Germanischer Götterkult Das Geheimnis der geopferten Armee

Grausiger Fund von Studenten in Dänemark: Hunderte zerschlagener Skelette lagen unter den Wiesen eines idyllischen Tals - Überreste besiegter Soldaten, die Germanen den Göttern geopfert hatten. Archäologen wollen nun herausfinden, woher die fremde Armee kam.

Von

Ejvind Hertz

Illerup Ådal ist ein lauschiges Plätzchen. In dem ehemaligen Flusstal, 20 Kilometer südwestlich von Århus, wechseln sich Moorwiesen mit schattigen Baumgrüppchen ab. Früher lag hier eine Reihe von tiefen Seen. Seit der Trockenlegung um 1950 aber ist das Tal ein Naturschutzgebiet, ein Refugium für die jütländische Flora und Fauna.

Doch es war nicht immer so still und friedlich im Illerup Ådal. Unter der Torfdecke liegen bis zu tausend Tote - einst Feinde der heimischen Stämme, besiegt und mitsamt ihren Waffen den Göttern geopfert.

Auf einer Lehrgrabung diesen Sommer machten Studenten der Universität Århus den grausigen Fund. Es ist die größte bekannte Stätte für Menschenopfer in Westeuropa. Grabungsleiter Ejvind Hertz vom Skanderborg Museum ist überwältigt von der Fülle an Knochen: "Wir kennen keine Parallele zu diesem Ort", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Dass hier in der römischen Eisenzeit, im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung, einheimische Stämme nach militärischen Erfolgen den Göttern Opfer brachten, ist bekannt. Über 15.000 Waffen haben die Archäologen in den siebziger und achtziger Jahren aus dem feuchten Boden geholt. Alle Waffen stammten von fremden Armeen - und alle wurden gründlich zerstört, bevor man sie den Göttern übergab.

Wer waren die Opfer?

Der basische pH-Wert des Moors hat dafür gesorgt, dass Metall, Holz, Knochen und pflanzliche Fasern in einwandfreiem Zustand erhalten blieben. Einige der Schwerter sind so gut konserviert, dass man - wären sie nicht rituell zerbrochen worden - umgehend mit ihnen wieder in den Kampf ziehen könnte. Dass aber nur etwa zwei Kilometer weiter auch die Gebeine der Soldaten, die einst diese Waffen führten, im See versenkt wurden - damit hatte niemand gerechnet.

Wer brachte diese Opfer dar? Wer waren die Getöteten? So ungewöhnlich, wie es auf ersten Blick erscheint, ist diese Anhäufung von Menschenopfern gar nicht. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtet in seinen Annalen, dass die Germanen nach der Varusschlacht ihren Göttern die römischen Tribunen und Centurionen auf Altären darbrachten. "Gefangene gab es damals einfach nicht - die Besiegten wurden geopfert", beschreibt Hertz den germanischen Brauch.

In Illerup Ådal waren es jedoch keine Römer, die ihr Leben ließen. "Die persönlichen Gegenstände der Soldaten, die zwischen den Waffen gefunden wurden, sprechen dafür, dass sie von der norwegischen Küste herunter gekommen sind - genauer von der Westseite des Oslo-Fjords", sagt Hertz. Vor allem die Feuerstähle und die Kämme der Soldaten sind charakteristisch für diese Region.

Nahezu alle waren sehr junge Männer

Allerdings verloren nicht alle Geopferten ihr Leben nach ein und derselben Schlacht. Mindestens vier verschiedene große Opferungen konnten die Archäologen anhand der Waffen ausmachen. Die erste und größte davon fand um das Jahr 200 nach Christus statt, die letzte um 450. Als jedoch die Ergebnisse der Kohlenstoffdatierungen für die Knochen aus dem Labor kamen, war die Überraschung groß: "Fast alle getesteten Knochen datieren viel früher, bereits in die Jahre 50 bis 70 nach Christus. Und ein Knochenfragment ist sogar noch älter, aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert", verrät Hertz. Trotzdem ist sich der Ausgräber sicher, dass Waffen und Knochen zusammengehören. "Wir haben erst einen Bruchteil der Fläche untersucht", sagt er. "Unter dem Torf liegen noch viel, viel mehr Tote - darunter mit großer Wahrscheinlichkeit auch diejenigen, denen die bisher gefundenen Waffen gehörten."

Die Schilde und Schwerter haben die Sieger zerschmettert und verbogen, bevor sie sie den Göttern übergaben. Und auch mit den Gebeinen der Besiegten scheint man nicht zimperlich umgegangen zu sein. Die Knochen erzählen ihre eigene Geschichte: "Wir haben bislang vier Schädel mit Spuren von Schwerthieben und jede Menge gebrochener Beinknochen, zwei davon wahrscheinlich mit Kerben von Axthieben", zählt Hertz auf. Derartige Verletzungen entstehen natürlich auch im Schlachtengetümmel. Aber es ist bezeichnend, dass die Ausgräber kein einziges komplettes Skelett fanden - nur ein Durcheinander von Köpfen, Schulterblättern, Arm-, Bein- und Beckenknochen. Insgesamt 200 Individuen konnten die Archäologen bislang identifizieren, Hertz schätzt jedoch, dass insgesamt bis zu fünfmal so viele unter dem Torf liegen. "Und soweit wir das bisher beurteilen können, waren alle davon Männer, zum Teil sehr junge Männer," sagt Hertz. Ein weiteres Indiz dafür, dass die Geopferten tatsächlich alle Soldaten sind.

Die nächste Aufgabe bei der Lösung des Rätsels von Illerup Ådal wird sein, die Herkunft der Knochen zu bestimmen. Kamen die Soldaten auch wie die späteren Waffen vom Oslo-Fjord? Dazu lässt Hertz die Strontiumisotope in den Zähnen der Toten untersuchen. Die verraten, wo ein Mensch als Kind und Jugendlicher gelebt hat, weil sie je nach Region in verschiedenen Anteilen im Grundwasser vorkommen. In den Jahren, in denen die Zähne wachsen, werden sie in den Zahnschmelz eingelagert . Das Verhältnis der verschiedenen Isotope des Strontiums zueinander verrät, durch welches Gestein das Wasser floss. "Das Gelände um den Oslo-Fjord hat seine unverwechselbare Strontiumisotopen-Signatur", erklärt Hertz. "Wenn sie von dort kamen, werden wir es also herausfinden."



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