Geweih-Äxte im Seegras Spektakuläre Steinzeitfunde vor Rügen

Unterwasserarchäologen entdeckten in einem Bodden vor Rügen Steinzeitwelten ungeahnten Ausmaßes. In zwei Metern Tiefe lagen Knochendolche und Geweih-Äxte am Boden. Die 7000 Jahre alten Funde stammen aus der Erteboelle-Kultur.


Archäologe Lübke mit Fund: Zeugnisse der Erteboelle-Kultur
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Archäologe Lübke mit Fund: Zeugnisse der Erteboelle-Kultur

Der Breetzer Bodden, eine schmale Wasserstraße zwischen der Insel Hiddensee und dem Breeger Bodden im Innern von Rügen zählt eher zu den unspektakulären Gegenden der größten Insel Deutschlands. Breite weiße Strände, dichte Wälder oder alte Bäderarchitektur sucht man am Ufer vergebens. Nur gelegentlich tuckert ein Ausflugsschiff vorbei oder ein Segelboot bahnt sich seinen Weg hinaus in die offene See.

Doch der unscheinbare Wasserstreifen birgt ungeahnte Schätze. In nur zwei Metern Tiefe zwischen Steinen und Seegras entdeckten Archäologen in den vergangenen Tagen steinzeitliche Kernbeile und Pfeilspitzen. Harald Lübke vom Landesamt für Bodendenkmalpflege traute seinen Augen kaum. Schon beim zweiten Tauchgang holte er eine Geweih-Axt aus dem Wasser. Alter: rund 7000 Jahre. "Man brauchte nur hineinzugreifen, berichtet der Taucharchäologe.

Die Funde stammen höchstwahrscheinlich aus der so genannten Erteboelle-Kultur, die nach einem Fundort in Dänemark benannt ist. Sie markiert den Übergang von der Jäger-Fischer-Sammler-Zeit zum Ackerbau.

Den im Breetzer Bodden liegenden Siedlungsplatz hatte die Tauchcrew um Lübke vor einem Jahr entdeckt - zusammen mit weiteren im Wasser versunkenen Orten. Innerhalb von vier Wochen stießen die Archäologen in den Gewässern zwischen Rügen und Hiddensee auf 14 steinzeitliche Siedlungen. Seit Anfang Mai tauchen die Forscher erneut im Breetzer Bodden.

"Unsere Erwartungen wurden weit übertroffen", sagte Lübke. Auf gerade mal vier Quadratmeter Fläche entdeckten die Archäologen neben Steinwerkzeugen auch erste Funde aus organischem Material, wie bearbeitete Geweih-Äxte vom Rothirsch und 25 Zentimeter lange Knochendolche. Die Dolche sind aus Knochen von Auerochsen gefertigt. Außerdem fanden die Taucher den Pfosten eines Fischzauns sowie unzählige Fischreste, wie Knorpel, Schuppen und Gräten. "Die Kulturschichten sind hervorragend erhalten", erklärt Lübke.

Bislang haben sich die Archäologen nur den ersten der insgesamt 14 im Wasser versunkenen Siedlungsplätze vorgenommen, der rund hundert mal hundert Meter misst. Umso erstaunlicher erscheint deshalb die Vielzahl der gut erhaltenen Funde.

Die Unterwassergrabung ist Teil des Forschungsprojektes "Sincos" (sincing coasts) der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Geologen und Archäologen versuchen seit 2002 gemeinsam, den Gründen der Küstenverschiebungen im südlichen Ostseeraum auf die Spur zu kommen.

Ein Anstieg des Meeresspiegels infolge schmelzender Eisschichten und eine Absenkung der Erdkruste sind der Grund, weshalb manche Steinzeitsiedlungen heute unter Wasser liegen. Teile Skandinaviens heben sich jedoch bis zum heutigen Tag, so dass Siedlungen in Dänemark häufig auf dem Festland zu finden sind. Während die steinzeitlichen Orte in Dänemark sehr gut erkundet seien, herrsche an der deutschen Ostseeküste noch großer Nachholebedarf, erklärt Lübke im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Vor Freizeittauchern, die den Archäologen die schönsten Funde vor der Nase wegschnappen, fürchtet er sich kaum. "Unter Wasser haben wir vor allem Probleme mit Tauchern, die an Schiffswracks herangehen", sagte Lübke. Die Kombination von Taucher und Hobby-Steinzeitarchäologe sei glücklicherweise sehr selten.

Vor der Insel Poel in der Wismarer Bucht hatten die Unterwasserarchäologen jedoch schon einmal Probleme mit Hobbytauchern. "Offenbar wollten die Lehrer einer Tauchschule ihren Schülern die Stellen zeigen, an denen wir tagsüber gearbeitet haben", berichtet Lübke. Durchaus mit Erfolg, denn "manchmal fehlte dann etwas".

Holger Dambeck



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