kritisiert wurde, kommentierten Kollegen äußerst unterschiedlich. Die einen reagierten mit Belustigung, nach Meinung anderer spielt es überhaupt keine Rolle, wessen Erbgut sequenziert wurde.

Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats von Celera Genomics zeigten sich von Venters Äußerungen dagegen enttäuscht: "Ein Genom, das als wissenschaftlicher Meilenstein gedacht ist, sollte anonym bleiben", sagte Arthur Caplan, ein Experte für biomedizinische Ethik von der University of Pennsylvania, der "New York Times". "Es sollte eine Karte von uns allen sein, nicht die eines einzigen."



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