Geschlechtsunterschiede: Forscher halten Autismus für extreme Form von Männlichkeit

Mit einer provozierenden Theorie sind britische Wissenschaftler an die Öffentlichkeit getreten. Vieles spreche dafür, schreiben sie in einem Fachartikel, dass die Gehirne von Autisten einfach ganz besonders männlich sind.

Simon Baron-Cohen und seine Kollegen wissen schon, dass sie sich auf dünnes Eis begeben. Der erste Satz ihres Fachartikels zum Thema "Geschlechtsdifferenzen im Gehirn" beginnt mit den Worten: "Wenn man die political correctness einmal beiseite lässt..." Wenn Forscher beginnen, über die Unterschiede zwischen Mann und Frau nachzudenken, lauern hinter der nächsten Ecke nicht selten mit Moralkeulen bewaffnete Kritiker. Auch Baron-Cohen und den anderen Autoren des Artikels in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Science" (Bd. 310, S. 819) könnten sich durchaus den Vorwurf des Sexismus einhandeln - diesmal allerdings, was eher untypisch ist, von Seiten der Männer.

Autistische Kinder: "Extreme Form der männlichen Struktur"
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Autistische Kinder: "Extreme Form der männlichen Struktur"

Denn ihre These über das "Rain Man"-Syndrom und das Gehirn lautet, in Kurzform: "Autismus stellt eine extreme Form der männlichen Struktur dar." Von "beeinträchtigter Empathie" und "erweiterter Systemisierung" ist da die Rede.

Was bei Autisten mit "Systemisierung" gemeint ist, kennt man etwa aus dem Film "Rain Man" oder dem Roman "Buntschatten und Fledermäuse" von dem autistischen Autor Axel Brauns: Fahrpläne auswendig lernen, Kreuzworträtsel ausdenken, zum Vergnügen Telefonbücher lesen, von Straßennamen besessen sein, die Reihenfolge hunderter Spielkarten im Kopf behalten. Praktische, wenn auch im Alltag selten wirklich dringend nötige Fähigkeiten also. Normale Männer machen so etwas auch - in reduzierter Form. Zum Beispiel spielen Jungen lieber als Mädchen mit mechanischem Spielzeug und sind besser im Kartenlesen.

"Du kannst mich einfach nicht verstehen"

Was mit "beeinträchtigter Empathie" gemeint ist, formulierte der Titel eines der vielen Bestseller zum Thema "Männer und Frauen" so: "Du kannst mich einfach nicht verstehen." Da wiederum sind Frauen im Schnitt besser, sie erreichen höhere Punktzahlen in Tests zur emotionalen Empfindsamkeit, erkennen Gefühle bei anderen besser und lernen früher Sprechen.

Autisten können sich gar nicht in die Lage anderer versetzten, sie haben keine "Theory of Mind", wie Psychologen das nennen: Sie wissen einfach nicht, was im Kopf ihres Gegenübers vor sich geht. Bei Männern, vermutet das Forscherteam vom Autism Research Center der Cambridge University, ist das ähnlich. "Wir haben festgestellt, dass Menschen aus dem Autismus-Spektrum eine übersteigerte Form des männlichen Profils aufweisen", schreiben die Wissenschaftler.

Gescheiterte Kommunikationsversuche am Küchentisch

Diese Folgerung bezieht sich nicht nur auf gescheiterte Kommunikationsversuche am Küchentisch. Baron-Cohen und seine Kollegen haben die jüngere Fachliteratur zum Thema Hirnanatomie und -morphologie durchforscht. Dabei stießen sie auf die Gemeinsamkeiten zwischen männlichen und autistischen Köpfen: Beispielsweise seien bei Autisten weitreichende Verknüpfungen von Zellverbänden im Gehirn schwächer ausgeprägt. Gerade solche Verbindungen, die Informationen aus unterschiedlichen Regionen miteinander verknüpfen, seien aber für Empathie-Aufgaben notwendig.

Außerdem wachse die Amygdala, ein Teil des Gehirns, der für Emotionen wie Angst wichtig ist, bei autistischen Kindern in einem bestimmten Alter ungewöhnlich stark - ähnlich wie bei normalen Jungen. Autistengehirne seien zudem generell größer, aufgrund einer Überrepräsentation weißer Gehirnmasse: "Wie eine übertriebene Form typischer männlicher Kinder zeigen Kinder mit Autismus eine Vergrößerung des cerebralen Kortex, die mehr von weißer als von grauer Gehirnmasse herrührt", so die Forscher.

Testosteron als Autismus-Hormon?

Zu tun haben könnte all dies mit der Zufuhr von Geschlechtshormonen im Mutterleib: Denn gerade die Hirnregionen mit den stärksten Geschlechtsunterschieden hätten die meisten Rezeptoren für sogenannte Androgene, zu denen beispielsweise auch das Testosteron gehört. Frauen, die im Mutterleib besonders viel Testosteron abbekommen haben, zeigen häufiger Autismus-artige Züge.

Ihren Ansatz nennen die Wissenschaftler aus Cambridge "extreme male brain"-Theorie - Autisten sind gewissermaßen besonders männlich. Die These könne auch erklären, warum weibliche Autisten viel seltener seien, so die Forscher. Ein männliches Gehirn könne gewissermaßen "ein Risikofaktor für Autismus" sein. Sie geben aber auch zu, dass die Datenlage für die These bislang noch relativ dünn ist: "Besonders auf den Gebieten Histologie und Physiologie" müssten weitere Daten gesammelt werden, also Informationen über Zellstrukturen und funktionale Abläufe im Gehirn. Außerdem müsse untersucht werden, ob "Männer mit 'weiblicheren' Profilen von Empathie und Systemisierung 'weiblichere' Hirnanatomien haben und umgekehrt".

Wenn Ihr Gatte Sie also wieder einmal überhaupt nicht zu verstehen scheint, liebe Leserinnen, nehmen Sie es ihm nicht übel. Vielleicht liegt es einfach an seinem Gehirn. Vielleicht aber auch an ihrer eigenen wohlklingenden Stimme: Wie Forscher von der University of Sheffield herausfanden, senden die höheren und musikalischeren Stimmen von Frauen eine größere Bandbreite akustischer Wellen aus. Damit, so die Forscher, seien sie für das Gehirn von Männern schwerer zu entziffern.

Christian Stöcker

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