Gesundheit in China: Reich des Schmerzes

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Fettiges Essen, billiger Tabak, dreckige Luft: Immer mehr Chinesen bekommen die negativen Seiten des Wirtschaftsbooms zu spüren - die Zahl von Herzinfarkten, Schlaganfällen und Asthma steigt sprunghaft. Ein neuer Report enthüllt die schockierenden Mängel des Gesundheitssystems.

Hamburg - Laptops, iPhones, billige T-Shirts - Chinas Wirtschaft boomt seit Jahren. Der neue Reichtum füllt allerdings nicht nur die Kassen, er bringt auch Probleme mit sich: China ist krank. Die Zahl der übergewichtigen Chinesen steigt rapide, immer mehr Männer rauchen, Zivilisationskrankheiten nehmen zu. Das Fachmagazin "The Lancet" beschäftigt sich in seiner aktuellen Ausgabe mit dem Gesundheitszustand der größten Nation der Welt - eine alarmierende Bestandsaufnahme.

Das Land ist längst kein Entwicklungsland mehr, die Probleme haben sich gewandelt: Schuld an den vielen Herzinfarkten, Schlaganfällen und Atemwegserkrankungen sind demzufolge neben Umweltverschmutzung vor allem das Rauchen und Übergewicht. Im Jahr 2002 waren laut offizieller Statistik 22,8 Prozent aller Chinesen übergewichtig - eine Zunahme von 39 Prozent gegenüber 1992. Der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge war 2002 jedes zehnte chinesische Kind zu dick, seitdem sind es noch bedeutend mehr geworden.

Die Menschen essen immer mehr Fleisch und immer weniger Ballaststoffe. Fastfood, Zuckergetränke, wenig Bewegung - der westliche Lebensstil ist im Reich der Mitte angekommen. In ländlichen Gegenden hat sich die Fettmenge in der Nahrung zwischen 1982 und 2002 verdoppelt, schreibt Gonghuan Yang vom chinesischen Gesundheits- und Präventionszentrum in Peking im "The Lancet". Er ist einer von zahlreichen Wissenschaftlern, die den Gesundheitszustand ihres Landes in der Fachzeitschrift kommentieren und analysieren.

Kein Geld für den Arzt

Dabei hat China etwa bei der Armutsbekämpfung bereits eine große Erfolgsgeschichte hinter sich: Die Uno-Ernährungsorganisation WFP (World Food Programm) hatte in China mehr als 30 Millionen Menschen 26 Jahre lang mit Nahrung versorgt - bis 2005. Seitdem braucht die Republik keine Hilfe mehr, das Land ist mittlerweile sogar vom Empfänger zum Spender geworden. Auch die Lebenserwartung hat zwischen 1949 bis 2005 um 37 Jahre zugenommen, von 35 Jahren auf 72. Der wichtigste Grund ist vermutlich die erfolgreiche Bekämpfung von Infektionskrankheiten.

Jetzt liegen die Probleme woanders: In den Städten und auf dem Land raucht die Hälfte aller Männer. Damit ist jeder dritte Raucher auf der Welt Chinese. Nur fünf Prozent von ihnen haben jemals versucht aufzuhören. Bluthochdruck und Arterienverkalkung sind programmiert, derzeit ist der Blutdruck von jedem fünften Mann zu hoch. "Wenn weiterhin immer mehr Männer rauchen, werden zwischen 2000 und 2050 100 Millionen chinesische Männer an den Folgen von Tabakkonsum sterben", kommentiert Shuiyuan Xiao von der Central South University in Changsha, China, die Lage. Frauen halten sich aufgrund gesellschaftlicher Normen noch weitgehend zurück: Von ihnen rauchen nur fünf Prozent.

Doch die Zivilisationskrankheiten treffen die chinesische Bevölkerung womöglich härter als amerikanische und britische Dickbäuche oder deutsche und französische Raucher. Denn die Gesundheitsversorgung in China hinkt weit hinter dem boomenden Wirtschaftswachstum hinterher: Nur zwölf Prozent aller Bluthochdruck-Patienten in den Städten und sieben Prozent auf dem Land wurden beispielsweise 2004 behandelt. Und vermutlich hatten 438 Millionen Chinesen im Jahr 2003 Probleme, Arzt oder Medikamente zu bezahlen, wie Hochrechnungen von Yuanli Lius von der Harvard School of Public Health in Boston ergeben haben.

Kindersterblichkeit im Dorf fünfmal höher als in der Stadt

Derzeit kostet ein Krankenhausaufenthalt so viel wie das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Chinesen und mehr als doppelt so viel wie das jährliche Einkommen der 20 ärmsten Prozent. Die Hälfte davon bezahlen die Kranken aus der eigenen Tasche, eine Versicherung gibt es längst nicht für jeden.

Der Trend geht mittlerweile jedoch offenbar in die richtige Richtung: Während im Jahr 2000 noch 59 Prozent der Kosten aus eigener Kraft aufgebracht werden mussten, waren es 2006 noch 49 Prozent. Bis 2010 soll es sogar angeblich für alle Chinesen eine Krankenversicherung geben.

Das soll zum einen die privaten Kosten senken und arme Menschen weniger benachteiligen. Vor allem in abgelegenen Gegenden haben mehr als 40 Prozent der Betroffenen kein Geld für ihre Gesundheit übrig - und verzichten daher so weit wie möglich auf Arztbesuche. Doch auch die staatlichen Gelder müssen in Zukunft neu verteilt werden: Während Krankenhäuser in Städten derzeit die Hälfte des Geldes schlucken, haben Dorfkliniken und Gesundheitszentren auf dem Land meist viel zu wenig.

Der Graben zwischen Stadt und Land ist tief: Haben Städter zu 96 Prozent Zugang zu sauberem Trinkwasser, kann in den ärmsten Gegenden weniger als jeder Dritte reines Wasser trinken. Auf dem Dorf ist die Kindersterblichkeit fünfmal höher als in der Stadt. Die Lebenserwartung in Shanghai ist in den 20 Jahren bis 2000 um fünf Jahre auf 78 gestiegen, in der armen Provinz Gansu hingegen nur um 1,4 Jahre auf 68.

Organe von Hingerichteten

Auch wenn viele Infektionskrankheiten keine Chance mehr haben, sich so rasant wie früher auszubreiten, spielen gewisse Erreger noch immer eine große Rolle. Von allen 27 Infektionskrankheiten, die China in seinem Meldesystem erfasst, machen Tuberkulose, Hepatitis B, Durchfälle und die Geschlechtskrankheiten Syphilis und Gonorrhoe 86 Prozent aus - dies entspricht 4,5 Millionen Erkrankungen. Sie werden häufig erst sehr spät erkannt und lassen sich - wenn überhaupt - nur mit sehr konsequenter und für viele Menschen teurer Antibiotika-Therapie heilen.

Besonders brisant ist im chinesischen Gesundheitssystem zudem, wie Organspenden vonstatten gehen. Derzeit stammen neun von zehn transplantierten Organen von Hingerichteten, schreibt "The Lancet". Sie haben nicht das Recht, eine Spende zu verweigern. Doch selbst wenn das Organ nicht von einem toten Gefangenen stammt, ist die derzeitige Vergabepraxis geprägt von "finanzieller Entschädigung" etwa für Lebendspenden. Im Klartext heißt das: Wer sein Organ hergibt, kriegt Geld. Die Beträge übersteigen in vielen armen Familien das durchschnittliche Jahreseinkommen - eine Spende ist also lukrativ.

In Zukunft soll das nach dem Willen von Jiefu Huang, Chinas Vizegesundheitsminister, anders werden. Huang schreibt in "The Lancet": "Wir brauchen ein transparentes System für die Organbeschaffung, die gerechte Vergabe und die Auswahl der geeigneten Patienten."

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