Gläubige oder Atheisten Wer den Tod am meisten fürchtet

Religion lindert die Angst vor dem Tod, denken viele. Das stimmt allerdings nur eingeschränkt, wie eine weltweite Studie zeigt. Atheisten scheinen genauso furchtlos zu sein wie Tiefgläubige.

Was kommt nach dem Tod?
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Was kommt nach dem Tod?


Wenn am Ende das Paradies wartet, kann die Reise in den Tod gar nichts so schlimm werden. Eine gängige Theorie besagt, dass religiöse Menschen weniger Angst vorm Sterben haben. Das einzige Problem an der Schlussfolgerung: So richtig solide nachgewiesen wurde bislang nicht, dass Gläubige es mit dem Gedanken ans Sterben einfacher haben.

Jetzt werteten Forscher um Jonathan Jong von der Coventry University und Kollegen hundert Fachartikel zum Thema aus, die zwischen 1961 und 2014 erschienen sind. Die Arbeiten enthielten Daten von 26.000 Menschen weltweit. Demnach kann ein fester Glaube tatsächlich die Angst vor dem Tod abschwächen. Allerdings kommt es auf die Motivation an, die hinter dem Glauben steckt. Und auch Atheismus kann die Angst vor dem Tod lindern.

Zunächst zu den Gläubigen: Die Forscher fanden einen leichten Zusammenhang zwischen Religiosität und weniger Todesangst. Je gläubiger die Menschen waren, desto weniger Angst hatten sie vor dem Tod, berichten die Forscher im Fachmagazin "Religion, Brain and Behavior". Dabei war es egal, ob Religion als Glaube an Gott, an ein Nachleben oder religiöses Verhalten wie Kirchgänge oder regelmäßiges Beten definiert war.

Allerdings stellten die Forscher einen Unterschied zwischen Menschen fest, die aus eher pragmatischen Gründen, etwa wegen des sozialen Umfelds, eine Religion praktizierten und jenen, die tatsächlich tief gläubig waren. Die Tiefgläubigen hatten demnach weniger Angst vor dem Tod als die Zweckgläubigen.

Aber auch Atheisten kommen offenbar besser mit dem Gedanken ans Sterben klar als solche, die Religion etwa aus sozialen Gründen praktizieren. Elf der untersuchten Studien prüften die Theorie, ob einerseits Atheisten und Tiefgläubige am wenigsten Angst vor dem Tod haben und andererseits Menschen, die sich in ihrer Überzeugung nicht sicher sind, am meisten. Zehn dieser elf Untersuchungen bestätigten die These.

Viele Studien fanden gar keinen Effekt

Insgesamt ergeben die hundert untersuchten Studien jedoch kein klares Bild. So ergaben 18 Prozent der Untersuchungen sogar, dass religiöse Menschen mehr Angst vor dem Tod haben als Menschen, die nicht glauben. Und die Hälfte der Arbeiten ergab überhaupt keinen Zusammenhang zwischen Religiosität und Angst vor dem Tod.

Die Wissenschaftler schieben die diffusen Ergebnisse auch auf nationale Unterschiede im Verständnis von Religion. Der Großteil der Studiendaten stammt aus den USA. Daten aus Nahost und Ostasien waren dagegen in der Unterzahl. Das habe es schwierig gemacht, regionale und kulturelle Unterschiede zu berücksichtigen, so die Forscher.

Sie halten es für besonders plausibel, dass sowohl ein tiefer Glaube an eine Religion als auch die feste Überzeugung daran, dass nach dem Tod nichts mehr kommt, die Unsicherheit nimmt. Wer dagegen keine klare Vorstellung davon habe, was ihn nach dem Tod erwartet, tue sich besonders schwer mit dem Gedanken daran.

Allerdings gibt es auch noch eine andere Erklärung, warum sich Atheisten offenbar weniger mit Todesgedanken quälen. Möglicherweise seien sie grundsätzlich furchtloser und neigten deshalb auch weniger dazu, Trost in einer Religion zu suchen, so Jong.

jme



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