Glimmende Halden Die glühenden Berge der Kohlereviere

In Deutschland brennen etliche Abraumhalden des Kohlebergbaus vor sich hin, manche seit Jahrzehnten. Mehrere hundert Grad heiße Schwelbrände produzieren Schadstoffe, giftige Gase und klimaschädliches Kohlendioxid. Geowissenschaftler wollen die Hitzeherde jetzt wenigstens als Wärme- und Stromquellen nutzen.

Von Volker Mrasek


Glimmende Halde im Aachener Revier: Gerne verschwiegenes Problem
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Glimmende Halde im Aachener Revier: Gerne verschwiegenes Problem

Nachrichten von unkontrollierten Schwelbränden in Kohlerevieren stammten zuletzt aus anderen Erdteilen. In China, hieß es vor einigen Jahren, glühten ganze Landstriche, weil sich oberflächennahe Steinkohlenflöze selbst entzündeten. Von Dauerbränden, die nicht in den Griff zu bekommen seien, wurde auch aus russischen, australischen und US-amerikanischen Lagerstätten berichtet. Das Problem schien weit weg. "Doch man braucht gar nicht so weit zu gehen, um schwelende Kohle zu finden", sagt Roland Gaschnitz, Geschäftsführer der noch jungen Beratungsfirma aix-o-therm Geoenergien, mit der sich Wissenschaftler der RWTH Aachen selbständig gemacht haben.

Auch in Deutschland kokelt Kohle an vielen Stellen still und leise vor sich hin. Nicht in Flözen, sondern in Abraumhalden, die der Steinkohlenbergbau aufgetürmt hat. Die oft gigantischen Gesteinsaufschüttungen enthalten noch Restkohle, zum Teil beträgt ihr Anteil an den Hügeln 20 Prozent. Deshalb können sich auch die "Bergehalden", wie sie der Fachmann nennt, im Kontakt mit Luftsauerstoff selbst entzünden.

Die Zahl der schwelenden Halden hierzulande ist laut Gaschnitz schwer zu ermitteln, "weil nicht groß darüber gesprochen wird". Doch man müsse davon ausgehen, "dass es in Deutschland mindestens 15, vielleicht sogar 20 Halden gibt, die brennen - manche schon seit 60, vielleicht 70 oder sogar 80 Jahren".

Schwelbrände stehen unter ständiger Kontrolle

Aus Sicherheitsgründen stehen die Schmorhalden unter ständiger Aufsicht. Die Brände können Hangrutschungen auslösen und setzen außerdem teils giftige Schwelgase frei. Der strenge Koksgeruch liegt manchmal auch über benachbarten Wohnsiedlungen. In der Vergangenheit kam es bei vereinzelten Löschversuchen zu Verpuffungen und Explosionen. Nicht zuletzt entweichen aus den schwelenden Halden permanent große Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid.

Schwefelausfällung auf brennender Halde: Kohlendioxid und giftige Gase
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Schwefelausfällung auf brennender Halde: Kohlendioxid und giftige Gase

Aufstellungen der Bergämter bestätigen Gaschnitz' Zahlen. So teilte die zuständige Abteilung Bergbau und Energie in NRW der Bezirksregierung Arnsberg auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mit, dass allein in Nordrhein-Westfalen neun Bergehalden "Warmstellen unterschiedlicher Ausprägung" aufweisen. Alle würden aus Sicherheitsgründen überwacht und seien unter Kontrolle.

Sieben der glimmenden Geröll- und Restkohleberge befinden sich demnach im Ruhrgebiet und stehen unter der Aufsicht der zum RAG-Konzern gehörenden Deutschen Steinkohle AG (DSK). Namentlich nennt die Behörde etwa die Halde "Graf Moltke" (Schachtanlage 3 und 4 in Gladbeck), die seit über 25 Jahren schwele. Dort würden Baustoffe injiziert, um zu verhindern, dass sich der Brand im Berg unkontrolliert ausbreite.

Auch die Halden "Rheinelbe" und "Rungenberg" in Gelsenkirchen, "Preußen" in Lünen, "Norddeutschland" in Neukirchen-Vluyn, "Wehofen-Ost" in Dinslaken und die fast 150 Meter hohe Halde "Großes Holz" in Bergkamen glimmen nach Angaben der Behörde vor sich hin. Die DSK hat sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE bisher nicht zu dem Thema geäußert. Im Grenzgebiet zwischen Deutschland, Belgien und den Niederlanden sowie im Saar-Revier glüht es ebenfalls an zahlreichen Stellen im Verborgenen.

500 Grad im Innern

"Ein Löschen dieser Brände ist technisch äußerst aufwendig, sehr kostspielig und oft nicht erfolgreich", sagt Christian Wirtgen, Bergbauingenieur im Lehr- und Forschungsgebiet Kokereiwesen der RWTH Aachen. Die Halden lassen sich auch nicht ohne weiteres abtragen, weil die meisten viel zu groß sind. Außerdem entstünden "enorme Staub- und Lärmbelastungen, die der Bevölkerung in der Nachbarschaft nicht zuzumuten wären", meint Gaschnitz.

Wirtgen und Gaschnitz schlagen deshalb eine thermische "Nachnutzung" der glimmenden Gesteinsschutthalden vor. "Das Gestein an der Oberfläche kann man manchmal nicht anfassen, weil es so heiß ist", sagt Gaschnitz. Schon in wenigen Metern Tiefe herrschten Temperaturen von bis zu 500 Grad Celsius. "An vielen Standorten", meint der Geologe, "bietet sich eine Verwertung dieses bisher unbeachtet gebliebenen Energiepotenzials zur Erzeugung von Strom oder Heizwärme an."

RAG-Logo, Förderturm der Zeche Lohberg in Dinslaken: Bergbau hinterlässt brenzlige Altlasten
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Das technische Konzept entspricht dem der Erdwärmenutzung, seine Entwickler sprechen deshalb von "Halden-Geothermie". Nach Gaschnitz' Vorstellungen müssten zunächst die Schwelnester genau lokalisiert werden, um sie dann gezielt anzubohren und Sonden in die Hitzeherde abzulassen. Durch sie würde eine Flüssigkeit zirkulieren, die der glühenden Restkohle die Wärme entzieht.

"Im Prinzip", so Gaschnitz, "installieren wir einen Wasserkreislauf." Damit könne man der Halde nutzbare Heizwärme entziehen. Denkbar sei aber auch die Erzeugung von Strom mittels Gasturbinen vor Ort. Dazu müssten die Temperaturen im Brandherd allerdings permanent sehr hoch sein. "Wir können noch keine Megawattstunden-Zahl abschätzen", sagt Gaschnitz, "aber wir wissen, dass die erzielbaren Wärmemengen unvergleichlich groß sind."

Welches Potenzial wirklich in der Halden-Geothermie steckt, soll in einem Feldversuch im nächsten Jahr erkundet werden, vermutlich in Alsdorf. Die Aachener Forscher haben das NRW-Ministerium für Verkehr, Energie und Landesplanung um Unterstützung ihrer Pläne gebeten. Aus Düsseldorf verlautet bereits, dass man der Idee grundsätzlich positiv gegenüberstehe. Und dass die energetische Nutzung der schwelenden Restkohlehalden, die bisher nur unnütz Kohlendioxid produzieren, "interessantes wissenschaftliches Neuland" sei.

Vorbehalte in den Behörden

Allerdings, so das Ministerium, gelte es auch, die Risiken genau abzuwägen. Vorbehalte äußert etwa das zuständige Fachdezernat in NRW, die Bergbauabteilung der Arnsberger Bezirksregierung. In einer internen Stellungnahme habe man sich "sehr skeptisch" zu dem Konzept geäußert, sagt Andreas Nörthen, Bergbauingenieur und Pressesprecher des Dezernates. "Das energetische Potenzial ist sicher da, aber mit der Nutzung sind hohe Risiken verbunden." So könne es etwa zu Böschungsrutschungen kommen, wenn auf einer Halde die geothermische Infrastruktur installiert werde.

Gaschnitz dagegen begreift die schwelenden Abraumhalden "als Chance, nicht nur als Risiko". Ein Interesse an der geothermischen Nutzung müssten aus seiner Sicht auch die Alteigentümer der Halden haben. Für die betroffenen Bergbauunternehmen sind die Aufschüttungen ein lästiger Klotz am Bein: Solange sie brennen, müssen die Halden gesichert werden, was Geld kostet und Personal bindet. "Eine Nutzung der Halde würde den bisherigen Eigentümer von seinen Sicherungspflichten befreien", lockt Gaschnitz - und muss doch im nächsten Atemzug einräumen, dass ein Interesse der Unternehmen an seiner Idee noch nicht zu erkennen sei.

Die Angst vor weiteren Imageverlusten für die Kohle mag dabei eine Rolle spielen. Deswegen dringt ohnehin so gut wie nichts über die Halden-Schwelbrände an die Öffentlichkeit. "Das ist ein Sicherheitsproblem, das jeder selbst in den Griff zu kriegen versucht", sagt Gaschnitz, "und das man nicht gerne weiter diskutieren möchte."



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