Psychische Krankheiten bei Piloten Verdrängen, verleugnen, verschweigen

Der Co-Pilot Andreas Lubitz war offenbar psychisch krank - und damit in der Branche nicht allein. Psychiater und ein Pilot berichten von starkem Leistungsdruck und einer Atmosphäre der Angst.

Landendes Flugzeug: "Der Druck nimmt immer weiter zu"
AFP

Landendes Flugzeug: "Der Druck nimmt immer weiter zu"

Von


Lufthansa-Chef Carsten Spohr zeigte sich fassungslos, als klar wurde, dass Co-Pilot Andreas Lubitz den Germanwings-Airbus mit 149 weiteren Menschen an Bord absichtlich ins Verderben gesteuert hatte. Er sei "hundertprozentig flugtauglich" gewesen, sein Verhalten "ein unglaublich tragischer Einzelfall", sagte Spohr.

Doch das stimmt bestenfalls zum Teil. Wie sich am Freitag herausstellte, war Lubitz für den Unglückstag krankgeschrieben. Mehr noch: Nach SPIEGEL-Informationen entdeckten Beamte bei der Durchsuchung von Lubitz' Wohnung Hinweise auf eine psychische Erkrankung. Aus der Gesamtschau der Dokumente lässt sich inzwischen eine Krankengeschichte rekonstruieren.

Diese Erkenntnisse passen zu den Aussagen von Psychologen, Psychiatern und eines Flugkapitäns gegenüber SPIEGEL ONLINE. Sie zeichnen ein besorgniserregendes Bild vom Umgang mit psychischen Problemen in der Luftfahrtbranche. Depressionen, Alkoholsucht, chronische Müdigkeit und Überarbeitung werden demnach oft totgeschwiegen. Einen offenen Umgang mit psychischen Erkrankungen gebe es nicht, stattdessen herrsche ein Klima von Verdrängung und Karriereangst.

Im Video: Staatsanwalt Kumpa über die Krankschreibungen.

REUTERS
Kritik an Psycho-Tests des DLR

Die Probleme beginnen bereits in der Ausbildung, meint Raphael Diepgen, Psychologe an der Ruhr-Universität Bochum und ausgebildeter Verkehrspilot: "Ob die psychologischen Tests die geeigneten von den ungeeigneten Kandidaten trennen können, ist mehr als fraglich." Verantwortlich für die Eignungstests von angehenden Verkehrspiloten, insbesondere im Auftrag der Lufthansa, ist das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). 90 Prozent der Bewerber, die nach der psychologischen Auswahl übrig blieben, würden ihre Ausbildung erfolgreich abschließen. Ohne die Vorauswahl seien es magere 30 Prozent.

Im Video: Laut Ermittlern war der Co-Pilot krankgeschrieben.

REUTERS
Doch für die 30-Prozent-Quote gebe es keinerlei überzeugende Belege, kritisiert Diepgen. Das DLR führe dafür lediglich Erfahrungen der US-Luftwaffe aus dem Zweiten Weltkrieg an. An vielen Verkehrsfliegerschulen außerhalb der Lufthansa finde zudem gar keine psychologische Vorauswahl statt. "Trotzdem schließen dort ebenfalls 90 bis 95 Prozent der Schüler erfolgreich ab", so Diepgen. "Unter ihnen sind viele, die vorher beim DLR-Test durchgefallen sind." Dass der Test die Sicherheit im Luftverkehr erhöhe, könne das DLR nicht belegen: "Das ist alles heiße Luft." Bereits 1999 veröffentlichte Diepgen einen Beitrag im Fachblatt "European Review of Applied Psychology", in dem er seine Kritik mit Zahlen untermauerte.

Zudem bieten diverse Firmen Vorbereitungskurse für den DLR-Test an. Die Teilnehmer schlüpfen dabei gar in die Rolle des Prüfers und füllen "Beobachter-Bögen mit den typischen Beurteilungskriterien" aus, wie es auf der Website eines Anbieters heißt. "Da trainieren manche Leute ein halbes Jahr lang für viel Geld und schaffen dann eben den Test", meint Diepgen. "Wer trainiert hat und wer nicht, kann das DLR nicht wissen." Die Hamburger Abteilung für Luft- und Raumfahrtpsychologie des DLR, die die Untersuchungen durchführt, war für eine Stellungnahme am Freitag nicht zu erreichen.

"Die Leute funktionieren. Manche schaffen das mit Alkohol."

Für noch problematischer halten Experten und Insider die Tatsache, dass die Psyche der Piloten im späteren Berufsleben fast gar kein Thema mehr ist. Stattdessen verschlechtere sich die Situation immer weiter. "Der Druck vom Management nimmt immer weiter zu", sagt ein Flugkapitän, der seit 20 Jahren in der Branche tätig ist. "Die Krankschreibungen wegen chronischer Ermüdung und psychischen Problemen haben drastisch zugenommen." Mitunter würden deshalb auch Flüge gestrichen.

Nicht alle betroffenen Kollegen würden sich krankschreiben lassen, so der Flugkapitän, der aus Angst vor beruflichen Nachteilen anonym bleiben möchte. "Die Leute funktionieren trotzdem. Manche schaffen das mit Alkohol oder Medikamenten." Wie verbreitet psychische Erkrankungen unter Piloten sind, lasse sich kaum seriös beziffern, sagt der Bochumer Psychologe Diepgen. "Die Fluggesellschaften geben dazu keine Daten heraus."

Fotostrecke

9  Bilder
Germanwings-Absturz: Entsetzen, Trauer, offene Fragen
Nach der Katastrophe in Südfrankreich fordern Politiker und die Internationale Zivilluftfahrtorganisation ICAO die Einführung regelmäßiger psychiatrischer Untersuchungen für Verkehrspiloten. Doch ihr Nutzen ist umstritten. "Es ist illusorisch, dass das etwas bringt", meint Diepgen. "Solche Untersuchungen können leicht unterlaufen werden. Kein Pilot kommuniziert ehrlich mit einem Flugmediziner, weil immer die Gefahr im Raum steht, für fluguntauglich erklärt zu werden." Der Flugkapitän bestätigt das: "Der Job hängt bei so etwas sofort am seidenen Faden - insbesondere wenn es um Alkoholkonsum oder Depressionen geht."

Bernd Pfänder ist anderer Meinung. "Man kann erkrankte Patienten durchaus erkennen", sagt der Berliner Neurologe und Psychiater. Dazu aber seien psychiatrisch geschulte Ärzte notwendig - zu denen die meisten Flugmediziner nicht gehörten. "Dass der riesige Bereich der Psyche bei Piloten nach der Ausbildung praktisch ganz ausgeklammert wird, ist höchst bedenklich", meint Pfänder. Während des langen Berufslebens könnten hirnorganische Veränderungen oder Psychosen entstehen - das sei bei Piloten nicht anders als bei anderen Menschen.

"Das System an sich macht krank"

In der Branche setzt man darauf, dass die Piloten dies selbst erkennen und melden würden. "Es ist in der Verantwortung des Piloten selbst, dass er sich medizinische Hilfe holt", sagte Jörg Handwerg, Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit. Die Kollegen achteten aufeinander. Wenn sich jemand ungewöhnlich benehme, werde er angesprochen und aufgefordert, sich Hilfe zu besorgen.

Im Video: Fliegerarzt erklärt Gesundheitskontrollen

"Das funktioniert nicht", meint Pfänder. "Ich behandle in meiner Praxis Leistungsträger mit Psychosen, von denen kein Laie etwas ahnen würde." Insbesondere hochintelligente Menschen seien in der Lage, selbst schwere Leiden wie etwa paranoid-halluzinatorische Psychosen effektiv zu verbergen. Zudem waren Lubitz' Probleme offenbar bereits identifiziert. Sollten sich die bisherigen Erkenntnisse bewahrheiten, "dann hätte da jemand gepennt", sagt der Münchner Psychiater Helmut Kolitzus.

Kolitzus sieht ein weiteres Problem darin, dass psychische Erkrankungen in der Gesellschaft und insbesondere in manchen Berufen noch immer mit einem Stigma behaftet sind. Als Beispiel nennt er den Suizid des früheren Fußball-Nationaltorwarts Robert Enke. "Der Umgang mit psychischen Erkrankungen ist seitdem nicht besser geworden, weder gesamtgesellschaftlich noch im Profifußball", so Kolitzus. In der Luftfahrtbranche sehe es nicht anders aus.

Diepgen hält ein "aufmerksames Umfeld" und "sanktionsfreies Kommunizieren" für wichtiger als regelmäßige Untersuchungen. "Eine Atmosphäre, in der human mit dem Problem umgegangen wird, wäre hilfreich." Dass es dazu aber kommt, hält der Psychologe für unwahrscheinlich. "Die Öffentlichkeit hat keine Toleranz für psychische Erkrankungen."

Der Flugkapitän sieht das ähnlich. "Über psychische Probleme kann unter Piloten nicht offen geredet werden. Das verbietet meist der Anspruch an sich selbst, und die Kollegen würden jemanden mit solchen Schwierigkeiten auch nicht akzeptieren." Deshalb sei es falsch, Co-Pilot Lubitz als Einzelfall abzutun. "Das System an sich macht krank."

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Hier finden Sie - auch anonyme - Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen. Per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch.

Anmerkung der Redaktion:

Nachdem wir den Nachnamen des Co-Piloten zunächst abgekürzt haben, schreiben wir ihn nun, wie der SPIEGEL, aus. Die bisher veröffentlichten Ergebnisse der Ermittler lassen keine Zweifel zu: Andreas Lubitz führte diese Katastrophe herbei, aus welchen Gründen er auch immer handelte. Der Pressekodex fordert für eine identifizierende Berichterstattung, es müsse "eine außergewöhnlich schwere oder in ihrer Art und Dimension besondere Straftat" vorliegen. Diese Voraussetzung sehen wir erfüllt.

Was wir auf SPIEGEL ONLINE auch weiterhin nicht zeigen, sind Nahaufnahmen von Angehörigen der Opfer. Denn dafür gibt es, solange die Personen nicht von sich aus an die Öffentlichkeit gehen, keinen Grund. Wir respektieren ihre Privatsphäre.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Markus Becker ist Ressortleiter Wissenschaft bei SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Markus_Becker@spiegel.de

Mehr Artikel von Markus Becker

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL - ab Samstagmorgen erhältlich.

Was im neuen SPIEGEL steht, erfahren Sie immer samstags in unserem kostenlosen Newsletter DIE LAGE, der sechs Mal in der Woche erscheint - kompakt, analytisch, meinungsstark, geschrieben von der Chefredaktion oder den Leitern unseres Hauptstadtbüros in Berlin.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 480 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jozu2 28.03.2015
1. Nicht nur für Piloten ein Problem
Psychische Erkrankungen sind Überfall ein Problem und insb. in Deutschland ist der Umgang damit schwer. Während die Leute bei Bandscheibenvorfall, Erkältung und gebrochener Hand das ganz offen mit Chef und Kollegen besprechen, werden psychische Probleme verborgen. Die werden gerne mit "gehört ins Irrenhaus" gleich gesetzt. Richtig wäre es, das wie andere Krankheiten zu behandeln. Und richtig schlimm wird es, wenn Vorgesetzte psychisch krank sind, den Laden terrorisieren und es allen zu kompliziert/anstrengend ist, sich des Problems anzunehmen. Niemals dürfte jemand mit Schwindelanfällen einen Kran oder Bagger bedienen.
dankegut 28.03.2015
2. Alarmismus
Die Überschrift klingt, als seien Sie in aufwändiger Recherche einem Riesenthema auf die Spur gekommen. Da habe ich das Interesse am Artikel schon verloren, denn damit kommen Sie einige Tage zu spät. Nachdem die (Internet)Öffentlichkeit inzwischen völlig frei dreht mit Spekulationen, Vorwürfen und heilsbringenden Vorschlägen, erwarte ich als das Ergebnis redaktioneller Arbeit mehr Sachlichkeit.
ecbert 28.03.2015
3. Schön, und wie lösen wir nun das Cockpit-Türproblem ?
Terroristen dürfen nicht ins Cockpit, O.K., allein soll auch kein Mensch im Cockpit sein, O.K., eine zierliche Stewardess allein könnte einen durchgeknallten Piloten sicher nicht aufhalten... Wie lässt man also befugtes Personal rein und unbefugtes draußen ? Beim Ausfall der Piloten würde ich z.B. auch ein Flugzeug fliegen können...
velinata99 28.03.2015
4. Ruf nach dem Systemfehler
...ich denke, es ist fast schon ein Reflex, Gründe schnell im "System" zu suchen. Die Frage wäre zu stellen, ob die aktuelle Erkrankung zum Verlust seiner Lizenz geführt hätte, und ihm das bewusst gewesen sein musste. Sollte das Fliegen der "Lebenstraum" gewesen sein, wäre das ausgelöscht gewesen, was Stolz und Identität ausmacht... Und evtl. damit das Motiv, so "auslöschend" zu handeln: weil der Verlust dessen drohte, was das ICH ausmacht... Für mich kein nachgelagerter Systemfehler, sondern der Wunsch nach einer sorgfältigeren Kandidaten-Auswahl und späteren Supervisionen, um labile Persönlichkeitsstrukuren besser zu filtern.
cm1 28.03.2015
5. Psycho
Der Umgang mit psychischen Erkrankungen ist nicht nur in der Luftfahrt ein Problem. Man kann mit Kollegen über Schnupfen, Herzinfarkt, Krebs sprechen, über Bandscheibe und Asthma, aber eine Frau (selbst Diabetikerin!) sagte mir einmal, über Depressionen spreche man nicht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.