Gletschermumie Ötzi: Autopsie bei Zimmertemperatur

Von "National Geographic"-Autor Stephen S. Hall

Es gab nur eine Methode, das Geheimnis des berühmten Mannes aus dem Eis zu lüften: Die Forscher mussten ihn auftauen. Die Autopsie dauerte neun Stunden - die ersten Ergebnisse sorgten für große Verblüffung. Gefunden wurden auch die DNA-Spuren eines bekannten Bakteriums.

Im Südtiroler Archäologiemuseum öffnen kurz nach sechs Uhr abends zwei Männer in grünen Chirurgenkitteln die Tür zur Kühlkammer von "Ötzi" und legen die weltberühmte Gletschermumie auf eine Krankentrage aus rostfreiem Edelstahl. Der eine, Marco Samadelli, hat normalerweise die Aufgabe, den Mann aus dem Eis gefroren zu halten - unter exakt den Bedingungen, die ihn 5300 Jahre lang konserviert hatten, nachdem er auf einem Bergpass im Ötztal durch einen Pfeilschuss ums Leben gekommen war.

Doch an diesem Tag hat Samadelli die Temperatur im angrenzenden kleinen Laborraum des Museums auf 18 Grad Celsius hochgefahren. Dort kann nun der andere Mann tätig werden: Eduard Egarter Vigl, Ötzis "Leibarzt".

Eine Handvoll Wissenschaftler und Mediziner stehen mit in dem engen Raum und verfolgen gespannt die Vorbereitungen für das Undenkbare: Ötzi soll aufgetaut werden. Es ist nicht das erste Mal, dass die Mumie zum Subjekt intensiver Forschung und Beobachtung wird. Die erstaunlichste Entdeckung machte 2001 der Bozener Radiologe Paul Gostner. Ein Detail, das zuvor übersehen worden war: eine Pfeilspitze aus Feuerstein in der linken Schulter des Mannes.

Ötzi war von hinten erschossen worden, das Geschoss hatte ein großes Blutgefäß im Brustkorb verletzt, wodurch eine starke Blutung einsetzte, die schnell zum Tod führte. Andere Wissenschaftler konnten weitere bigrafische Daten entschlüsseln. Die Analyse von Nahrungsresten in dem Verdauungstrakt - sein Magen war anscheinend leer - zeigte, dass er einige Zeit vor seinem Tod Fleisch und Einkorn, eine frühe Getreideart, gegessen hatte. Somit schien klar: Nach einer Auseinandersetzung mit Feinden im Tal südlich des Passes war der Mann geflohen; sie verfolgten ihn, holten ihn schließlich auf dem Berg ein und töteten ihn.

Untersuchung vom Scheitel bis zur Sohle

Eine plausible Geschichte - bis Gostner die Eingeweide genauer unter die Lupe nahm. Obwohl bereits im Ruhestand, sah sich der Radiologe die CT-Aufnahmen zu Hause an, noch mal und noch mal. 2009 war er schließlich überzeugt, dass Wissenschaftler den Darm des Eismannes mit seinem Magen verwechselt hatten. "Gostner berichtete uns, seiner Ansicht nach wäre der Magen voll", sagt Albert Zink, der Direktor des Instituts für Mumien und den Iceman an der Europäischen Akademie (EURAC) in Bozen, der die Autopsie im November 2010 beaufsichtigte. "Wir dachten, okay, dann müssen wir Magenproben nehmen."

Doch dann entwickelten Zink und seine Kollegen einen ehrgeizigeren Plan: eine Untersuchung vom Scheitel bis zur Sohle, mit sieben verschiedenen Teams aus Chirurgen, Pathologen, Mikrobiologen und Technikern. Die OP-Teams haben Muskel- und Lungenproben entnommen. Ein Loch in sein Becken gebohrt, um Knochengewebe für eine DNA-Analyse zu entnehmen. In seinem Brustkorb gestöbert und versucht, an die Pfeilspitze und das umgebende Gewebe heranzukommen. Jetzt spähen sie in sein Gehirn, um herauszufinden, ob der mysteriöse Schatten auf einer früheren CT-Aufnahme von einem Blutgerinnsel oder Bluterguss stammt - was auf einen Schlag auf den Kopf hindeuten könnte.

Nach der Autopsie erscheint Ötzis Tod in neuem Licht

Rund neun Stunden hat die Autopsie gedauert; die Analyse der entnommenen Proben wird Jahre in Anspruch nehmen. Erste Ergebnisse stellten Zink und seine Kollegen im Juni 2011 auf einer wissenschaftlichen Tagung vor. Die genetischen Resultate geben weiteren Aufschluss über den Mann aus dem Eis. Am meisten überrascht hat die Forscher, dass sie die genetische Spur eines Bakteriums in seiner DNA gefunden haben, das Borrelia burgdorferi genannt wird. Damit ist Ötzi der älteste bekannte Mensch, der mit dem Erreger der Zeckenborreliose infiziert war.

Nach der Autopsie erscheint auch sein Tod in neuem Licht. Die Mediziner fanden Blut, das sich auf der Rückseite des Gehirns angesammelt hatte. Also Hinweise auf ein schweres Trauma. Und auf zwei unterschiedliche Szenarien: Entweder stürzte Ötzi durch die Wucht des Pfeilschusses auf sein Gesicht (so vermutet Zink) - oder der Mörder wollte seinem Opfer durch einen Schlag auf den Kopf den Rest geben.

Überrascht hat die Forscher auch Ötzis letzte Mahlzeit. "Er muss wirklich noch ordentlich gegessen haben", sagt Zink - ein Umstand, der nicht so recht zu der bisherigen Vorstellung passt, dass dieser Mann auf der Flucht war. "Es gab Momente bei der Autopsie", sagt Zink mit sanfter, nachdenklicher Stimme, "da hatte ich doch so etwas wie Mitleid mit ihm. Er wurde so.... ja: ausgekundschaftet! All seine Geheimnisse - in seinem Inneren, an seinem Äußeren, in seiner Lebenswelt - alles wurde untersucht." Zink macht eine Pause, dann fügt er hinzu: "Nur die Pfeilspitze bleibt in ihm drin. So als wollte Ötzi sagen: Dies ist mein letztes Geheimnis."

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter nationalgeographic.de/oetzi

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insgesamt 37 Beiträge
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1. Rausgeschmissenes Geld
alzaimar 31.10.2011
Ich kann mir nicht helfen. So spannend die Erkenntnisse der letzten Tag von Ötzi auch sein mögen, so banal und uninteressant sind sie doch. Da forschen ganze Heerscharen von Wissenschaftlern, ob der Typ nun vor seinem Tod noch gegessen hat oder nicht, aber, lösen diese Forschungen auch nur ein einziges Problem der heutigen Zeit? Es gibt ja Forschungsgebiete, bei denen man ähnliches behauptet: Teilchenphysik oder Astronomie z.B., aber bei kurzem Nachdenken merkt man doch, das man hier einen Mehrwert für die Gesellschaft ableiten kann. Aber hier? Klar, man kann auch forschen, um des reinen Forschens willen, aber bitte nur dann, wenn Geld vorhanden ist. Alle beteiligten Länder haben derzeit wichtigeres zu tun und zu erforschen, als sie die Eingeweide eines Waldschraten anzuchauen.
2. Ötzi ist vermutlich auch der älteste, bekannte Mensch
michaelXXLF 31.10.2011
dem die Jacke abgezogen wurde. Der rannte doch nicht mit Winterschuhen aber ohne Oberbekleidung durchs Gebirge!
3. Re
Chris110 31.10.2011
Ötzi war ein gutaussehender Typ, der George Clooney der Steinzeit.
4. .
Mimimat 31.10.2011
Zitat von alzaimarIch kann mir nicht helfen. So spannend die Erkenntnisse der letzten Tag von Ötzi auch sein mögen, so banal und uninteressant sind sie doch. Da forschen ganze Heerscharen von Wissenschaftlern, ob der Typ nun vor seinem Tod noch gegessen hat oder nicht, aber, lösen diese Forschungen auch nur ein einziges Problem der heutigen Zeit? Es gibt ja Forschungsgebiete, bei denen man ähnliches behauptet: Teilchenphysik oder Astronomie z.B., aber bei kurzem Nachdenken merkt man doch, das man hier einen Mehrwert für die Gesellschaft ableiten kann. Aber hier? Klar, man kann auch forschen, um des reinen Forschens willen, aber bitte nur dann, wenn Geld vorhanden ist. Alle beteiligten Länder haben derzeit wichtigeres zu tun und zu erforschen, als sie die Eingeweide eines Waldschraten anzuchauen.
Prinzipiell haben sie Recht und mir gingen ähnliche Gedanken durch den Kopf. Denn tatsächlich wird uns das Wissen um Ötzi nirgends weiterbringen. Trotzdem fasziniert mich das ganze irgendwie. Belangloses wissen kann halt auch interessant sein. Sonst gäbe es ja auch nicht Gala und co. ;-) Das ist wohl die menschliche Neugier. Und zur Finanzierung: Wer weiß, wer das sponsert. Es müssen ja nicht immer die viel zitierten Steuergelder sein.
5. Das sehen Sie zu eng ! ;-)
Jonny_C 31.10.2011
Zitat von alzaimarIch kann mir nicht helfen. So spannend die Erkenntnisse der letzten Tag von Ötzi auch sein mögen, so banal und uninteressant sind sie doch. Da forschen ganze Heerscharen von Wissenschaftlern, ob der Typ nun vor seinem Tod noch gegessen hat oder nicht, aber, lösen diese Forschungen auch nur ein einziges Problem der heutigen Zeit? Es gibt ja Forschungsgebiete, bei denen man ähnliches behauptet: Teilchenphysik oder Astronomie z.B., aber bei kurzem Nachdenken merkt man doch, das man hier einen Mehrwert für die Gesellschaft ableiten kann. Aber hier? Klar, man kann auch forschen, um des reinen Forschens willen, aber bitte nur dann, wenn Geld vorhanden ist. Alle beteiligten Länder haben derzeit wichtigeres zu tun und zu erforschen, als sie die Eingeweide eines Waldschraten anzuchauen.
Forschung, vor allem Grundlagenforschung ist immer wichtig. Das man z.B. Borreliose gefunden hat kann später noch zu wichtigen medizinischen Erkenntnissen führen.... Wer will denn bestimmen, was erforscht werden soll ? Was wichtig oder unwichtig ist ? Gruss J.C.
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Gekürzte Fassung aus National Geographic Deutschland, Ausgabe November 2011, www.national-geographic.de.
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Ötzis Gesicht: "Einer vom hiesigen Menschenschlag"