Geschlechter-Unterschiede: Das weibliche Chromosom der Gewohnheit

Von Kurt F. de Swaaf

Frauen verfallen wegen ihrer beiden X-Chromosomen schneller in Gewohnheiten - zumindest legen das Maus-Experimente nahe. Forscher sind überrascht: Bislang galten Hormone als Ursache geschlechtstypischen Verhaltens. Sind Frauen wegen ihrer Chromosomen suchtanfälliger?

Wie groß ist der kleine Unterschied? Während die ehemalige TV-Moderatorin und selbsternannte Megamutter Eva Herman Öl ins Feuer der schon lange lodernden Geschlechterdebatte gießt, suchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unermüdlich nach den möglichen biologischen Wurzeln von angeblich typisch männlichem und weiblichem Verhalten. In den vergangenen Jahrzehnten lag ihr Fokus fast ausschließlich auf dem Wirken der Hormone. Testosteron, Östrogen & Co. standen unter Generalverdacht, alleinige Auslöser von allerlei Unbill zu sein. Wahrscheinlich zu unrecht.

Die Neurologin Jane Taylor von der Yale University in New Haven verfolgt eine andere Spur. Sie glaubt, dass auch die Geschlechtschromosomen X und Y direkten Einfluss auf das Verhalten nehmen, ohne den Umweg über die hormonelle Steuerung. Um diese These zu testen, untersuchte die Expertin mit ihrem Forschungsteam Verhaltensunterschiede bei genmanipulierten Mäusen - sogenannte Four Core Genotypes (FCG). Prompt wurde sie fündig. "Wir konnten erstmalig einen direkten Bezug zwischen Chromosomensatz und Verhalten aufzeigen", erklärt Taylor im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

FCG-Mäuse sind sonderbare Kreaturen. Sie entstehen bei der Paarung normaler Weibchen mit genveränderten Männchen. Letzteren hat man das für die Bildung von Hoden verantwortliche Gen "Sry" aus dem Y-Chromosom herausgeschnitten. Folglich entstehen in ihren Körpern während der Embryonalentwicklung Eierstöcke, und die Mäuse kommen weiblich zur Welt, auch wenn ihr XY-Chromosom eine andere Sprache spricht.

Buntes Durcheinander

Die Manipulation ging noch weiter: Die Forscher haben den Tieren das Sry-Gen wieder in die Erbanlagen eingepflanzt - allerdings nicht in ein geschlechtsspezifisches Chromosom, sondern in ein sogenanntes Autosom. Autosomen gehören zwar zu den Chromosomen und damit zum Genom, sind aber nicht geschlechtsspezifisch.

Diese doppelt manipulierten Mäuse werden als vollwertige Männchen geboren. Paaren sich solche Mäuseriche mit normalen Weibchen, gebären die nicht nur Nachwuchs mit der genetischen Ausstattung ihrer Eltern, sondern auch Eierstock-Besitzer mit XY-Chromosomen und Hodenträger mit doppeltem X - ein buntes Durcheinander (siehe Fotostrecke).

Jane Taylor und ihre Kollegen nutzten diese Mischwesen für ein faszinierendes Experiment. Sie trainierten Tieren aller vier Geschlechtskategorien die Selbstbedienung an einem Futterautomaten an. Später injizierten die Forscher den Mäusen nach jeder Maschinenmahlzeit eine kleine Dosis Lithiumchlorid. Das Salz löst Übelkeit aus und sollte so den Versuchstieren das Futtern am Automaten verleiden. Dies geschah wie erwartet, doch nicht bei allen in gleicher Weise.

Weibliche Gewohnheitstiere

Nach kurzer Gewöhnung ließen sich normale Weibchen und Doppel-X-Männchen die neue Neigung zum Fastfood deutlich schwerer wieder austreiben als die Besitzer eines Y-Chromosoms. Unabhängig davon, ob sie über männliche oder weibliche Organe und die damit verbundenen Hormonhaushalte verfügten. XX-Mäuse legten sich also schneller eine Gewohnheit zu als ihre XY-Artgenossen und waren schwieriger zu entwöhnen.

Das beweise die Bedeutung von Geschlechtschromosomen für das Verhalten, schreiben die Forscher in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Nature Neuroscience". Die Ergebnisse seien "potentiell relevant" für die Anfälligkeit für Suchtkrankheiten. Schlechte Nachrichten also für das weibliche Geschlecht?

Nicht unbedingt, meint Taylor. Gewohnheiten und aktiv willensgesteuertes Verhalten seien in unterschiedlichen Hirnregionen angesiedelt. Wenn Frauen erstere schneller aufnähmen, könne dies auch von Vorteil sein - zum Beispiel um Kapazitäten für wichtigere, gleichzeitig zu bewältigende Aufgaben frei zu halten. "Geschlechtsunterschiede sind keine einfache Frage von besser oder schlechter", so die Wissenschaftlerin. Sollte ein solcher Mechanismus jedoch Suchtpotential bergen, müsse dies in der Medizin berücksichtigt werden.

Geschlechtsspezifische Suchtrisiken

Martin Brüne kennt die Suchtproblematik aus seiner täglichen Arbeit. Der Mediziner von der Bochumer Universitätsklinik für Psychiatrie befasst sich intensiv mit der Biologie von Verhaltensstörungen. Die Ergebnisse von Taylors Studie kann er aus seiner klinischen Erfahrung heraus nicht bestätigen. "Es fällt auf, dass die Mehrheit der Suchtkranken Männer sind", betont Brüne. Dennoch kann sich der Fachmann einen prägenden Einfluss der Chromosomen durchaus vorstellen.

Und er hat auch gleich eine Idee, wie der weibliche Körper mit negativen Nebenwirkungen umgehen könnte: "Bei Frauen ist die inhibitorische Kontrolle besser als bei Männern, sie können unmittelbare Reaktionen auf Reize besser unterdrücken". Die Fähigkeit von Frauen, riskanten Verlockungen zu widerstehen, könnte eine unbewusste Kompensation einer niedrigeren physiologischen Suchtschwelle sein.

Der Entwicklung von Abhängigkeiten bei Frauen sollte nach Brünes Meinung deutlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden. "Es gibt eine unglaublich hohe Dunkelziffer", vor allem beim Missbrauch von Medikamenten. Yale-Forscherin Taylor denkt in dieselbe Richtung. Gewisse Mittel seien praktisch ausschließlich an Männern getestet worden und könnten beim weiblichen Geschlecht anders wirken, Suchtgefahr inklusive. Als nächstes will sie ihre Versuche mit Alkohol wiederholen. Der werde auch gerne von Mäusen getrunken.

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Typisch Weiblich: Die Macht der Chromosomen