Gesundheitskosten in Kalifornien Anti-Tabak-Programm spart 86 Milliarden Dollar

Jede verkaufte Zigarettenschachtel kostet das US-Gesundheitssystem bis zu 27 Dollar. Jetzt zeigt Kalifornien, wie diese Milliardenkosten reduziert werden können. Ein Modell, das auch in Deutschland funktionieren könnte.

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Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs - jetzt ist es wieder so weit: Alle sechs Sekunden stirbt nach Angaben der Weltgesundheitsbehörde WHO ein Mensch durch Tabakrauch. Bis 2030 soll die Zahl der jährlichen Tabaktoten um rund drei Millionen auf acht Millionen steigen.

Eine gegenläufige Entwicklung lässt sich in Kalifornien beobachten. Dort wurde durch das staatliche Tobacco Control Program die Anzahl der konsumierten Zigaretten deutlich reduziert - und Milliarden Dollar Gesundheitskosten eingespart.

Rauchen ist teuer: Dabei nehmen die Zigaretten selbst den kleinsten Teil ein. Viel kostspieliger sind gesundheitliche Folgen wie Schlaganfälle, Herzinfarkte und Krebserkrankungen. Jedes konsumierte Päckchen Zigaretten beschert in den USA pro Kopf Gesundheitsausgaben von bis zu 27 Dollar. Diese Kosten in Milliardenhöhe sind vermeidbar und lassen sich durch gut strukturierte Programme offenbar reduzieren, wie Forscher von der University of California in San Francisco jetzt errechnet haben: Demnach sparte der US-Bundesstaat Kalifornien durch sein Anti-Tabak-Programm zwischen 1989 und 2004 rund 86 Milliarden Dollar.

Für ihre Studie verglichen Stanton Glantz und seine Kollegen die Gesundheitskosten des Staates Kalifornien mit denen aus 38 weiteren US-amerikanischen Staaten, in denen Anti-Rauch-Kampagnen keine größere Rolle spielten. In Kalifornien hingegen gibt es bereits seit 1989 ein Tabakkontroll-Programm, das versucht, die "sozialen Normen zu verändern", wie die Wissenschaftler im Online-Wissenschaftsmagazin "PLoS Medicine" berichten. Dazu gehören vor allem gesetzliche Instrumente, die die öffentliche Akzeptanz von Tabakrauch verändern und Zigaretten schlechter erreichbar machen: Die Tabaksteuern sind in Kalifornien hoch, und Rauchen ist seit 1995 in Restaurants und seit 1998 auch in Bars verboten.

Infolge des Programms wurden 3,6 Milliarden Zigarettenpackungen weniger zwischen 1989 und 2004 verkauft. Das kostete die Zigarettenindustrie 9,2 Milliarden Dollar an Umsätzen. Mit Hilfe eines Rechenmodells analysierten die Forscher, wie sich der abnehmende Konsum auf die Kosten im Gesundheitssystem auswirkte: Das wahrscheinlichste Ergebnis lag bei insgesamt 86 Milliarden Dollar. Dabei nahmen die positiven Folgen von Jahr zu Jahr stärker zu: 2004 wuchsen die Einsparungen auf 7,3 Prozent.

"Das Geschäft mit dem Tod"

Ein Einsparpotential, das noch viel höher liegen könnte, würde man auch die betriebs- und volkswirtschaftlichen Ausgaben mit einkalkulieren. Der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Michael Adams von der Universität Hamburg hat für Deutschland berechnet, dass ein 24-jähriger Raucher im Laufe seines Lebens zusätzliche Kosten von durchschnittlich 220.000 Euro verursacht. Stationäre Behandlungen, medizinische Rehabilitation und Arzneimittel fließen in diese Berechnung ebenso ein wie die Kosten für Feuerschäden, Produktivitätsausfall, Frühverrentung und Schädigung von Dritten. Insgesamt entstehen dadurch deutschlandweit Kosten von 55 Milliarden Euro pro Jahr, schreibt Adams in seinem 2007 erschienenen Buch "Das Geschäft mit dem Tod". "Eine Schachtel Zigaretten kostet also in Wirklichkeit nicht vier, sondern 40 Euro", sagt Adams im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Zwar lassen sich die Zahlen aus der kalifornischen Studie nicht einfach auf Deutschland übertragen. Die ergriffenen Maßnahmen aber stimmen mit den Strategien überein, die die WHO zum Kampf gegen die Tabakepidemie empfiehlt. "Kalifornien ist da schon seit Jahren ein großes Vorbild, und diese Studie zeigt erneut, wie enorm wichtig und wirksam Tabakkontrolle ist", sagt Martina Pötschke-Langer. Die Leiterin des WHO-Kollaborationszentrums für Tabakkontrolle am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg weist vor allem auf einen zentralen Punkt bei der Kampagne hin: "Der Fokus liegt dort bei den Erwachsenen. Eine Verminderung des Rauchens von Erwachsenen führt unmittelbar und schnell zu großen Ersparnissen im Gesundheitswesen."

Tatsächlich bemüht sich das Programm in Kalifornien vor allem darum, Erwachsenen den Glimmstengel abzugewöhnen. Sie werden als Vorbilder verstanden, an denen sich Kinder und Jugendliche orientieren. Erst wenn die Erwachsenen aufhörten zu rauchen, würden auch Jugendliche die Finger von der ersten Zigarette lassen, so die Annahme.

"Studie wird politische Diskussion hierzulande beleben"

Adams teilt diese Hypothese nur begrenzt: "88 Prozent aller Personen, die mit dem Rauchen beginnen, sind unter 18 Jahre alt, und sie fangen an zu rauchen, weil die Zigarettenindustrie ihre Marketinganstrengungen auf sie konzentriert", so der Wirtschaftswissenschaftler. Über 80 Prozent bereuen im Nachhinein, dass sie überhaupt damit angefangen haben. "Das beste Instrument wäre, wenn die Zigarettenindustrie auf alle von Minderjährigen gerauchten Zigaretten eine zusätzliche Abgabe leisten müsste, die die wirklichen Kosten des Rauchens widerspiegeln, erst dann lassen sie die Finger von den Kindern", schlägt Adams vor. "Außerdem sollte ein Reinheitsgebot regeln, dass Zigaretten nicht süß schmecken oder mit Menthol versehen werden dürfen. Nur durch diese Zusatzstoffe kann ein Kind den Rauch überhaupt inhalieren."

Pötschke-Langer hingegen betont den Vorbildcharakter von Kalifornien: "Natürlich müssen wir in Deutschland auch weiterhin Kinder und junge Erwachsene aufklären, aber die Studie zeigt, dass wir von dem Kontrollprogramm noch sehr viel lernen können."

Ob sich Deutschland den US-Bundesstaat allerdings tatsächlich zum Vorbild nehmen wird, ist alles andere als klar. Erst vor einem Monat hatte das Bundesverfassungsgericht das Rauchverbot hierzulande gekippt. Seitdem bleibt im Grunde nur eine einzige Möglichkeit für einen einheitlichen Nichtraucherschutz: ein bundesweites Rauchverbot für alle Gaststätten und öffentlichen Einrichtungen. "Deutschland hat noch alle Chancen, die positiven Erfahrungen aus Kalifornien zu übernehmen", meint Pötschke-Langer. "Diese Studie wird die wissenschaftliche und auch die politische Diskussion neu beleben und stark beeinflussen."



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