Gewaltopfer Kindesmisshandlung verändert die Stressgene

Liebesentzug, Schläge, Vergewaltigung: Physische und psychische Gewalt prägt Kinder für lange Zeit. Eine neue Studie belegt, dass sie auch als Erwachsene noch anders auf Stress reagieren als Menschen, denen solch schlimme Momente erspart blieben.


London - Es geschieht meist im Verborgenen. Wenn Eltern oder Erzieher Kinder misshandeln, dauert es oft lang, bis die Umgebung etwas davon mitbekommt - wenn überhaupt. Doch die psychischen Wunden sitzen tief, manchmal zerstören sie das ganze Leben der Betroffenen - und treiben sie sogar in den Selbstmord.

Gewalt in der Familie: Opfer von Kindesmisshandlung haben als Erwachsene veränderte Stressgene
DDP

Gewalt in der Familie: Opfer von Kindesmisshandlung haben als Erwachsene veränderte Stressgene

Um zu untersuchen, wie sich die Signalübertragung im Gehirn von Misshandlungsopfern verändert, haben kanadische Forscher jetzt Gehirnzellen von Suizidopfern untersucht. Dabei analysierten sie Gewebeproben von 24 Leichen: Zwölf waren als Kind Opfer von Gewalt geworden, zwölf hatten eine psychiatrische Erkrankung. Als Kontrollgruppe dienten den Wissenschaftlern zwölf Tote, die sich nicht umgebracht hatten, sondern ohne Zusammenhang mit einer psychischen Erkrankungen plötzlich gestorben waren.

Ihren Untersuchungen zufolge kann Kindesmisshandlung bei den Opfern auch Jahre später noch die Signalübertragung im Gehirn beeinflussen. Das berichten Patrick McGowan von der McGill-Universität in Montreal und seine Kollegen im Fachmagazin "Nature Neuroscience". Ein Protein, das auf Stresssignale reagiert, ist bei Gewaltopfern demnach nur in deutlich geringeren Mengen vorhanden als bei Menschen, die als Kind nicht misshandelt wurden.

Die Forscher analysierten die Zellen des sogenannten Hippocampus, einer der evolutionär ältesten Strukturen im Gehirn, in dem kurzzeitige Erinnerungen ins Langzeitgedächtnis überführt werden. Wenn der Mensch unter Stress steht, aktiviert der sogenannte Glukokortikoid-Rezeptor NR3C1 bestimmte Signalketten im Gehirn, die auf die Anspannung reagieren.

Im Hippocampus suchten die Wissenschaftler nach Kopien des genetischen Bauplans für NR3C1, den sogenannten messenager-RNAs (mRNAs). Sie sind unverzichtbar für die Herstellung des Proteins. Das Ergebnis: Bei den Menschen, die als Kind misshandelt worden waren, fanden sich deutlich weniger Kopien der Rezeptor-mRNA als bei jenen Suizidopfern, die keine Gewalt erfahren hatten. Die Forscher schließen daraus, dass im Gehirn der Misshandlungsopfer auch wesentlich weniger Rezeptoren gebildet wurden.

Bei Ratten beeinflussen Störungen des Mutter-Kind-Verhältnisses die Übersetzung des Rezeptor-Gens zum Protein in ähnlicher Weise, wie bereits frühere Studien gezeigt hatten. Die Forscher übertragen diese Ergebnisse nun auf den Menschen. Sie vermuten, dass Misshandlungsopfer aufgrund der verminderten Rezeptoranzahl schlechter auf Stress reagieren können und daher anfälliger für Depressionen sind. Die Wissenschaftler verfügen allerdings nicht über Vergleichsdaten von Misshandlungsopfern, die sich nicht umgebracht haben. Daher können sie keinen Zusammenhang mit der Selbstmordgefährdung nachweisen.

hei/ddp



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