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Gentechnik: Embryonale Stammzellen ohne Embryos

Wissenschaftlern ist es gelungen, erwachsene Hautzellen so umzuprogrammieren, dass sie sich wie vielseitige embryonale Stammzellen verhalten. Gegner der Nutzung embryonaler Stammzellen hoffen bereits auf eine ethisch unbedenkliche Methode, maßgeschneiderte Zellen zu gewinnen.

Menschliche embryonale Stammzelle: "Keine Alternative"
Chad A. Cowan

Menschliche embryonale Stammzelle: "Keine Alternative"

Den Forschern von der Harvard University gelang es, Zellen einer embryonalen Stammzelllinie mit bereits spezialisierten, erwachsenen Hautzellen zu verschmelzen. Die so entstandenen Hybridzellen nutzten die genetische Information der Hautzellen, besaßen jedoch alle Kennzeichen unspezialisierter embryonaler Zellen. "Wenn die beiden Zellen sich verbinden, gibt es einen kurzen Zeitraum, in dem die eine entstandene Zelle zwei Kerne hat", erklärte Kevin Eggan, einer der Forscher, in einer Telefonkonferenz. "Dann kollabieren diese Kerne, und die Chromosomen vermischen sich." Die so entstandene Zelle enthält dann doppelt so viel DNA wie eine normale - die der Haut- und die der embryonalen Stammzelle.

Gegner der Nutzung embryonaler Stammzellen hoffen bereits auf eine ethisch unbedenkliche Methode, anpassungsfähige, maßgeschneiderte Zellen zu gewinnen - aber Eggan selbst glaubt daran zunächst nicht: "Das Ergebnis zeigt einen Weg zu einer Alternative auf, aber es liefert nicht selbst diese Alternative." Für einen späteren therapeutischen Einsatz müssten die Forscher noch einen Weg finden, das aus der Zelllinie stammende überflüssige Erbgut zu entfernen.

"Im Augenblick ist der Vorteil ein rein wissenschaftlicher", sagt Eggan, die Motivation für die Experimente sei "keine politische" gewesen. In den USA ist die Stammzellforschung sehr umstritten, die Regierung von George W. Bush lehnt sie ab und verweigert ihr staatliche Förderung. Große Teile der Studie von Eggan und seinen Kollegen, die am Freitag in der Fachzeitschrift "Science" (Bd. 309, S. 1369) veröffentlicht wird, wurde deshalb mit nicht-öffentlichen Geldern finanziert.

Alternative zum therapeutischen Klonen?

Maßgeschneiderte embryonale Stammzellen, die jedes beliebige Körpergewebe bilden und gleichzeitig vom Immunsystem nicht als fremd erkannt werden, sollen eines Tages die Behandlung von Krankheiten wie Parkinson, Alzheimer und Herzkrankheiten ermöglichen. Die bislang einzige Möglichkeit, die vielseitigen Zellen herzustellen, ist das sogenannte therapeutische Klonen. Dabei wird der Kern einer Zelle des Spenders in eine leere Eizelle eingesetzt, die anschließend dazu angeregt wird, sich zu teilen. Auf diese Weise entsteht ein Embryo, der das gleiche Erbgut besitzt wie der Spender. Nach einigen Tagen werden dann aus diesem Embryo die wertvollen embryonalen Stammzellen gewonnen - ein Vorgang, bei dem der Embryo getötet wird.

Nach den Ergebnissen von Cowan und seinen Kollegen könnte das umstrittene Klonen jedoch umgangen werden - falls die "enorme technische Hürde" überwunden werden könne, das Erbgut der beiden verschmolzenen Zellen auseinander zu sortieren.

Eggan und seine Kollegen gelang die Verschmelzung mit Haut- statt mit Eizellen. Tatsächlich glichen die fusionierten Zellen im Aussehen, in ihrer Teilungsrate und ihrer Wachstumsgeschwindigkeit den unspezialisierten Stammzellen, so die Wissenschaftler. Auch besaßen sie die Fähigkeit, jeden der drei Gewebetypen zu bilden, die einen sich entwickelnden Embryo ausmachen. Sollte es gelingen, das überzählige Erbmaterial zu entfernen, sei die Methode eine Alternative zum therapeutischen Klonen, kommentieren die Forscher.

Die ethischen Bedenken wird jedoch auch dieses Verfahren nicht ganz zerstreuen können, denn zur Gewinnung der Ausgangszellen müssen irgendwann einmal ebenfalls Embryonen getötet worden sein. Sowohl in den USA als auch in Europa gibt es Stammzelllinien, die zwar so entstanden sind, aber zur Forschung genutzt werden dürfen - in den USA auch mit öffentlicher Förderung. Und Eggan selbst ist ein starker Verfechter der Experimente mit embryonalen Stammzellen. "Wir glauben, dass diese Forschung weitergehen sollte", sagte er.

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