Gerichtsurteil Hausmeister siegt im Ötzi-Streit

Wer hat Ötzi gefunden? Ein Südtiroler Landgericht wies die Ehre jetzt offiziell einem Ehepaar aus Nürnberg zu. Das Gezerre um den Finderlohn dürfte nun erst richtig losgehen: Die Deutschen fordern mindestens 150.000 Euro; die Südtiroler Regierung will nichts bezahlen.

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Ötzi-Finder Erika und Helmut Simon: Verlangen nach sechsstelliger Prämie
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Ötzi-Finder Erika und Helmut Simon: Verlangen nach sechsstelliger Prämie

Die Luft war klar, die Sonne strahlte, aus dem Eis lugte eine Leiche. Es war eben nur ein fast perfekter Tag, den Erika und Helmut Simon am 19. September 1991 erlebten. Als die Urlauber aus Nürnberg im Spätsommer durch die Ötztaler Alpen wanderten, gelang ihnen in 3210 Metern Höhe ein sensationeller Fund: Sie waren über die 5300 Jahre alte mumifizierte Leiche eines Mannes gestolpert, der als "Ötzi" in die Geschichte eingehen sollte.

Der Fund brachte dem Ehepaar zunächst nicht Glück, sondern einen zwölf Jahre währenden Kampf mit der Regierung der Autonomen Provinz Südtirol, der 1998 in einem Prozess vor dem Landgericht Bozen gipfelte. Mit der offiziellen Anerkennung der Deutschen als Finder der Gletscherleiche endete nun zumindest ein Teil des bizarren Streits.

Eine "Demütigung" sei es, dass die südtiroler Regierung seine Verdienste um Ötzi nicht anerkenne, hatte Simon vor Gericht geschimpft. Man wolle ihn um seine Ehre bringen. Nicht einmal zur Feier des zehnten Jahrestags des Ötzi-Fundes habe man ihn und seine Frau eingeladen. Prompt verlangte Simons Anwalt "moralische Wiedergutmachung".

Zufällig gefunden oder systematisch gesucht?

Die Südtiroler Regierung witterte hinter der Kampagne des 65-jährigen pensionierten Hausmeisters freilich ganz andere Motive als Moral und Ehre. Es geht um Geld, viel Geld. Die Südtiroler hatten das frühzeitig erkannt und Simon immer höhere "Prämien" angeboten: Erst umgerechnet rund 5500 Euro, die Simon in Zeitungen empört als "Schweigegeld" zurückwies, dann 25.000 Euro für einen außergerichtlichen Vergleich, der ebenfalls scheiterte. Die Regierung in Bozen warf dem Ehepaar zwischenzeitlich gar vor, Ötzi nicht zufällig gefunden, sondern systematisch gesucht zu haben. In diesem Fall hätte es sich aber um eine Expedition gehandelt, die die Deutschen bei den Behörden hätten beantragen müssen.

Ötzi: Nichts als Ärger mit der Gletscherleiche
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Ötzi: Nichts als Ärger mit der Gletscherleiche

Auch als die südtiroler Regierung auf 40.000 Euro erhöhte, blieb Simon stur. Der lediglich über die Medien angebotene Betrag sei angesichts von jährlich 300.000 Besuchern des Bozener Ötzi-Museums "geradezu lächerlich", erklärte ein Anwalt Simons während des Bozener Prozesses - und verlangte stattdessen mindestens 150.000 Euro Finderlohn. Schon 1994 hatte Simon 300.000 Mark gefordert - damals aber angeblich nur, um mit der Südtiroler Regierung ins Gespräch zu kommen, wie Simon gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" treuherzig versicherte.

Frage des Finderlohns weiterhin offen

Das Bozener Landgericht erklärte die Simons nun zwar zu Ötzis Findern, die Frage nach einer Prämie ist damit allerdings noch längst nicht geklärt; denn in der Klageschrift war davon gar keine Rede. Nun geht es darum, wie viel eine Gletscherleiche wert ist. Eine grobe Orientierung bietet eine Versicherungssumme: 1998 hatte die Südtiroler Landesregierung den Transport des Eismannes von der Universität Innsbruck ins Bozener Ötzi-Museum mit 1,5 Million Euro absichern lassen, wie österreichische Medien berichteten.

Ob die Simons einen Teil dieser Summe oder überhaupt irgendetwas bekommen, ist weiterhin offen. Die Landesregierung behält sich eine Berufung gegen das Urteil vor und ist unabhängig davon der Meinung, dass den "Ötzi"-Findern kein Cent zusteht: Sie hätten ihren Fund nämlich nach den Buchstaben des Südtiroler Denkmalschutzgesetzes der "zuständigen Stelle", also dem Denkmalamt, melden müssen. "Wir bestreiten, dass Herr Simon der Finder im Sinne des Denkmal- und Kulturschutzgesetzes ist", betonte Renate Guggenberg, Anwältin der Bozener Regierung. Der Urteilsspruch solle nun dahingehend geprüft werden, ob Simon nicht vielmehr ein "sonstiger Finder" sei.

Simons Rechtsanwalt Georg Rudolph drohte angesichts solcher "Erbsenzählerei" unverhohlen damit, die öffentliche Meinung in Deutschland gegen die Südtiroler in Stellung zu bringen. "In Südtirol sind die Touristen nur als Geldbringer willkommen und sollen ansonsten brav den Mund halten", sagte Rudolph. Ötzis Vermarktung bringe Südtirol Geld, während seine Mandanten südlich der Alpen als "gierige Deutsche" verunglimpft würden.



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