Gentechnik in der Landwirtschaft Frau Künast trifft den Feind

Grünen-Politikerin Renate Künast will keine gentechnisch veränderten Lebensmittel in Deutschland. Doch renommierte Forscher halten den Einsatz der Technik für sinnvoll. Bei einem Streitgespräch trafen die Positionen aufeinander.

Weigel (links), Moderator Lingenhöhl und Künast auf der Bühne
Filip Fehrmann

Weigel (links), Moderator Lingenhöhl und Künast auf der Bühne

Aus Heidelberg berichtet


Der Veranstaltungsort erinnert an den Namen eines berühmten Technoklubs in Berlin. Im Heidelberger Stadtteil Bergheim saßen Anfang der Woche Grünen-Politikerin Renate Künast und Evolutionsbiologe Detlef Weigel auf einer Bühne. Statt um Techno, wie im Berghain, ging es in Bergheim allerdings um Technik - Gentechnik in der Landwirtschaft, um genau zu sein.

"Für mich geht es hier um die Frage: wie kann sich die Welt ernähren?", erklärte Künast - und ganz daneben lag sie damit nicht. Seit Forscher vor sechs Jahren die Entwicklung der Gen-Schere Crispr-Cas9 bekanntgaben, läuft die Debatte zwischen Forschern und Gentechnik-Gegnern auf Hochtouren.

Die neue Technik verspricht Lösungen für Dürresommer wie im Jahr 2018, die im Zuge der Erderwärmung laut Prognosen häufiger werden sollen. Gleichzeitig könnte sie helfen, Dünger und Pestizide zu sparen. Werden also bald gentechnisch veränderte Pflanzen ganz selbstverständlich auf unseren Feldern wachsen und im Gemüse und Obstregal im Supermarkt liegen?

Frau im Grünen-Trikot

Forscher wie der Max-Planck-Direktor Weigel hoffen darauf. Bislang unterliegen die Pflanzen in der EU allerdings strengen Kontrollen. Sie müssen als gentechnisch verändert gekennzeichnet werden, auch wenn die mit der neuen Technik erzeugten Pflanzen nicht von Züchtungen zu unterscheiden sind. Im Supermarkt findet man sie bislang nicht.

Geht es nach Kritikern wie Künast, soll das auch so bleiben. Sie sehen die Gentechnik als untrennbaren Teil eines rein auf Profit ausgelegten Agrarsystems, das falsche Anreize schafft und die Natur ausbeutet. Bereits im Vorfeld hatten sich Weigel und Künast darüber auf Twitter beharkt. Weigel rief Künast dabei immer wieder zum Dialog auf.

Auf der kleinen Bühne des Deutsch-Amerikanischen Instituts trafen die Grünen-Politikerin und der Gentechniker nun aufeinander. Der Saal war gut gefüllt, nur wenige Stühle blieben frei. Eine Frau kam im Grünen-Trikot - sie trug einen grünen Blazer mit gelber Ansteckblume, war mit ihrer mutmaßlich kritischen Haltung aber in der Minderheit.

"So ein gentechnik-freundliches Publikum hatte ich selten", sagte Moderator und Journalist Daniel Lingenhöhl, nachdem er per Handzeichen ein Stimmungsbild im Publikum eingeholt hatte. Bei repräsentativen Umfragen spricht sich die Mehrheit in Deutschland in der Regel gegen Gentechnik in der Landwirtschaft aus.

Achtung, Patente!

Auf der kleinen Bühne blieb der befürchtete und von manchen womöglich sogar erhoffte große Schlagabtausch jedoch aus. Weigel und Künast unterbrachen sich gegenseitig kaum. Weigel lies Künast selbst dann aussprechen, wenn sie in guter Politikermanier sauber am Thema vorbeiargumentierte und über Monokulturen, unglückliche Agrarsubventionen und das Artensterben lamentierte.

Filip Fehrmann

Zu viel "Chemie" werde auf Felder gesprüht, Patente erschwerten Bauern den Zugang zu Saatgut und fehlgeleitete Subventionen führten zur Ausbeutung ärmlicher Staaten, argumentierte sie. Weigel hörte sich alles ruhig an und stimmte den meisten Punkten zu.

Auch er sprach sich gegen Patente im Zusammenhang mit Pflanzen aus, die genau so auch in der Natur entstehen könnten. Gleichzeitig gab er zu bedenken, dass die von Künast genannten Probleme auch ganze ohne Gentechnik bestünden. Patente zu verhindern sei eine politische Aufgabe. Die Gentechnik werde dadurch nicht sicherer oder schädlicher als herkömmliche Züchtung.

Mehrfach versuchte er die Möglichkeiten der neuen Werkzeuge zu verdeutlichen, zitierte Studien, erklärte, dass Genveränderungen ständig in allen Organismen stattfänden, verwies darauf, dass bereits mit alten, ungenaueren Gentechnik-Methoden Pestizide eingespart werden konnten.

Mehr Biodiversität durch Gentechnik

Den größten Applaus erntete er, als er erklärte, dass sich mit Hilfe der Gentechnik die Biodiversität auf Feldern sogar erhöhen ließe.

Ihm schwebe vor, mit Crispr Weizen zu züchten, bei dem alle Pflanzen gleich aussähen, aber unterschiedliche Genveränderungen enthielten, um etwa Schädlinge abzuwehren. Diese Vielfalt könne verhindern, dass die Schädlinge innerhalb weniger Jahre lernen, den Abwehrmechanismus der Pflanzen zu umgehen. So könnte der Einsatz von Pestiziden verringert werden.

"Es wäre schade, wenn wir diese Möglichkeiten nicht nutzen", sagte er. So laut klatschten die Menschen an dem Abend nur einmal.

Künast ließ dagegen immer wieder Skepsis gegenüber dem wissenschaftlichen Konsens durchblicken. Als Moderator und "Spektrum"-Journalist Daniel Lingenhöhl ansetzte zu fragen, ob die strenge Regulierung nicht eine verpasste Chance sei, wenn die moderne Gentechnik natürliche Evolution nur beschleunige, unterbrach Künast: "Weiß ich nicht, ob das wirklich so ist."

"Ihre ganze Argumentation ist unlogisch"

Am Ende war es aber ein Mann aus dem Publikum, der die Politikerin aus der Reserve lockte. "Wenn sich die neuen Gentechnikmethoden nicht von Züchtungen unterscheiden, verstehe ich die Debatte nicht", meldete er sich zu Wort und ergänzte an Künast gerichtet. "Sie beantworten die Fragen nicht, fangen immer wieder mit Patenten an. Ihre ganze Argumentation ist unlogisch."

"In ihrer männlichen Logik vielleicht", schoss Künast zurück und lenkte diesmal sehr unglücklich von der Sachebene ab. Weigel versuchte noch, zu vermitteln, Künast lehnte ab. Sie sei eine freie Frau in einem freien Land und eben nicht der Meinung, dass man Gentechnik so einfach nutzen könne. "Man kann Patente und Technik nicht einfach trennen", sagte sie.

So diente die Debatte im Kleinen als gute Vorlage für die gesellschaftliche Diskussion. Eine klare Bekenntnis, dass gentechnisch veränderte Pflanzen genauso schädlich oder unschädlich sein können wie Züchtungen, bleibt im Allgemeinen aus. In der Folge werden die wichtigen Fragen erst gar nicht besprochen: Inwiefern sich die Technik möglicherweise tatsächlich sinnvoll nutzen ließe und welche Rahmenbedingungen dafür wichtig wären.

insgesamt 35 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
moritz27 31.10.2018
1. Mein Gott,
Frau Künast ist Juristin. Da kann sie sich nur immer in die "Patente" retten. Detlef Weigel ist Biologe. Dass er im Tweet an sie darauf hinweist, auf diesem Fachgebiet als Experte eingeschätzt zu werden, verleitet sie schon wieder dazu ihm Arroganz vorzuwerfen. Das fällt aber, wie so manches, das sie vorher in ihrem Leben verbreitetn hat, voll auf sie selbst zurück. Das Tollste ist nur, dass sie so abgehoben ist, dass sie es gar nicht mehr merkt.
tueftler 31.10.2018
2. ...
Das kann Ihnen auch bei natürlicher Mutation passieren. Schließlich versuchen sich die meisten Pflanzen gegen ihre Fressfeinde zu wehren. Pflanzen sind in der Abwehr sehr erfinderisch. Schließlich kommen einige der besten Gifte aus der Botanik. Wenn Sie jetzt höhere Hürden aufbauen ist niemandem geholfen.
DerDifferenzierteBlick 31.10.2018
3. @gerhard38: Ihre Argumentation ist längst überholt!
Die neuen gentechnischen Methoden wie CRISPR ermöglichen ja gerade gezielte Veränderungen OHNE artfremde Gene! Und den Wissenschaftlern geht es doch gerade darum, dass solche mit diesen neuen Methoden veränderten Pflanzen immer noch aber auch nur noch dann als potenziell gefährlich gebrandmarkt werden, wenn sie tatsächlich artfremde Gene enthalten. Aber mit den neuen Methoden ist es eben auch möglich, die Pflanzen so zu verändern (Punktmutationen, arteigene Gene), dass sie zu 100% identisch sind zu einer auf gängigem natürlichen Weg entstandenen Pflanze. Und nach aktuellem Recht werden solche komplett identischen Pflanzen vollkommen unterschiedlich behandelt. Und das ist Unfug. Und dagegen protestiert die Wissenschaft. +++ Und zu Ihrer impliziten Frage: Über Sequenzierung kann man heute ganz leicht nachweisen, dass die mit diesen modernen Methoden geschaffenen Pflanzen keine artfremden Gene enthalten und absolut identisch sind zu auf natürlichem Weg entstandenen Pflanzen. Sie sind damit sogar noch sehr viel sicherer als vermeintlich natürliche Pflanzen, da bei diesen mit Sicherheit keine Sequenzierung und somit Überprüfung stattfindet, obwohl auch auf natürlichem Wege artfremde Gene in Pflanzen gelangen können. Außerdem ist es in der herkömmlichen Züchtung ohne Kennzeichnungspflicht sogar möglich, durch Strahlung oder Chemikalien vollkommen ungezielt Tausende Mutationen zu erzeugen und die so erhaltenen Pflanzen trotzdem als "natürliche" Pflanzen zu verkaufen. Mit CRISPR minimal veränderte Pflanzen, die zu 100% identisch sind zu natürlichen Pflanzen ohne irgendwelche artfremden Gene, müssen dagegen wie gesagt nach aktueller Rechtslage extrem langwierige Untersuchungsverfahren durchlaufen und dann trotzdem noch als vermeintlich gefährlich gebrandmarkt werden. Das erhöht nicht die Wahrscheinlichkeit, die Dürre-, Pestizid- oder Welthungerprobleme der Zukunft zu beheben...
alpstein 31.10.2018
4.
Da sollten sie wenigstens etwas genauer angeben um welche Pflanzen genau es sich handelt. Es geistern nämlich jede Menge Schauermärchen in der Welt herum. GMO Soja und Mais - beide machen weltweit ca 90 % des Anbaus aus- -werden seit 30 Jahren und mehr ans Vieh verfüttert ohne dass sich irgendwelche negativen Folgen gezeigt hätten. Das schweizer Forschungsprojekt (NFP 59 googeln) mit einem Bugdet von 800 Millionen SFR konnte keine negativen Folgen finden.
intercooler61 31.10.2018
5. Null Ahnung, aber Arroganz
Die pampige erste Reaktion auf Weigels Gesprächsangebot (der _ist_ einschlägiger Experte und bildet sich das nicht nur ein) sagt schon alles, was man über seine Kontrahentin wissen muss.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.