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Germanen gegen Römer: Archäologen entdecken Kettenhemd aus der Schlacht am Harzhorn

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Zufallsfund: Vollgeschwitzt und vollgeblutet Fotos
Detlef Bach, Winterbach

Vor 1700 Jahren bekämpften sich Römer und Germanen am Harzhorn. Am Rande des Schlachtfeldes legte ein Soldat ein Kettenhemd ab. Wer war der Mann? Archäologen hegen zwei Vermutungen.

Eigentlich rechneten die Archäologen in dem Dickicht am Fuß des Hanges gar nicht mehr mit Funden. Die Stelle liegt abseits des Feldes am Harzhorn, auf dem sich im 3. Jahrhundert römische Soldaten und Germanen eine blutige Schlacht lieferten. "Wir wollten hier nur ein Bodenprofil anlegen", erzählt Grabungsleiter Michael Meyer, prähistorischer Archäologe von der Freien Universität Berlin. "Und dann fanden wir diesen großen Metallklumpen." Der große Metallklumpen entpuppte sich als Kettenhemd - am Rand des Schlachtfeldes fein säuberlich zusammengefaltet und auf den Boden gelegt.

"Es ist das erste mal, dass wir einer Person so dicht zu Leibe rücken", freut sich Meyer. Rüstungsteile liegen zwar zuhauf auf dem Feld - aber nie sind es mehr als einzelne Ringe oder zwei bis drei Schuppen eines Schuppenpanzers, die im Gefecht von einer Rüstung abgeschlagen wurden. "Dieses Hemd aber hat jemand ausgezogen. Und es ist es ist ein ganz schön aufwändiger Akt, so ein Kettenhemd auszuziehen." Vollgeschwitzt und vollgeblutet legte es jemand vor rund 1700 Jahren an der Stelle ab, an der die Archäologen es nun gefunden haben.

Was war passiert? Meyer hat zwei Erklärungen parat. Entweder gehörte das Kettenhemd einem verwundeten Soldaten. Ein Freund oder Kampfgefährte zog ihn aus dem Getümmel an den Rand des Schlachtfeldes. Um seine Wunden versorgen zu können, musste er ihm das schwere Hemd ausziehen. Das blieb dann, nachdem der Verwundete - noch lebend oder schon tot - abtransportiert worden war, vergessen am Schlachtfeldrand zurück.

Die zweite Version ist nicht ganz so dramatisch: "Es könnte auch sein, dass jemand von der Seite der Sieger das Kettenhemd als Opfer niederlegte - zum Dank für die gewonnene Schlacht." In Germanien war es durchaus üblich, nach einem gewonnenen Kampf die erbeuteten Waffen der Verlierer den Göttern zu überlassen.

Römische Streitmacht mit allem High Tech

Wer waren denn am Harzhorn die Sieger und wer die Besiegten? Das konnten die Archäologen bis heute nicht ganz klären. Aus den gefundenen Waffen und Ausrüstungsgegenständen wird nur klar, dass hier Römer und Germanen aufeinandertrafen, und zwar im 3. Jahrhundert nach Christus.

Als zwei Hobbyarchäologen im Sommer 2008 den Kreisarchäologen ihre Funde vorlegten, konnten die es zunächst gar nicht glauben. Denn obwohl die römischen Historiker sonst penibel über ihre Schlachten Buch führten, erwähnten sie nach dem Sieg des Arminius im Jahr 9 nach Christus bei Kalkriese und den anschließenden Rachefeldzügen des Germanicus in den Jahren 14 bis 16 keine Schlacht mehr auf germanischem Boden.

Doch die Funde vom Harzhorn sind ganz deutlich: Hier, tief im Inneren des Freien Germanien, kämpfte rund 200 Jahre nach der angeblich letzten Schlacht eine mindestens tausend Mann starke römische Streitmacht mit allem, was das 3. Jahrhundert an militärischem High Tech zu bieten hatte.

Das Kettenhemd selber ist ein schönes Stück. Tausende von kleinen Ringen mit etwa sechs Millimeter Durchmesser greifen ineinander, um seinen Träger zu schützen. "Ich habe recherchiert", erzählt Meyer. "So ein Kettenhemd besteht im Schnitt aus 25.000 einzelnen Ringen. Es dauert mindestens zwei Wochen, so ein Hemd herzustellen."

"Man kann es nicht ohne weiteres anziehen"

Viel haben die Jahrhunderte im Boden allerdings nicht übrig gelassen. Die größten zusammenhängenden Teile sind noch so groß wie eine Hand, die meisten wesentlich kleiner. "Es hat ein bisschen gelitten - man kann es nicht mehr so ohne weiteres anziehen", scherzt Meyer. "Aber im Röntgenbild ist die Struktur gut erkennbar. Das wird eine spannende Herausforderung für die Restauratoren."

Und wer trug es im Kampf? Ein Römer oder ein Germane? Auch das ist nicht einfach zu beantworten. Gefertigt wurde es jedenfalls mit großer Wahrscheinlichkeit für einen Römer. Kettenhemden waren ein beliebter Schutz bei Soldaten aller Ränge des römischen Heeres. Germanische Krieger dagegen verzichteten in der Regel darauf.

Doch waren die Germanen durchaus nicht abgeneigt, im Kampf erbeutete Waffen oder Ausrüstungsgegenstände ihrer Feinde hinterher selber zu benutzen. Obwohl zum Beispiel im zweiten Jahrhundert in Germanien ein Embargo für römische Waffen galt, gelangten doch viele von ihnen in germanische Hände. Und so haben die Archäologen auch gelegentlich Germanen gefunden, die sich in römischen Kettenhemden bestatten ließen.

Die Funde vom Schlachtfeld werden ab dem 1. September im Braunschweigischen Landesmuseum in der Niedersächsischen Landesausstellung "Roms vergessener Feldzug. Die Schlacht am Harzhorn" zu sehen sein.

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1. Ich erinnere mch an die Erzählungen meines Großvaters...
BettyB. 15.08.2013
Der Besitzer des Kettenhemdes war höchstwahrsheinlich ein Mann namens Waldemar aus dem späteren Eisenstadt...
2. Was denn jetzt?
c.r.darwin 15.08.2013
"In Germanien war es durchaus üblich, nach einem gewonnenen Kampf die erbeuteten Waffen der Verlierer den Göttern zu überlassen." oder "Doch waren die Germanen durchaus nicht abgeneigt, im Kampf erbeutete Waffen oder Ausrüstungsgegenstände ihrer Feinde hinterher selber zu benutzen." Soll das heißen, daß die atheistischen Germanen die erbeuteten Waffen weiterbenutzten während die Wotan-hörigen Germanen die erbeuteten Waffen "opferten"?
3. Viel wahrscheinlicher ist (aber nicht so spektakulär),
stasilaus 15.08.2013
dass sich zwei gut ausgerüstete germanische Stämme dort eines dieser ewigen Scharmützel geliefert haben, die es noch heute gäbe, wenn die Kleinstaaten noch existieren würden. Dass es ein römisches Kettenhemd war, heisst noch nicht, dass ein Römer darinnen steckte. Obelix hat die gerne schon 250 Jahr früher aus ihren Kettenhemden geprügelt. Er konnte ein solches nicht anziehen, da er zu dick war. Vielleicht hat er es verschenkt? An einem germanischen Goden mit Hasenohren, der vorbeizog und so kam es zu einem Chauken, der es trog, als er gegen die Langobarden in Harzhorn zu Schaden kam?
4. C.R.Darwin:
Paul Lenz 15.08.2013
"Nicht abgeneigt" heißt ja nicht unbedingt, dass es die Regel war. Wer bereits ein gutes Schwert besaß, sah keinen Vorteil, sich ein zweites anzueignen, dieses mochte dann geopfert werden. Ein Kettenhemd war dagegen sicherlich begehrter.
5. Wusste gar nicht...
Layer_8 15.08.2013
Zitat von sysopDetlef Bach, WinterbachVor 1700 Jahren bekämpften sich Römer und Germanen am Harzhorn. Am Randes des Schlachtfeldes legte ein Soldat ein Kettenhemd ab. Wer war der Mann? Archäologen hegen zwei Vermutungen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/germanen-und-roemer-kettenhemd-am-schlachtfeld-harzhorn-a-916778.html
...dass da mal was war, am Harzhorn. Tiefste Pampa auf dem Weg von Berlin nach Hause... OK, jetzt hab ich auch bei Wikipedia geschaut :-)
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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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