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Glatze bei Männern: Gentest soll Haarausfall zuverlässig vorhersagen

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Für umgerechnet hundert Euro bietet eine US-Firma einen Gentest an, der eine für manchen jungen Mann wichtige Frage beantworten soll: Bekomme ich Haarausfall, noch bevor ich 40 werde? Experten halten das Angebot für unseriös und unnütz zugleich.

Es ist ein großes Geschäft. Wer in einer Suchmaschine die Begriffe Gentest und Haarausfall eintippt, wird mit Anzeigen für angebliche Wundermittel regelrecht zugeschüttet. Bei Männern beginnt das Problem in der Regel mit Geheimratsecken, die Stirn wird höher, das Haar immer dünner.

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Schätzungen zufolge ist jeder zweite Mann früher oder später von Haarausfall betroffen - und manchem kratzt die schwindende Hauptbedeckung mächtig am Ego, was die Absatzchancen für dubiose Wässerchen und Tinkturen erhöht.

Die US-Firma HairDX will mit derlei obskuren Essenzen nichts zu tun haben und setzt stattdessen auf modernste Wissenschaft. Für 150 Dollar (etwa 100 Euro) bietet sie jungen Männern einen anonymen Gentest an, der eine zuverlässige Prognose darüber geben soll, ob man vor dem 40. Lebensjahr Haarausfall bekommt oder nicht. Die üblichste Form von Haarausfall sei erblich bedingt, und diese Veranlagung könne der neue Test nachweisen. Es sei dagegen "kein genaues und wissenschaftliches Barometer", zu schauen, ob Vater oder Großvater noch Haare auf dem Kopf hätten.

Untersuchungen hätten gezeigt, dass Menschen mit bestimmten Varianten auf dem X-Chromosom eine Wahrscheinlichkeit von 95 bis 98 Prozent hätten, vor 40 ihre Haare zu verlieren, erklärte die Firma. Eine Speichelprobe reiche für die Gen-Untersuchung aus.

Erbe vom Großvater mütterlicherseits

In der Tat sind sich Wissenschaftler mittlerweile sicher, dass die Frage "Glatze oder nicht?" vor allem eine Frage der Gene ist. Im Jahr 2005 hatte der Bonner Genforscher Markus Nöthen gemeinsam mit Kollegen eine Genvariante entdeckt, die zu früher Glatzenbildung bei Männern führt. Das betroffene Gen liegt auf dem X-Chromosom, weshalb Männer den Defekt von ihrer Mutter erben. Ein Beleg dafür, dass Männer beim Haarausfall eher nach ihrem Großvater mütterlicherseits kommen.

Das identifizierte Gen stellt die Bauanleitung eines Rezeptors für Hormone dar, die bei der Entwicklung des männlichen Geschlechts eine wichtige Rolle spielen. Genau auf jenes Gen für diesen sogenannten Androgen-Rezeptor konzentriert sich auch HairDX bei seinem online angebotenen Gentest, was Markus Nöthen stutzig macht.

"Die Firma untersucht nur ein einziges Gen. Wir wissen aber, dass es weitere Gene für Haarausfall gibt, die nach gegenwärtigem Wissensstand nicht auf dem X-Chromosom liegen", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der Androgen-Rezeptor mache nur einen Teil der genetischen Disposition aus - "nach unseren Untersuchungen etwa 46 Prozent". Mit dem Test könne HairDX also nur etwa jeden zweiten Mann identifizieren, der Haarausfall bekomme.

Was nützt das Wissen um genetische Faktoren?

Hinzu komme, dass im Alter von 40 fast jeder Mann etwas Haarausfall habe. "Die Frage ist auch, wie man Haarausfall definiert", erklärt Nöthen. Noch wichtiger ist aber die Frage, was Männer im Alter zwischen 20 und 30 eigentlich mit der Information anfangen sollen, dass sie eine genetische Veranlagung für Haarausfall haben.

HairDX erklärt den Nutzen des Gentests mit den Millionen Dollar, die junge Männer für Haarpflegemittel ausgeben, um Haarausfall vorzubeugen. Viele von ihnen könnten sich das Geld sparen, weil sie ohnehin gar keine Veranlagung für Haarverlust hätten.

Eine Aussage, die Roland Kruse, Hautarzt an der Universität Düsseldorf, an der Seriösität des Gentestanbieters zweifeln lässt. "Eine prophylaktische Therapie gegen Haarausfall ist nicht verfügbar", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Es gebe derzeit nur zwei verschiedene Medikamente, die Haarausfall wirksam stoppen könnten. Zu diesem Ergebnis war auch die Zeitschrift "Ökotest" gekommen, die insgesamt 21 verglichen hatte.

"Man beginnt mit der Therapie, wenn der Haarausfall begonnen hat", sagt Kruse. Bei dem Wirkstoff Minoxidil sei der Mechanismus noch nicht bekannt, er habe sich aber in Studien als wirksam erwiesen. Der andere Wirkstoff Finasterid hemme die Umwandlung von Testosteron in jene Testosteronform, die an der Haarwurzel wirke. "Dadurch wird der Haarverlust gestoppt", erklärt Kruse.

Die Behandlung mit einem dieser Mittel stoppe den Haarausfall in den meisten Fällen. Betroffene müssten sich jedoch einer Dauertherapie unterziehen. Sobald sie die Einnahme der Medikamente stoppen, setze der Haarausfall wieder ein. Die monatlichen Kosten liegen laut Kruse zwischen 40 und 60 Euro. "Wenn Sie bedenken, wie viel Geld Männer für vollkommen unwirksame Mittel ausgeben, relativiert sich der Preis."

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