Ägypten Physiker finden riesigen Hohlraum in Cheops-Pyramide

Drei Hauptkammern sind im Inneren der Cheops-Pyramide bekannt. Nun gibt es Hinweise auf eine weitere: Sie soll bis zu 30 Meter lang sein. Aufgespürt wurde sie mithilfe kosmischer Strahlung.

ScanPyramids mission

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Die drei Pyramiden von Giseh gehören zu den berühmtesten Bauwerken der Menschheit. Und zu den geheimnisvollsten. Unter den riesigen Kalkstein-Konstruktionen ist die Cheops-Pyramide die größte und beeindruckendste. Gebaut vor viereinhalbtausend Jahren zu Ehren eines ägyptischen Gottkönigs, gibt das Sechs-Millionen-Tonnen-Monstrum Forschern bis heute Rätsel auf.

Und gerade ist ein neues Rätsel dazugekommen - denn Teilchenphysiker wollen einen riesigen, bisher unbekannten Hohlraum in der Pyramide gefunden haben. Das jedenfalls berichtet das Team des "ScanPyramids Project" um Mehdi Tayoubi vom Heritage Innovation Preservation Institute in Paris im Fachmagazin "Nature". In dem Artikel werden Messungen von drei Forschergruppen, zwei aus Japan und eine aus Frankreich, gemeinsam präsentiert.

Alle drei eingesetzten Verfahren haben gemeinsam, dass sie mithilfe von kosmischer Strahlung funktionieren. Die Wissenschaftler nutzen bei ihren Untersuchungen bestimmte Elementarteilchen, sogenannte Myonen. Diese entstehen hoch über der Erdoberfläche, wenn in den Außenbereichen der Atmosphäre schnelle Protonen aus den Tiefen des Alls auf die Atomkerne der irdischen Gashülle treffen. Bei den energiereichen Zusammenstößen entstehen - nach bestimmten Teilchenzerfällen - unter anderem Myonen. Sekundäre kosmische Strahlung nennen Fachleute das.

Pro Minute kommen auf einem Quadratmeter der Erdoberfläche etwa 10.000 dieser Partikel an. Durchqueren die fast lichtschnellen Myonen nun feste Materie wie etwa den Kalkstein der Pyramide, wird ein Teil von ihnen irgendwann gebremst oder abgelenkt - und diesen Effekt machten sich die Forscher für ihre Arbeit zunutze.

Sie stellten Messgeräte unter anderem in der sogenannten Königinnenkammer der Cheopspyramide auf. Neben der Königs- und der Felsenkammer ist das der dritte bisher bekannte größere Hohlraum in dem Bauwerk. Dann ging der Blick nach oben - und zwar für jeweils mehrere Monate. Das Kalkül: Wenn sich aus einer bestimmten Richtung dauerhaft überraschend viele Myonen nachweisen lassen, dann liegt von der Königinnenkammer aus gesehen überraschend wenig Stein über dieser Stelle - das könnte ein Hinweis auf einen Hohlraum sein.

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Und tatsächlich fand sich oberhalb der sogenannten Großen Galerie, das ist ein fast 50 Meter langer und gut acht Meter hoher, aufsteigender Gewölbegang, ein bisher unbekannter Hohlraum - mindestens 30 Meter lang und mit einem ähnlichen Durchmesser wie die Große Galerie. Vielleicht handelt es sich auch um mehrere, kleinere Kammern, die zusammenhängen. So ganz sicher sind sich die Wissenschaftler da nicht.

Aber eines ist ihnen wichtig: "Der Hohlraum ist da. Und er ist groß. Um zu verstehen, um was es sich handelt, brauchen wir die Hilfe anderer Forscher", sagt Tayoubi. Der neu entdeckte Raum sei nicht von außen zugänglich.

Dass sie neben dem bisher unbekannten Raum auf ihren Bildern auch die Königskammer und die Große Galerie sehen können, macht die Forscher selbstbewusst. Bei den Autoren des Artikels handelt es sich allerdings allesamt um Teilchenphysiker. Sie sind deswegen peinlich darauf bedacht, nicht über die mögliche Rolle der gefundenen Struktur zu spekulieren. "Wir glauben nicht, eine Interpretation zu haben. Wir sagen nur, dass es dort einen Hohlraum gibt", so Tayoubi.

Gegenwind von Zahi Hawass

Doch manche Ägyptologen - allen voran der in Ägypten sehr einflussreiche Zahi Hawass - ziehen die Ergebnisse des Teams um Tayoubi in Zweifel. Sie argumentieren, dass womöglich ein Wechsel im Baumaterial für die beobachteten Veränderungen im Myonenfluss verantwortlich sei. Doch die "Autoren des "Nature"-Artikels wiesen diese Vermutung in einer Telefonkonferenz vor der Veröffentlichung der Arbeit entschieden zurück.

Hawass ist allerdings nicht irgendwer. Er war unter Präsident Husni Mubarak lange Jahre Generalsekretär der Altertümerverwaltung und für ein paar Monate sogar Minister. Außerdem - und das ist für die aktuellen Forschungen noch wichtiger - leitet er das mit Ägyptologen besetzte wissenschaftliche Aufsichtsgremium des "ScanPyramids Projects".

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Giseh: Fund in der Cheopspyramide

Bereits im vergangenen Jahr hatte er massive Zweifel angemeldet. Damals hatten die Forscher, die jetzt den Fund der unbekannten 30-Meter-Kammer im Inneren der Pyramide verkünden, Erkenntnisse zu kleineren Hohlräumen an der nördlichen Außenseite der Pyramide veröffentlicht.

Hawass hatte sich auch skeptisch gezeigt, als der britische Archäologe Nicolas Reeves bei Radarmessungen im Grab des ägyptischen Pharaos Tutanchamun im ägyptischen Tal der Könige das Grab der geheimnisvollen Nofretete gefunden haben wollte. Und zumindest hier hatte Hawass auch recht behalten - denn der vermeintliche Sensationsfund blieb aus.

"Gemischte Gefühle"

Andererseits sind die Myonen-Messungen, auf die sich das "ScanPyramids"-Team bei seinen Erkenntnissen nun stützt, ein durchaus etabliertes Messverfahren. Ein erster Test Anfang der Siebziger war - ausgerechnet in der Cheopspyramide - noch ohne Erfolg geblieben. Doch seitdem ist die Technik unter anderem zur Erforschung des Innenlebens mehrerer Vulkane, etwa in Japan und Frankreich erfolgreich zum Einsatz gekommen, aber auch in der Atomruine von Fukushima sowie an historischen Bauwerken in Mexiko, Italien und Ägypten.

Miroslav Barta, Ägyptologe an der Karls-Universität in Prag, ist wie Zahi Hawass einer der wissenschaftlichen Prüfer des "ScanPyramids Projects". Im Gespräch mit dem SPIEGEL sagt er zu den nun vorgelegten Ergebnissen, er habe "gemischte Gefühle". Das Projekt arbeite mit "Hightech", sei "sehr wichtig", habe "einen Schatz guter Daten produziert" und sei "eine große Bereicherung". Die beteiligten Forscher behielten "einen kühlen Kopf" und seien "zurückhaltend in ihren Interpretationen". Auch an den Daten ihres Fundes an der Nordseite der Pyramide zweifle er nicht.

Aber an eine große, geheime Kammer, wie jetzt verkündet, glaube er nach aktuellem Stand trotzdem nicht, sagt Barta: "Im Moment würde ich sagen, dass es sich um ein strukturelles Element handelt." Die Ägypter hätten ziemlich praktisch gedacht, als sie ihre Pyramiden bauten. Das heißt: Um die Last der zahllosen Steine in solch einem Bauwerk besser zu verteilen, um Stabilität und Erdbebensicherheit zu erhöhen, sei es nicht unüblich gewesen, Hohlräume im Baukörper mit Sand und Schotter zu füllen. Und womöglich sei der nun entdeckte Hohlraum eben genau so etwas.

Dazu passt, was Hany Helal von der Universität Kairo, einer der "ScanPyramids"-Forscher, sagt: "Aus unserer Sicht ist es zu früh, um zu sagen, was der Zweck dieses Hohlraums ist." Er sei aber gewiss "nicht zufällig" an dieser Stelle der Pyramide platziert. Dass der Hohlraum angebohrt werden darf, dürfte extrem unwahrscheinlich sein. Was können die Forscher also tun, um mehr über den Hohlraum herauszufinden? Weitere Myonen-Messungen an anderen Stellen wären eine Option. In jedem Fall wird die Cheopspyramide ihr Geheimnis aber noch eine Weile behalten.

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Seite 1
Ogim 02.11.2017
1. Die vermutete Kammer liegt in dem Bereich...
... in dem sie der Franzose Jean Piere Houdin schon länger vermutet. Es gibt von ihm und Daussald Systems dazu eine Dokumentation mit beeindruckenden animierten CAD Simulationen. Für mich die bis jetzt schlüssigste Theorie über die Art und Weise wie die Pyramiden gebaut wurden.
marathon9000 02.11.2017
2. Zahi Hawass
Dass sich Zahi Hawass dagegen wehrt, war klar. Er stimmt ja auch nach wie vor der These zu, dass es sich um Gräber handelt.
creme 02.11.2017
3. und wann finden sie da Aliens?
Die Cheopspyramide ist so lange und extrem detailliert erforscht, dass neue Erkenntnisse über das Bauwerk doch sehr unwahrscheinlich sind.... Sicher auch eine Art PR-Aktion für diese Messmethode.
jot-we 02.11.2017
4. Bei Isis und Osiris
... der unvermeidliche Hutträger und Selbstdarsteller Zahi Hawass leitet die Forschungsarbeiten! Damit dürfte klar sein, dass wir in den nächsten Jahren nichts mehr von weitergehenden Untersuchungen hören werden. Der Höhepunkt der mehrtausendjährigen Pyramidenkultur ist schliesslich er ...
Minster 02.11.2017
5.
Warum darf dort nicht gebohrt werden? Wenn das nur in kleinen Dosen geschieht, ist es doch zweckdienlich und beschädigt die Anlage nicht großartig. Eigentlich schon erstaunlich, dass die heutige Menschheit unfähig ist vergangene Relikten genausten zu erforschen. Als ob es den Ägyptern egal ist, was ihre Geschichte Wert ist.
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