Geplante Immunisierung Tests mit Schweinegrippe-Impfstoff laufen an

25 Millionen Menschen will die Bundesregierung im Herbst gegen das Schweinegrippe-Virus impfen lassen. Die Testphase für den Impfstoff hat laut Expertenauskunft schon begonnen. Mitte Oktober könnte vielleicht schon mit den geplanten Massenimpfungen begonnen werden - sofern sich der Impfstoff bewährt.


München - Gut drei Monate nach dem ersten Ausbruch der Schweinegrippe beginnt die Testphase für einen Impfstoff gegen das neue Virus H1N1. In getrennten Untersuchungen an Erwachsenen und Kindern sollen die Wirksamkeit und die Verträglichkeit des noch nicht zugelassenen Vakzins erforscht werden. Das teilte das Klinikum der Universität München mit, dessen Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin die deutschlandweite Studie an Erwachsenen koordiniert. Für die Untersuchung an Kindern ist die Uniklinik Mainz federführend. Die Bundesregierung plant im Herbst 25 Millionen Menschen zu impfen.

Probe des Schweinegrippe-Virus H1N1: Testphase angelaufen
REUTERS

Probe des Schweinegrippe-Virus H1N1: Testphase angelaufen

In der in mehreren europäischen Ländern durchgeführten Untersuchung wird erstmals am Menschen ein neuer Impfstoff der Firma Novartis getestet. Dieser ist laut Uniklinik München ähnlich zusammengesetzt wie herkömmliche, bereits auf dem Markt erhältliche Grippeimpfstoffe auf der Basis von Zellkulturen. Er enthält inaktive Bestandteile des H1N1-Virus mit oder ohne Immunverstärker. Die Krankheit auslösen kann der Impfstoff den Angaben zufolge nicht.

Erste auswertbare Ergebnisse erwartet Frank von Sonnenburg, Koordinator der Studie in Deutschland, nach 43 Tagen. Mitte September könnten damit schon wesentliche Voraussetzungen für das Zulassungsverfahren gegeben sein. "Vielleicht kann man dann schon Mitte Oktober damit impfen", sagte von Sonnenburg.

Noch früher könnten nach seiner Auffassung weitere, nach einem anderen Verfahren entwickelte Impfstoffe für die Schweinegrippe auf den Markt kommen. Bei diesen eigentlich für die Vogelgrippe vorbereiteten und auf Eiern gezüchteten Impfstoffen werde nach dem sogenannten Mock-Up-Verfahren lediglich der Erreger ausgetauscht. Dann könnten sie ohne vorheriges aufwendiges Zulassungsverfahren auf den Markt kommen. Weil weltweit sehr viel Impfstoff benötigt werde, würden laut Sonnenberg beide Verfahrensweisen - also sowohl die auf Basis von Zellkulturen als auch das sogenannte Mock-Up - mit Hochdruck betrieben.

Nebenwirkungen wie bei herkömmlichen Grippeimpfstoffen

In der Studie, die laut Sonnenburg hauptsächlich in Deutschland durchgeführt wird, soll neben der Verträglichkeit auch geprüft werden, in welchem Ausmaß der Impfstoff die körpereigenen Abwehrkräfte stimuliert und somit gegen eine Ansteckung schützt.

Nebenwirkungen seien zu erwarten: Wie bei herkömmlichen Grippeimpfstoffen könnte es gelegentlich innerhalb von ein bis drei Tagen an der Impfstelle zu leichten Schmerzen, Rötung und Schwellung und seltener zu Verhärtungen und Schwellung der zugehörigen Lymphknoten kommen. Der neue Impfstoff soll - sofern er sich in der Studie bewährt - in der aktuellen Pandemie Anwendung finden.

Mediziner hatten im SPIEGEL die geplanten Massenimpfungen kritisiert und die Sicherheitstests der Musterimpfstoffe als unzureichend bezeichnet. "Was wir hier erleben, ist ein Großversuch an der deutschen Bevölkerung", sagte der Herausgeber des "Arznei-Telegramms", Wolfgang Becker-Brüser. Matthias Gruhl, Abteilungsleiter Gesundheit in Bremen, kritisierte weiterhin, dass eine Massenimpfung bei der geringen Fallzahl und den milden Krankheitsverläufen nicht gerechtfertigt sei. Laut Informationen des Robert-Koch-Institutes sind 6800 Menschen in Deutschland mit Schweinegrippe infiziert, 1422 davon hätten sich im Inland angesteckt. Die meisten Fälle seien Reiserückkehrer, die sich im Ausland angesteckt hätten, vorwiegend in Spanien.

Von Sonnenburg wies die Kritik zurück, dass ein Impfstoff gegen die Schweinegrippe womöglich mehr schade als nutze. "Die meisten Fälle laufen sehr milde ab. Aber die Hälfte der Todesfälle betrifft junge Menschen ohne Vorerkrankungen", sagte er. Die eigentlichen Testimpfungen sollen laut Uniklinik München beginnen, sobald die noch ausstehende Zustimmung der Ethikkommission für die von der Uniklinik Mainz koordinierte Studie an Kindern vorliegt. Für die Münchner Studie wurde die Zustimmung am Freitag erteilt.

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.

lub/AP



Forum - Schweinegrippe – Müssen wir Angst vor dem Virus haben?
insgesamt 6202 Beiträge
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Seite 1
IsArenas, 02.05.2009
1.
Nein, niemand *muss* Angst haben, unabhängig von allem, was geschieht. Angst ist sowieso ein schlechter Ratgeber, zuweilen zwar wichtig als Selbstschutz, wird aber schnell selbst krankmachend und/oder eine Krankheit. Ich schließe nicht aus, gewaltsam (Flugzeugabsturz, Verkehrsunfall, Terrorakt), durch Krebs oder noch früher durch Herzinfarkt oder Schlaganfall oder was weiß ich oder eben durch eine Virus- odere Bakterieninfektion ums Leben zu kommen, bevor ich mich der durchschnittlichen Lebenserwartung nähere. Zur angeblichen Hauptrisikogruppe zähle ich auch noch, na wunderbar. Nein, die Grippe macht mir definitiv keine Angst, wenn ich den nächsten Monaten daran sterben soll, dann war's das halt. Ich glaube aber nicht daran, meine Schulden werde ich wohl zahlen müssen -- sprich, ich habe andere Sorgen und erfreue mich ansonsten des Lebens in der Gegenwart ;-)
Crackerjack 02.05.2009
2.
Zitat von IsArenasNein, niemand *muss* Angst haben, unabhängig von allem, was geschieht. Angst ist sowieso ein schlechter Ratgeber, zuweilen zwar wichtig als Selbstschutz, wird aber schnell selbst krankmachend und/oder eine Krankheit. Ich schließe nicht aus, gewaltsam (Flugzeugabsturz, Verkehrsunfall, Terrorakt), durch Krebs oder noch früher durch Herzinfarkt oder Schlaganfall oder was weiß ich oder eben durch eine Virus- odere Bakterieninfektion ums Leben zu kommen, bevor ich mich der durchschnittlichen Lebenserwartung nähere. Zur angeblichen Hauptrisikogruppe zähle ich auch noch, na wunderbar. Nein, die Grippe macht mir definitiv keine Angst, wenn ich den nächsten Monaten daran sterben soll, dann war's das halt. Ich glaube aber nicht daran, meine Schulden werde ich wohl zahlen müssen -- sprich, ich habe andere Sorgen und erfreue mich ansonsten des Lebens in der Gegenwart ;-)
Hierzu ein von Herzen kommender Applaus.
descartes101, 02.05.2009
3.
Zitat von sysopDie Schweinegrippe hat auch Europa erreicht, die EU rechnet mit Todesopfern. Wie berechtigt ist die Angst vor dem Virus?
Lächerlich. Das Grippevirus rekombiniert sich jede Saison neu, weshalb die Impfungen auch dann nicht mehr wirksam sind. Mal ist es virulenter, mal weniger. Jedenfalls sterben immer auch Menschen daran. Das ganze ist eine haltlose Hysterie, wahrscheinlich damit unsere tüchtigen Regierungen mal behaupten können, sie hätten eine Situation im Griff. Das ist natürlich besonders leicht bei einer Situation, die so oder so nicht eskaliert. Wenn ein hemorrhagisches Fieber wie Ebola durch die Ballungszentren zieht, dann lohnt es sich zuhause zu bleiben. Aber eine dämliche Papiermaske schützt niemanden vor Ansteckung. Das gleiche Prinzip wurde von den USA im kalten Krieg angewendet, wo man den Leuten erzählte, dass es helfe, sich im Falle eines Nuklearangriffs unter den Tisch zu hocken mit einer Zeitung über dem Kopf. Aua, aua. Seit damals hat sich wirklich nichts verändert.
Hans58 02.05.2009
4.
Zitat von sysopDie Schweinegrippe hat auch Europa erreicht, die EU rechnet mit Todesopfern. Wie berechtigt ist die Angst vor dem Virus?
Nein, wir müssen keine Angst haben, selbst wenn hier zum x-ten Male eine Diskussion über das Thema eröffnet wird.
firefly 02.05.2009
5.
Sie können sich ja gleich mal mit dem Papst zusammentun. Für den ist HIV auch kein Problem und alles nur Panik mache. Und Medikamente im Falle einer HIV-Infektion würde ich ihnen auch nicht empfehlen. Die wirken nämlich garnicht und dienen nur zum Geldschäffeln der Pharmaindustrie. /Ironie
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