Globale Studie Forscher enttarnen Sex-Klischees

Jugendliche haben immer früher Sex? Im Ehebett herrscht Flaute? Stimmt alles nicht, behaupten britische Soziologen. In einer globalen Studie zum Sexualverhalten räumen sie mit gängigen Klischees aus den Liebesgemächern in aller Welt auf.


Jugendliche haben immer früher ihren ersten Sex, Verheiratete haben weniger Sex als Unverheiratete und das Ausmaß von sexuell übertragbaren Krankheiten hängt damit zusammen, wie häufig man den Bettpartner wechselt: Das alles seien nur Mythen, manchmal sei sogar das Gegenteil der Fall. Das zumindest ist das Ergebnis einer weltweiten Überblicksstudie zum Sexualverhalten. Die Zusammenfassung dieses außergewöhnlichen Reports - immerhin 88 Seiten lang - erschien soeben als Online-Vorabveröffentlichung des britischen Medizinjournals "The Lancet".

Jugendliebe: In Industrienationen erleben Jugendliche ihr "erstes Mal" später als bislang gedacht
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Jugendliebe: In Industrienationen erleben Jugendliche ihr "erstes Mal" später als bislang gedacht

Ein Team um Kaye Wellings von der London School of Hygiene & Tropical Medicine nahm Dutzende Studien aus 59 Ländern genauer unter die Lupe. Allesamt beschäftigten sich mit dem Liebesleben: Wer in welchem Alter erstmals Sex hatte, wie häufig der Partner gewechselt wurde, wie oft Kondome zum Einsatz kamen, wo HIV und andere sexuell übertragbaren Krankheiten wie häufig auftreten sowie viele andere Aspekte lieferten den Forschern eine Menge Daten zum Sexleben der Menschen in den vergangenen zehn Jahren. Und die enttarnen so manches Klischee als Mythos: "Einige unserer Vorurteile wurden zerschmettert", sagte die Soziologin Wellings.

Jungen und Mädchen etwa verlieren keinesfalls in immer jüngerem Alter ihre Unschuld, ergab die Untersuchung. In fast allen Ländern der Welt erlebten die Jugendlichen ihr "erstes Mal" zwischen 15 bis 19 Jahren. Am frühesten Geschlechtsverkehr haben die Mädchen in Afrika: Die meisten sind zwischen 15 und 17 Jahre alt. Männer in derselben Region werden der Studie zufolge erst später sexuell aktiv: Sie verlieren ihre Unschuld häufig im Alter von 18 Jahren und später.

Frühstarter : Briten haben mit 16,5 Jahren ersten Sex

Der Grund für diesen Unterschied liegt nach Angaben der Soziologen auf der Hand - die Hochzeitstradition in Afrika: Die Braut ist meist keine erwachsene Frau, sondern noch jugendlich; der Bräutigam ist tendenziell älter.

Anders in den Industrieländern: Junge Frauen und Männer erleben ihr erstes Mal im vergleichbaren Alter, so die Studie. Es gab jedoch zwischen den Ländern kleine Unterschiede: Im Vergleich der sieben Industrieländer Australien, Frankreich, Großbritannien, Italien, Norwegen, Schweiz und USA starten britische Männer am frühesten in ihr Sexualleben: mit durchschnittlich 16,5 Jahren. Schweizer und Norweger hingegen warten - oder müssen es - im Schnitt bis zum Alter von 18,5 Jahren.

In anderen Ländern wiederum erleben Frauen und Männer erst recht spät ihr erstes Mal: Auffällig alt beim ersten Sex seien nach Angaben der Forscher die Menschen in Schwellenländern - in Armenien und Kasachstan beispielsweise 20,5 Jahre.

Eine weitere überraschende Erkenntnis der globalen Sexstudie: Es besteht kein Zusammenhang zwischen häufigem Partnerwechsel und dem Ausmaß sexuell übertragbarer Krankheiten. So hätten die Forscher erwartet, in Ländern wie Afrika mit einer hohen Rate von HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten auch am häufigsten ein promiskuitives Verhalten festzustellen. Dies sei jedoch nicht der Fall gewesen. Stattdessen seien häufige Partnerwechsel häufiger aus den Industriestaaten gemeldet worden. Wellings und ihre Kollegen schließen daraus, dass das sexuell freizügige Verhalten bei der Ausbreitung dieser Krankheiten eine deutlich geringere Rolle spielt als Armut und mangelnde Bildung.

Verheiratete haben am häufigsten Sex

Und noch eine gängige Ansicht stimmte nicht: dass nach der Hochzeit Flaute im Ehebett herrscht. Nach Angaben der Wissenschaftler hätten verheiratete Menschen nämlich am häufigsten Sex. Allerdings nehme auch der voreheliche Sexualverkehr zu, heißt es in der Studie - weil die Menschen immer später heirateten. Ob mit oder ohne Ehering: Die Bereitschaft der Liebenden, auf Kondome zu verzichten und sich anderweitig riskant zu verhalten, ist bei Verheirateten und Unverheirateten gleich groß.

In einigen Fällen sind verheiratete Frauen sogar stärker gefährdet als Alleinstehende: Eine Single-Dame könne unter bestimmten Umständen eher sicheren Sex verlangen als eine verheiratete Frau, erklärte Paul van Look, Direktor für Reproduktive Medizin bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO). "In Ländern, in denen Frauen ihren männlichen Partnern verpflichtet sind, haben sie wahrscheinlich nicht die Macht, die Verwendung von Kondomen durchzusetzen, und sie werden wahrscheinlich nichts von den Verfehlungen ihrer Männer erfahren", erklärte Wellings. Mit Verfehlungen meint die Soziologin unter anderem Besuche bei Prostituierten.

Für weniger Überraschung sorgte indessen der Ländervergleich bei der Zahl, wie viele Bettgefährten jemand in seinem Leben hat: Zwischen den reichen Ländern sei die Zahl fast ausgeglichen; dagegen haben viele Männer etwa in Kamerun, Haiti und Kenia mehrere Sexualpartnerinnen, Frauen aber nur einen.

Angesichts der ganz unterschiedlichen Sexualverhaltensweisen in der Welt ist Wellings sich in einem sicher: Eine einzige Gesundheitsfürsorge für alle kann es nicht geben. "Es sind ganz unterschiedliche wirtschaftliche, religiöse und soziale Regeln, die das Sexualverhalten in der Welt steuern."

fba/AP/dpa



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