Ausgegraben

Getreidefund Ureinwohner überraschten Wikinger auf Färöer-Inseln

Färöer: Gutes Siedlungsland ist rar auf den Inseln im Nordatlantik
Mike Church

Färöer: Gutes Siedlungsland ist rar auf den Inseln im Nordatlantik


Als die Wikinger sich auf den Weg gen Nordamerika machten, benutzten sie die Inseln im Nordatlantik quasi als Trittsteine. Der erste kleine Schritt führte sie auf die Shetlands. Von dort aus ging es weiter zu den Färöern und dahinter lag dann schon Island. Doch als sie auf den Färöern ankamen, mussten sie feststellen, dass sie nicht die ersten waren.

Ob sie noch lebende Menschen antrafen, ist nicht überliefert. Zumindest aber werden sie wohl, als sie sich nach ihrer Ankunft umschauten, deren Häuser gefunden haben. Wahrscheinlich rissen sie die Behausungen ab und bauten einfach neue drüber - geblieben ist von den ersten Siedlern auf den Färöern deshalb keine Spur.

Oder fast keine. Denn eine Gruppe von Archäologen um Mike Church von der britischen Durham University und Símun V. Arge vom Nationalmuseum der Färöer haben doch etwas gefunden, was die Anwesenheit von Menschen lange vor Ankunft der Wikinger verrät: verkohlte Gerstenkörner. Da Gerste auf den Färöern nicht heimisch ist, muss jemand sie nach Á Sondum auf der Insel Sandoy gebracht haben.

Und die C14-Datierung sagt auch, wann. Mindestens zweimal lebten hier in der Bucht Menschen für einen längeren Zeitraum: zunächst von der Mitte des vierten bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts und dann noch einmal vom späten sechsten bis zum späten achten Jahrhundert.

Die verkohlten Körner sind das einzige, was von den ersten Siedlern blieb. Alles andere ist längst weg. Die archäologischen Schichten sind in Á Sondum rund drei Meter dick, berichten die Forscher in ihrem Aufsatz, der demnächst im Fachmagazin "Quarternary Science Reviews" erscheinen wird.

"Überrascht und erfreut"

Die obersten Lagen sind Müllhaufen aus dem 19. Jahrhundert, am Boden der Schichten liegen die Reste eines Wikinger-Langhauses. Anhand von verkohlten Getreidekörnern aus dem Herdfeuer und einer dünnen Abfallschicht neben dem Haus konnten die Archäologen das Gebäude datieren. Es stammt aus dem neunten Jahrhundert - Wikinger bauten es also bereits kurz nach ihrer Ankunft auf den Färöern.

Die älteren Gerstenkörner fanden die Ausgräber dann beim Durchsieben des Erdreichs um das Haus. Dabei stießen sie auf mehrere Flecken von Torfasche, in denen die Körner lagen. Um das sandige, erosionsgefährdete Erdreich fruchtbarer zu machen und durch Bewuchs weitere Erosion zu verhindern, hatte man Asche aus dem Herdfeuer über den Boden gestreut - "eine weit verbreitete Maßnahme gegen Bodenerosion, die im Nordatlantik in der Zeit praktiziert wurde", schreiben die Forscher. Wenn Torf verbrennt, lässt er große Mengen an Asche zurück - von dem Dünger produzierte jeder Haushalt also reichlich.

Die Gerstenkörner waren beim Kochen zufällig ins Feuer gefallen und dort verkohlt. Als die Asche ausgekehrt und über den Erdboden verteilt wurde, kamen sie einfach mit. "Wir waren überrascht und erfreut, als wir die Ergebnisse der Datierung bekamen", sagt Church. "Aber wir hatten bereits während der Ausgrabung vermutet, dass die Ascheschichten früh sind - weil sie nämlich unter dem Langhaus der Wikinger lagen."

Der Fund zeigt auch, dass die Besiedlung in Á Sondum keine vorübergehende Notunterkunft oder Zwischenstation auf einer Reise war. Denn der Topf stammte von den Färöern selber. Um daraus Brennstoff zu gewinnen, muss man ihn aber nicht nur stechen, sondern auch trocknen - ein Prozess, der mehrere Monate in Anspruch nimmt. Wer nur eben mal kurz übernachten will, legt sich keine Torfreserve an.

Wer waren denn nun die frühen Färöer-Pioniere? Wo kamen sie her und wie viele gab es von ihnen? Waren es kirchliche Missionare, die der iro-schottische Mönch Dicuil in seinem Werk 'De mensura Orbis terrae' erwähnt? Eigentlich beschreibt er darin die Besiedlung Islands, doch er erwähnt noch eine weitere Inselgruppe im Nordatlantik - wahrscheinlich die Färöer.

Seit tausend Jahren am selben Ort

Auch späteisenzeitliche Kolonisten aus Schottland oder skandinavische Eroberer aus der Prä-Wikingerzeit halten die Forscher für möglich. Und wollten die frühen Siedler weiter nach Island? Oder waren sie gekommen, um zu bleiben - bis die Wikinger schließlich dazustießen und das technische Know-how mitbrachten, um die Reise gen Westen fortzusetzen?

"Um diese Fragen beantworten zu können, müssen zunächst noch weitere und besser erhaltene Prä-Wikinger-Siedlungen auf den Färöern gefunden, ausgegraben und analysiert werden", geben die Forscher zu. Doch das könnte schwierig werden. Denn gutes Siedlungsland ist rar auf den bergigen Inseln.

Es bleiben im Grunde nur die schmalen flachen Grasstreifen am Ende der Buchten. Und da diese so einladend sind, haben sich die Menschen auch immer wieder die gleichen Plätze ausgesucht. Wer neu kam, nutzte die Baumaterialien der Vorgänger für die eigenen Häuser und die Inhalte ihrer Abfallgruben als Dünger auf den Feldern.

Einige der heutigen Färöer-Dörfer stehen immer noch am selben Fleck, an dem sie vor mehr als tausend Jahren gegründet wurden - dort, wo es zu gut ist, um wegzuziehen. Wenn tatsächlich Spuren einer ersten Besiedlungswelle aus der Zeit vor den Wikingern erhalten sind, dann liegen sie tief unter den modernen Häusern.

"Wir planen aber, auf die Färöer zurückzukehren und werden versuchen, noch weitere ähnliche frühe Stätten zu finden", verrät Church. "Wir werden sehr genau hinschauen und nach ähnlichen Bedingungen am Fuß von erodierenden Küstenstreifen suchen müssen."



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mischpot 10.09.2013
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Blaue Fee 10.09.2013
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