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Globale Kaderschmiede: Jagd nach dem Weltenretter-Genie

Unentwegt fahnden Talentsucher nach dem nächsten Michael Jordan. Was wäre, wenn weltweit nicht nach Basketballern, sondern nach Wissenschaftlern gesucht würde? Der Physiker Stephon Alexander ist überzeugt, dass man so die Genies entdecken wird, die unsere globalen Probleme lösen.

Ich bin in der nordöstlichen Bronx aufgewachsen, in den Achtzigern, als für jeden Basketballwunder Michael Jordan und Dominique Wilkins Helden waren. Die meisten meiner Freunde - und auch ich - träumten davon, in der NBA zu spielen. Basketball spielen machte uns natürlich auch Spaß. Aber ein weiterer Reiz bestand darin, dass Sportler scheinbar die einzigen außer Drogendealern waren, die aus unseren sozialen Verhältnissen kamen, richtiges Geld verdienten und Respekt bekamen.

Trotz meiner frühen Neigungen zu den Wissenschaften und zur Mathematik schwänzte ich ziemlich häufig die Schule und verbrachte viele Stunden auf dem Basketballplatz P. S. 16. Dort stellte ich mir vor, wie ich es eines Tages in die Basketballmannschaft meiner Schule schaffen und mir ein 360 Dunk gelingen würde.

Weder das eine noch das andere trat ein.

Mit 15 stolperte ich beim Korbleger und zog mir eine Kniescheibenfraktur zu. Ich war gezwungen, dem Basketballplatz eine halbes Jahr fern zu bleiben, wurde zu Hausaufgaben und durchgehender Schulanwesenheit verdonnert. Die meisten meiner Kumpel vom Basketballplatz schafften ihren Highschool-Abschluss nicht. Aber obwohl sie weitaus besser spielten als ich, schaffte es nur einer in die NBA. Ein paar andere fielen Talentsuchern auf und spielten später für eine der zehn großen Basketballmannschaften. Noch heute sehe ich, wenn ich meinen alten Stadtteil wieder aufsuche, einige meiner Kumpel ohne Abschluss, wie sie mit Knieschützern alte Spielzüge aus der Schulzeit üben.

Ich erkannte, dass es andere Arten von Michael Jordans gab

In dem Jahr, in dem ich mir mein Knie brach, erhielt ich das Stipendium eines privaten Stifters und konnte an einem Sommer-Physiklager für Teenager teilnehmen (ISI, International Summer Institute). Das Lager fand in Southampton, Long Island, statt, einer Umgebung, die sich vollkommen von allem unterschied, was ich bis dahin jemals erlebt hatte.

Die meisten anderen Kinder kamen aus dem Ausland. Ich freundete mich mit seltsamen neuen Leuten an, beispielsweise mit Hong, einem Jungen aus Südkorea. Hong verbrachte den ganzen Sommer damit, beliebig viele Nachkommastellen der Zahl Pi zu berechnen. Auch mit einer Gruppe junger Schachspieler freundete ich mich an, die von einem russischen Schachmeister trainiert wurden. Ich wählte das Fach Hochschulphysik.

Die meisten der Schüler wurden später ausgezeichnete Wissenschaftler, zu einem von ihnen habe ich heute noch Kontakt. Irgendwann lernte ich den Veranstalter des Sommercamps kennen, einen Herren, der im Sommer eine Lederjacke trug und der sich als Nobelpreisträger Sheldon Glashow herausstellen sollte (zufälligerweise hatte er auch noch früher die Highschool neben meiner besucht). Er hielt uns einen Physik-Einführungsvortrag. Dadurch erkannte ich, dass es andere Arten von Michael Jordans gibt, auf anderen Gebieten als Basketball. Und dass ich - wie Shelly - anders sein und als Wissenschaftler ein brauchbares Einkommen haben könnte. Noch wichtiger: Wir Teenager entwickelten eine echte Bindung zueinander und bildeten in gewisser Weise eine junge globale Gemeinschaft künftiger Wissenschaftler.

Als ich in die Bronx zurückkehrte, konnte ich eigentlich nicht viel über meine Erlebnisse erzählen. Schließlich ist eine Diskussion über die Heisenbergsche Unschärferelation weitaus weniger interessant als das Gequatsche auf dem Basketballplatz. Ich spielte weniger Basketball, ging schließlich aufs College und wurde Physiker. Trotzdem hatte ich ein schlechtes Gewissen. Im Hinterkopf wusste ich, dass das wahre Mathegenie unserer Nachbarschaft ein Typ namens Eric Deabreu war. Aber er hatte nie die Highschool geschafft.

Eine solche Initiative würde die Welt verändern

Wie wäre es, wenn es eine internationale Organisation von Wissenschaftlern und Pädagogen gäbe, die sich als Talentsucher dem Aufstöbern potentieller Michael Jordans der Wissenschaft widmeten - egal aus welchem Teil der Welt und egal aus welchen sozialen Verhältnissen sie stammen? Auf regionaler Ebene geschieht dies bereits, aber nicht auf internationaler.

Was wäre, wenn diese Schüler die Mittel zur Verfügung gestellt bekämen, um ihr volles Potential auszuschöpfen und sich ganz von selbst eine globale Gemeinschaft aus wissenschaftlichen Kollegen und Freunden herausbildete? Das Ergebnis wäre, neben vielen Vorzügen, eine koordinierte globale Anstrengung, die dringendsten wissenschaftlichen Probleme in Angriff zu nehmen, der sich heutige und künftige Generationen stellen müssen: die Energiekrise, der globale Klimawandel, HIV, Diplomatie - um nur einige zu nennen. Ich glaube, eine Initiative, welche die Tugenden der Wissenschaft in jedem Winkel dieses Planeten vermarktet und mit derselben Dringlichkeit vorgeht wie Talentsucher am Spielfeldrand von Straßenbasketballplätzen - eine solche Initiative würde die Welt verändern.

Ich habe schon lange die Vision einer solchen Organisation und angesichts vergangener Bemühungen durch einige Mitglieder der wissenschaftlichen Gemeinde, wie Clifford Johnson und Jim Gates und Neil Turok, glaube ich auch, dass ich deren Verwirklichung noch selbst erleben werde.

Aus dem Englischen übersetzt von Daniel Bullinger

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 38 Beiträge
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1. Die globalen Probleme...
rüssel 30.07.2009
...sind doch vielleicht schon gelöst. Es ist nur nicht im Sinne der Politik, Medien und Wirtschaft, dass sie konsequent angepackt werden, oder?
2.
hjg, 30.07.2009
Zitat von sysopUnentwegt fahnden Talentsucher nach dem nächsten Michael Jordan. Was wäre, wenn man weltweit nicht nach Basketballern, sondern Wissenschaftlern suchen würde? Der Physiker Stephon Alexander ist überzeugt, dass man so die Genies entdecken wird, die unsere globalen Probleme lösen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,636591,00.html
In unserem "Schulsystem" ja zum Glück schon unentwegt gefahndet. Und zwar nach Gründen, nach denen man möglichst viele Schüler möglichst früh aussortieren kann.
3. Grünes Deutschland
bluedanube, 30.07.2009
Zitat von sysopUnentwegt fahnden Talentsucher nach dem nächsten Michael Jordan. Was wäre, wenn man weltweit nicht nach Basketballern, sondern Wissenschaftlern suchen würde? Der Physiker Stephon Alexander ist überzeugt, dass man so die Genies entdecken wird, die unsere globalen Probleme lösen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,636591,00.html
Na, was sagen würden da die Grünen und die Mehrzahl der Politiker, Lehrer, Juristen und BWLer in unserer Gesellschaft sagen? 1) etwas Effektives und Erfolgreiches können wir nicht in unserem experimentellem Schulsystem mit unseren unendlichen Diskussionen dulden - das würde unsere Dauerexperimente im Schulsystem nur stören 2) wir finden ja eh die "Besten": Finanzjongleure, Juristen, BWLer,......alles andere, insbesondere und gerade die Natur-, Bio- und Technikwissenschaften sind sowieso unsere Feinde - würden nur unsere geringe Kompetenz erkenntlich machen! Nieder mit Technologie- und Naturwissenschaften!
4. gute idee, aber woher das geld nehmen
Bene84 30.07.2009
gute idee, die ich voll supporte. Nur: Waehrend die NBA wahnsinnig viel Geld und Umsatz generiert und sich so ein globales talent-scout system leisten kann, ist es in der wissenschaft eher knapper mit den finanziellen mitteln bestimmt (oft abhaengig von staatlicher finanzierung, drittmitteln, etc.). und ob die wirklich fuer ein globales talent-sucher system ausgegeben werden....ich hab da meine zweifel.
5.
halebob 30.07.2009
Witzig, dass der Autor junge Physiktalente suchen will, die die globalen Probleme lösen, selbst aber an schwarzen Löchern und Dunkler Materie rumforscht.
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Zur Person
Stephon Alexander
Stephon Alexander ist Professor für Physik am Haverford College im US-Bundesstaat Pennsylvania. Er beschäftigt sich mit dunkler Materie, Antimaterie und Quantengravitation - und spielt Jazz mit dem Saxophon.
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