Germanischer Schlachtenheld Arminius "Er thront über allen"

In der Varusschlacht schlug Arminius die Römer vernichtend, danach bekamen sie Germanien nie mehr unter Kontrolle. Experte Alexander Demandt verrät im SPIEGEL-ONLINE-Interview, warum ohne den Schlachtenführer das Deutsch ausgestorben wäre - und es Europa nie gegeben hätte.


Cheruskerfürst Arminius (vermutlich 16 v. Chr. bis 21 n. Chr.) war der Führer der germanischen Truppen. Im Dienste Roms hatte er die Kriegstechnik seiner späteren Feinde erlernt, war römischer Bürger und Ritter. 7 n. Chr. kehrte er in seine Heimat zurück und entfachte einen Aufstand der Cherusker und benachbarter Stämme. Im Jahre 9 n. Chr. vernichtete er in der legendären Varusschlacht (mehr auf SPIEGEL WISSEN...) drei römische Legionen, die von dem Feldherrn Publius Quinctilius Varus geführt wurden. Varus beging noch auf dem Schlachtfeld Selbstmord.

Danach gelang es den Römern nicht mehr, Germanien unter Kontrolle zu bringen. Auch Varus' Nachfolger, Nero Claudius Germanicus, konnte Arminius nicht eindeutig schlagen und musste Germanien räumen. Der römische Kaiser Tiberius verzichtete auf eine Wiedereroberung Germaniens.

Experte Alexander Demandt spricht im SPIEGEL-ONLINE-Interview über Arminius, seine historische Rolle - und seine zentrale Bedeutung für die Geburt der Deutschen:

SPIEGEL ONLINE: Hermann der Cherusker (sein römischer Name lautete Arminius) wurde "der erste Nationalheld der Deutschen" genannt. Teilen Sie das Urteil?

Demandt: Helden sind Rezeptionsphänomene. Man kann sie zu Heroen erklären oder auch nicht. Das ganze 19. Jahrhundert lag auf den Knien vor den Germanen. Friedrich Engels und die Sozialisten sahen in ihnen eine junge kraftvolle Gentilgesellschaft (mehr auf SPIEGEL WISSEN...), die noch keinen Klassenkampf kannte. Erst als die Römer mit ihrem kapitalistischen System kamen, ging es mit der Ausbeutung los.

SPIEGEL ONLINE: Wie konnte es dem Empörer gelingen, drei Legionen zu vernichten?

Demandt: Das hat die Antike schon gewundert. Der Erfolg ist bis heute ein Rätsel. Der Cherusker stand im Dienst der Römer. Er war in der Entourage des Varus, er hat mit ihm gegessen und getrunken und befand sich in seiner engsten Umgebung.

SPIEGEL ONLINE: Zugleich zog er die Fäden für einen Aufstand...

Demandt: Zehntausende Germanen legten sich heimlich auf die Lauer. Vorher musste noch der Heereszug des Varus auf einen schmalen Waldweg gelockt werden. Eine römische Armee marschierte ja nicht blindlings in unbekanntes Gelände. Die schickte Kundschafter vor. Dass Varus trotzdem arglos blieb, ist schwer nachvollziehbar.

SPIEGEL ONLINE: Ein genialer Plan?

Demandt: Auf jeden Fall setzte er monatelange geheime Planung voraus. Arminius musste seine Leute dafür erstmal gewinnen. Der Stamm der Cherusker war gespalten. Es gab, wie überall damals, eine nationalgermanische und eine pro-römische Partei. Doch der Anführer hatte enormen Zulauf. Bereits in der Varusschlacht 9 n. Chr. kämpften Krieger aus elf germanischen Stämmen mit ihm.

SPIEGEL ONLINE: Was weiß man über das Leben dieses Mannes?

Demandt: Er war Mitglied des Schwertadels. Sein Vater und sein Onkel, beides Cheruskerfürsten, standen auf seiner Seite und übten mit ihm zusammen die militärische Führung aus. Die Germanen hatten einen Thing, eine Versammlung der Krieger. Dort wurden die Beschlüsse gefasst.

SPIEGEL ONLINE: Aber nur jeweils für die einzelnen Stämme?

Demandt: Richtig. Die Germanen waren zersplittert, dauernd gab es Streit. Viele Stämme legten einen Streifen Ödland, eine Art Todeszone, um ihre Gebiete, der möglichst breit sein sollte und den keiner betreten durfte. Überschritten wurde er nur zu Kriegszwecken. Das Kriegerideal war die höchste Auszeichnung und dazu gehörte die permanente Bereitschaft zu kämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Gab es überhaupt "die" Germanen?

Demandt: In der Antike wurden die Völker durch ihre Sprache eingeteilt. Die germanische Zunge reichte etwa von Norddeutschland bis zum Main und über die Oder hinweg. Erst als die Römer als Besatzer anrückten, stellten die Leute fest, dass sie sich bei aller Zerstrittenheit auch ähnelten. Sie kleideten sich in Pelze, tranken Bier. Tacitus berichtet, dass die Sueben seitlich am Kopf einen Haarknoten trugen. Archäologisch ist diese Kopftracht von der unteren Donau bis nach Dänemark und bis nach Holland gefunden worden. Das heißt: Alle Germanen haben diesen Knoten getragen. Hinzu kam die ähnliche Kultur und einige stammesübergreifende Heiligtümer. Vielleicht hat man die Treffen dort benutzt, um einen Angriffsplan auf Rom auf breiter Basis einzufädeln.

SPIEGEL ONLINE: Warum die Feindschaft?

Demandt: Es gab enorme Unterschiede. Die Männer im Norden trugen Bärte, die Römer rasierten sich und empfanden es als barbarisch, Felle und Hosen zu tragen. Diese Tracht ist sogar später in Rom verboten worden. So wurde durch die kulturelle auch eine politische Identität erzeugt.

SPIEGEL ONLINE: Was hat die Germanen für Arminius so begeistert?

Demandt: Er pochte auf "Freiheit". Die bestand in einer Form, die wir heute gar nicht mehr so schätzen. Nämlich in der Möglichkeit, Krieg zu führen, wann immer man es will. Nicht der Stamm selbst hatte die Wehrhoheit, sondern die führenden Adligen. Jeder einzelne dieser Gefolgsherren konnte seine Anhänger zu den Waffen rufen. Unter militärischen Gesichtspunkten war das eine sehr lose Struktur. Jeder konnte nach eigenem Gutdünken kämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Manche meinen, Arminius sei nur auf Plündern aus gewesen.

Demandt: Das glaube ich nicht. Beute machen war für die germanische Führungsschicht zweitrangig. Den Fürsten ging es um Macht und Ansehen. Arminius gehörte zu jener Sorte von Aufrührern, deren Stolz es nicht zuließ, abhängig vom römischen Kaiser zu werden.

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