Geruchskrieg US-Armee bastelt ultimative Stinkbombe

Das Pentagon forscht an der "Mutter aller Bomben", die zwar nicht tötet oder verletzt, dafür aber Menschen effektiv in die Flucht schlägt. Schülern dürfte das Prinzip bekannt vorkommen.


Beißende Gerüche machen das Atmen zu Hölle, bedrohliche Schwaden ziehen durch die Straßen. Die Menschen geraten in Panik, rennen, fliehen. Niemand weiß genau, was sich da ausbreitet. Doch jeder sagt sich: Nichts wie weg. Innerhalb kürzester Zeit sind die Straßen leer.

Nase zu und durch: Mit stinkenden Bomben will die US-Armee zukünftig Menschen verjagen
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Nase zu und durch: Mit stinkenden Bomben will die US-Armee zukünftig Menschen verjagen

Ein Horrorszenario? Wahrlich. Doch ein Szenario, an dem die US-Armee mit Hochdruck arbeitet. Wie das britische Wissenschaftsmagazin "New Scientist" in seiner aktuellen Ausgabe schreibt, arbeitet das Pentagon intensiv an der Mutter aller Stinkbomben - einer Waffe, die niemanden verletzt, die ihre menschlichen Ziele aber effektiv in Panik versetzt.

Der Bedarf ist, zumindest in den Augen der US-Strategen, vorhanden: Egal ob bei der Vertreibung feindlicher Truppen oder beim Schutz eigener Militäranlagen, das Händchen für den richtigen Duft könnte einiges bewirken. Auch die Polizei wäre über eine derartige Waffe wohl alles andere als unglücklich: Geiseldramen, gewalttätige Demonstrationen oder Unruhen könnten ohne einen Schuss beendet werden.

Soweit die Theorie. In der Praxis offenbaren sich aber jede Menge Probleme. Besonders die richtige Mischung zu finden, hat sich bislang als unlösbares Problem erwiesen. Schon einmal, während des zweiten Weltkrieges, haben die USA offensiv mit Stinkbomben experimentiert. Eine verderbliche, übel riechende Flüssigkeit sollte, wie "New Scientist" berichtet, den deutschen Offizieren den Rest geben, sie als Abfall brandmarken.

Das neue Kampfmittel hatte allerdings einen entscheidenden Nachteil: Die Substanz war derart angriffslustig, dass niemand bombardiert werden konnte, ohne auch die ganze umliegende Region zu kontaminieren - den Stinkbomber eingeschlossen.

Noch ein weiteres Problem beschäftigt die Geruchsdesigner. Wie beim Lieblingsessen reagieren Menschen auch auf Gerüche unterschiedlich. Wer beispielsweise neben einem Reitstall groß geworden ist, lässt sich vom Geruch von Pferdemist kaum vertreiben.

Deshalb sucht Pam Dalton im Auftrag der US-Armee nach einem Geruch, der alle kulturellen Eigenheiten einschließt. Nach Angaben des "New Scientist" konnten bereits erste Testreihen abgeschlossen werden - mit ernüchterndem Ergebnis. Dabei wurden Probanden mit unterschiedlichem ethnischen Hintergrund faulen Gerüchen ausgesetzt und anschließend nach ihren Reaktionen befragt. Doch weder Buttersäure - eine Mischung aus ranziger Butter und stinkenden Füßen - noch verbranntes Haar konnte die gewünschte Reaktion provozieren. Selbst der Geruch von Erbrochenem blieb eine abschreckende Wirkung schuldig.

Mit zwei anderen Substanzen hatte Dalton dagegen mehr Glück. Ein stinkendes Mittel, das die US-Armee dazu benutzt, um die Wirksamkeit ihrer Reinigungsmittel zu testen, provozierte bei einigen Testpersonen in Sekundenschnelle Schreie und Flüche. Auch die Weiterentwicklung der Stinkbombe aus dem Zweiten Weltkrieg roch offensichtlich viel versprechend. Basierend auf Schwefelverbindungen, die auch in verdorbenem Essen und in Kadavern verkommen, weckt der Geruch bei den Menschen wahrscheinlichen einen durch die Evolution bedingten Fluchtreflex.

Ziel der Waffenentwickler muss es nun sein, die richtige Mischung aus den verschiedenen Gerüchen zu finden, um letztlich zu der ultimativen Stinkbombe zu kommen. Da es in diesem Bereich der Forschung keine vernünftigen Theorien gibt hilft dabei, so Dalton, nur eines: "Trial and Error."

Von der Nase ins Gehirn

Wissenschaftler jedenfalls sind überzeugt, dass Gerüche das Verhalten der Menschen verändern können und mitunter sogar intensive Emotionen auslösen. Wenn die übel riechende Moleküle sich in den Schleimhäuten auflösen, erzeugen sie Signale, die auf zwei verschiedenen Wegen das Gehirn erreichen können.

Der eine Pfad führt zum Thalamus und zum Cortex, Regionen des Gehirns, die für die bewusste Wahrnehmung verantwortlich sind. Die Alternativroute streift das so genannte limbische System. Dort, besonders im "Mandelkern", der Amygdala, werden die Gerüche unbewusst in Gefühle übersetzt. Probanden, denen ein Gascocktail aus Sulfiden vorgesetzt wird, reagieren intensiv auf den üblen Geruch. Die Muskelns spannen sich an, Angst macht sich breit, die Amygdala wird aktiviert.

"Jeder Geruch hat das Potenzial, Angst und Schrecken zu verbreiten", sagt José Prado. Der Neurologe aus Minneapolis hat sich intensiv mit der Wahrnehmung neuer Gerüchen beschäftigt. Prado ist überzeugt: "Wenn jemand einen Geruch nicht kennt, kann er nicht sicher sein, dass dieser Duft harmlos ist. Und dann bleibt nichts anderes übrig, als wegzulaufen."



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