Gespaltene Persönlichkeit Wenn zwei Menschen in einem Gehirn leben

Eine Persönlichkeitsspaltung reicht tiefer, als Forscher bisher ahnten. Wenn in einem Gehirn zwei verschiedene Menschen leben, benutzt jeder sein eigenes Nervennetzwerk, um zu erinnern und zu verdrängen.


Ein Körper, zwei Selbstbilder: Multiple Persönlichkeiten haben eigene Netzwerke im Gehirn
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Ein Körper, zwei Selbstbilder: Multiple Persönlichkeiten haben eigene Netzwerke im Gehirn

Kinder sind am ehesten von der Krankheit betroffen: Wer in jungen Jahren schwer traumatisiert wird, entwickelt in manchen Fällen die so genannte multiple Persönlichkeitsstörung. Die Patienten besitzen zwei oder mehr Identitäten, zwischen denen sie häufig unkontrolliert hin- und herwechseln. Wissenschaftler vermuten, dass die Betroffenen auf diese Weise Abstand vom Erlebten gewinnen - so, als sei das schreckliche Ereignis nicht ihnen, sondern einem anderen Menschen widerfahren.

Niederländische Forscher haben jetzt entdeckt, dass Patienten mit gespaltener Persönlichkeit für jedes ihrer beiden "Ichs" eigene Verknüpfungen der Nervenzellen im Gehirn besitzen. Je nachdem, welche Persönlichkeit gerade im Vordergrund steht, werden Eindrücke von unterschiedlichen Hirnregionen verarbeitet, schreiben Simone Reinders von der Universität Groningen und ihre Kollegen in der Fachzeitschrift "NeuroImage".

Die Wissenschaftler hatten elf Patienten autobiografische Geschichten vorgelesen, die das erlittene traumatische Erlebnis zum Thema hatten. Dabei stellte sich heraus, dass die zweite Persönlichkeit sich genauso in der Hirnstruktur wiederfindet wie die erste.

Befanden sich die Patienten gerade in ihrem ersten Persönlichkeitszustand, wurden für Emotionen zuständige Hirnareale aktiv. Hatte dagegen das zweite Ich die Oberhand, empfanden sie das Gehörte nicht mehr als ihre eigene Vergangenheit, und ganz andere Hirnregionen wurden aktiv - darunter Areale, die beim Aufbau des Selbstverständnisses eine Rolle spielen.

Reinders glaubt, dass diese Hirnregionen die autobiografischen Erinnerungen unterdrücken und sie aus der Vergangenheit der gerade aktiven Persönlichkeit streichen. "Das Gehirn muss die traumatische Information aktiv unterdrücken", erklärte die Forscherin.

Für die Wissenschaftler weisen die Ergebnisse darauf hin, dass die multiple Persönlichkeitsstörung, die oft fälschlicherweise mit Schizophrenie gleichgesetzt wird, sehr tief reicht und die Betroffenen nicht einfach nur schnell zwischen verschiedenen Launen hin- und herwechseln.



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