Genforschung Zweifel an Stammzellen-Sensation

Es soll der Ausweg aus einer ethischen Zwickmühle sein: Der US-Forscherstar Robert Lanza will ein Verfahren zur Herstellung embryonaler Stammzellen entwickelt haben, das ohne die Zerstörung menschlicher Embryos auskommt. Andere Experten finden an der Studie aber wenig Neues.


Gewagte Hypothesen, Skandale und ab und zu dann doch mal ein echter Fortschritt: Nicht immer sind die Meldungen aus der Stammzellforschung so innovativ und relevant, wie sie zunächst scheinen. Nun will Robert Lanza, in den USA einer der prominentesten Genforscher, ein Verfahren zur Gewinnung embryonaler Stammzellen entwickelt haben, bei dem keine menschlichen Embryos zerstört werden.

Sollte das stimmen, könnte es der lang gesuchte Ausweg aus dem zentralen moralischen Dilemma der Stammzellforschung sein. Das besteht darin, dass embryonale Stammzellen zwar enorme medizinische Forschritte versprechen, bisher aber nur mit Methoden hergestellt werden können, bei denen menschliche Embryos zerstört werden. Das Ergebnis: In den meisten Staaten ist die Forschung strengen Restriktionen unterworfen.

Lanzas Studie, die jetzt im Fachblatt "Nature" erschienen ist, zeigt einen Ausweg - allerdings nur auf den ersten Blick. "Sehr geschickt verpackte heiße Luft", nennt Hans Schöler, Direktor des Max-Planck-Instituts für Molekulare Biomedizin in Münster, Lanzas Artikel. Aus wissenschaftlicher Sicht sei die Arbeit nicht besonders interessant. Immerhin: "In technischer Hinsicht gibt es nichts an der Arbeit auszusetzen", meint Schöler.

Normalerweise werden embryonale Stammzellen aus einem Haufen mit etwa 300 Zellen, der Blastozyste, gewonnen. Dabei entnimmt man dem Embryo eine größere Zellmasse - was ihn zerstört. Im vergangenen Jahr hatten Lanza und seine Kollegen des Unternehmens Advanced Cell Technology (ACT) bereits gezeigt, dass sich aus einer einzelnen Zelle eines Maus-Embryos eine Stammzellkolonie züchten lässt. Nun testeten die Wissenschaftler das Verfahren mit menschlichen Embryonen.

Dazu entnahmen sie 16 menschlichen Embryos, die aus nur acht bis zehn Zellen bestanden, einzelne Zellen und setzten sie in eine Nährlösung. Nur aus zweien entwickelten sich stabile Stammzelllinien, die sich auch nach acht Monaten noch genauso verhielten wie die bisher bestehenden Linien, schreiben die Forscher.

"Das ist ein recht ineffizientes Verfahren", urteilt Schöler. Nach seiner Rechnung bräuchte man mit Lanzas Methode 200 Embryos, um drei Stammzelllinien zu bekommen. "Selbst bei einer dreifachen Steigerung läge die Effizienz bei unter fünf Prozent. Der therapeutische Nutzen ist also mehr als fragwürdig", so Schöler zu SPIEGEL ONLINE.

Auch der Bonner Stammzellexperte Oliver Brüstle bezweifelt den Nutzen von Lanzas Arbeit. "Anhand der Publikation lässt sich nicht einschätzen, inwieweit die Linien für weiterreichende Zwecke verwendbar sind", sagte Brüstle zu SPIEGEL ONLINE. Ohnehin sei die Übertragung des Verfahrens von der Maus auf den Menschen das einzig wissenschaftlich Neue an Lanzas "Nature"-Artikel.

Ähnlichkeiten mit bekannter Technik

Die von Lanza angewandte Technik ähnelt zudem der Präimplantationsdiagnostik (PID). Mit ihrer Hilfe werden schon seit Jahren Embryos, die bei der künstlichen Befruchtung entstanden sind, auf genetische Anomalien untersucht. Anschließend wird der um eine Zelle ärmere Embryo in die Gebärmutter einer Frau eingesetzt und kann dort zu einem Baby heranwachsen.

Dieser Embryo-Check ist in Deutschland allerdings verboten, weil dem Gesetz zufolge Embryos bei einer künstlichen Befruchtung nicht nach ihrem Erbgut ausgewählt werden dürfen. Damit wurde bislang auch ausgeschlossen, dass sich die beiden sensiblen Gebiete Stammzellen und PID "verquicken", so Brüstle.

Ob Lanza und seine Kollegen die ethischen Bedenken gegen die Arbeit mit embryonalen Stammzellen zerstreuen können, dürfte fraglich sein. Brüstle äußerte sich unsicher darüber, ob Lanzas Methode als "Befreiungsschlag für die Gewinnung von humanen Stammzellen" angesehen werden kann. "Da bei einer künstlichen Befruchtung mehrere Embryonen erzeugt werden, halte ich es für unrealistisch, gerade die für eine Stammzellgewinnung eingesetzten Embryonen zu implantieren." Zudem bezweifelt Brüstle, ob ethische Bedenken überhaupt veränderbar seien.

US-Regierung gibt sich unbeeindruckt

Lanzas Team sieht das freilich anders. Das Forscher glauben, Stammzelllinien sogar routinemäßig aus jenen Zellen gewinnen zu können, die Reagenzglas-Embryos bei der PID entnommen werden. Der menschliche Embryo würde dabei keinen Schaden davontragen. Am Ende könne sogar der Mensch, der er aus dem Embryo hervorgeht, von der Zellentnahme profitieren. Bei Bedarf könne man für ihn selbst oder für seine Geschwister Ersatzgewebe und -organe aus den Stammzellen züchten - etwa für eine spätere Behandlung von Parkinson, Diabetes oder Alzheimer.

"Es gibt keinen rationalen Grund mehr, noch gegen diese Forschung zu sein", sagte Lanza der "New York Times". Die US-Regierung sieht das anders. US-Präsident George W. Bush hatte erst im Juli mit dem ersten Veto seiner Amtszeit ein Gesetz gestoppt, dessen Ziel die Lockerung des Verbots der staatlichen Förderung von Stammzellforschung war.

Lanzas Methode räume Bushs Bedenken nicht aus, sagte die Regierungssprecherin Emily Lawrimore. "Jede Benutzung von menschlichen Embryos zu Forschungszwecken wirft ernste ethische Fragen auf." Lanzas Technik "zerstreut diese Bedenken nicht".

fba/dpa



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