Genvarianten: Warum Affen die Worte fehlen

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Dem Affen hat nicht viel gefehlt, um sprechen zu können - nur zwei winzige Mutationen in einem Gen. Weil der Mensch sie hat, kann er reden. Forscher haben nun herausgefunden, welchen Einfluss diese Veränderungen auf das Großhirn haben.

Schimpanse: Zwei fehlende Genmutationen verhindern, dass Affen sprechen können Zur Großansicht
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Schimpanse: Zwei fehlende Genmutationen verhindern, dass Affen sprechen können

Also sprach der Mensch - und der Schimpanse nicht. Dass ein einziges Gen daran Schuld ist, vermuten Forscher schon lange. FOXP2, so der Name des Delinquenten, steht seit einigen Jahren im Verdacht, eine Hauptrolle bei der Entwicklung von Sprache zu spielen.

Auf den ersten Blick ist das menschliche FOXP2-Gen dem des Schimpansen sehr ähnlich. 2145 DNA-Bausteine bilden den Bauplan für die Zellen, die daraus das FOXP2-Protein bilden. Dieser Bauplan unterscheidet sich beim Menschen an nur zwei Stellen vom FOXP2-Gen des Schimpansen. Dieser kleine, aber feine Unterschied sorgt dafür, dass die menschliche Variante ganz anders funktioniert als beim Schimpansen, schreiben Forscher um Daniel Geschwind von der University of California in Los Angeles im Fachblatt "Nature".

Unterschiedliche Aktivitätsmuster

Als sogenannter Transkriptionsfaktor ist das FOXP2-Protein dafür zuständig, die Aktivität anderer Gene zu regulieren, die ihrerseits bestimmte Funktionen im Gehirn steuern. Um die unterschiedlichen Arbeitsweisen bei Affe und Mensch zu bestimmen, schleusten die Forscher beide FOXP2-Varianten in menschliche Nervenzellen ein und untersuchten jeweils die Auswirkungen auf die Aktivität der durch FOXP2 regulierten Gene. Dabei fanden sie heraus: menschliches FOXP2 erhöhte die Aktivität von 61 Genen. 55 weitere wurden durch menschliches FOXP2 in ihrer Aktivität gehemmt. Dagegen beeinflusste die Schimpansen-Variante von FOXP2 keine dieser Genaktivitäten.

Als Folge der Wechselwirkungen von FOXP2 mit anderen Genen, so die Wissenschaftler, scheinen sich im menschlichen Gehirn die für Sprache wichtigen Schaltkreise zu bilden, im Affenhirn jedoch nicht. Im Denkorgan des Menschen ist FOXP2 demnach nicht nur für Prozesse an der für das Sprachvermögen zuständigen Großhirnrinde verantwortlich, sondern ist auch im Striatum aktiv. Das Striatum sitzt im Großhirn und steuert auch die motorische Koordination. Die Ergebnisse könnten nach Angaben der Forscher bei der Behandlung von Krankheiten helfen, die das Sprachzentrum angreifen.

Wann die Bausteine in den Genen mutiert sind, ist jedoch weiter offen, wie Geschwind sagte. Homo sapiens entwickelte vor weniger als 200.000 Jahren sein Sprachvermögen. Vor fünf Millionen Jahren hatte sich die Linie der Primaten in Urmenschen und Schimpansen voneinander geteilt. Unterschiede zwischen den einzelnen FOXP2-Versionen verschiedener Affenarten gibt es jedoch kaum.

Mäuse mit menschlichem FOXP2 sprechen trotzdem nicht

Gelöst ist das Rätsel der menschlichen Sprache damit aber immer noch nicht. Die Fähigkeit zu sprechen und Sprache zu verstehen ist zu komplex, als dass sie auf ein einzelnes Gen zurückgeführt werden könnte. Erst vor kurzem hatten Wissenschaftler aus Leipzig die menschliche FOXP2-Variante in Mäuse eingeschleust. Sprechen konnten die Tiere deshalb noch nicht - allerdings stellten die Forscher Unterschiede im Fiepen der Nager fest, was sie auf die Veränderung einiger Hirnareale zurückführten.

Dennoch sind Geschwind und seine Kollegen überzeugt, in FOXP2 einen der Hauptverantwortlichen für diese einzigartige Fähigkeit des Menschen identifiziert zu haben. Die Veränderung des Gens in der frühen Menschheitsgeschichte könnte etwa eine feinere motorische Kontrolle der Gesichtsmuskeln und gleichzeitig eine größere Flexibilität des Gehirns ermöglicht und damit die Grundlage der Sprache gelegt haben.

Mit Material von AFP und ddp

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
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    Seite 1    
1. .
frubi 12.11.2009
Zitat von sysopDem Affen hat nicht viel gefehlt, um sprechen zu können - nur zwei winzige Mutationen in einem Gen. Weil der Mensch sie hat, kann er reden. Forscher haben nun herausgefunden, welchen Einfluss diese Veränderungen auf das Großhirn haben. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,660836,00.html
Sprechende Affen? Die gibt es doch schon. Nennt sich in Deutschland MdB.
2. Welchem Affen?
Celegorm 12.11.2009
Zitat von sysopDem Affen hat nicht viel gefehlt, um sprechen zu können - nur zwei winzige Mutationen in einem Gen. Weil der Mensch sie hat, kann er reden. Forscher haben nun herausgefunden, welchen Einfluss diese Veränderungen auf das Großhirn haben. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,660836,00.html
"DEM Affen". Ich wundere mich immer wieder über diese krude und unklare Formulierung. Welcher Affe ist denn da genau gemeint? Oder soll das das ganze Taxon der "Affen" umschliessen? Vermutlich kaum, denn das ergäbe nicht sonderlich viel Sinn, ist das doch eine riesige und diverse Gruppe, die an sich auch den Menschen miteinschliesst und der damit so oder so relativ wenig als Outgroup taugt um da irgendeinen Vergleich mit dem Rest anzustellen. Immerhin ist etwa ein Koboldmaki ja wesentlich weiter von einem Gorilla entfernt als dieser vom Menschen. Aber eben, von welchem "Affen" wird da dann letztlich gesprochen? Könnte man das nicht einfach differenzierter formulieren, etwa auf Artebene als Schimpanse (um den gehts im Artikel ja schliesslich)? Die Notwendigkeit für diese unsinnige Pseudosimplifizierung seh ich jedenfalls nicht. Zumal das klingt, als wäre der Autor im vorvorletzten Jahrhundert hängen geblieben was die Systematik angeht..
3. Vermutung
mitbürger 12.11.2009
Die ersten Worte der Menscheit waren vermutlich evolutionär wichtig und lauteten wohl so oder so ähnlich: "Gehen wir in meine oder in Deine Höhle?" Oder sie waren eine Lüge: "Ich habe Kopfschmerzen."
4. Interessanter Versuchsansatz
genesys, 12.11.2009
Affen über eine Manipulation des Genoms die Sprache beizubringen, halte ich für einen sehr interessanten Forschungsansatz. Warum nicht einer zweiten vernunftbegabten Spezies auf diesem Planeten den Vorstoss in eine neue Dimension ermöglichen? Da kommen bestimmt interessante Gesellschaftsmodelle bei raus. Bonobos an die Macht !
5. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Rainer Helmbrecht 12.11.2009
Zitat von genesysAffen über eine Manipulation des Genoms die Sprache beizubringen, halte ich für einen sehr interessanten Forschungsansatz. Warum nicht einer zweiten vernunftbegabten Spezies auf diesem Planeten den Vorstoss in eine neue Dimension ermöglichen? Da kommen bestimmt interessante Gesellschaftsmodelle bei raus. Bonobos an die Macht !
Meine Frau hat schon öfter bedauert, dass unsere Tiere nicht sprechen können. Meine Antwort war, wenn sie reden könnten, wäre es um ihre Beliebtheit geschehen. Wenn die dann noch Familiengeheimnisse mit dem Nachbarhund austauschten und das dann in der Gegend diskutiert würde... nicht aus zu denken;o). MfG. Rainer
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