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Globalisierung "Ich warne vor Kultur-Rassismus"

Karneval der Kulturen in Berlin: "Wir sollten schauen, was Kulturen verbindet, ohne dass sie sich auflösen müssen"Zur Großansicht
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Karneval der Kulturen in Berlin: "Wir sollten schauen, was Kulturen verbindet, ohne dass sie sich auflösen müssen"

2. Teil: Macht die Globalisierung uns ähnlicher?

Frage: Das heißt?

Antweiler: Dass in anderen Kulturen völlig andere Konzepte herrschen als in unserer, die als westliche Kultur verallgemeinert wird. Auch ich bin als Relativist in der Ethnologie groß geworden. Da galt es als besondere wissenschaftliche Leistung, nachzuweisen, dass irgendetwas, das wir für selbstverständlich halten, nicht beim Volk der Bongo Bongo vorkommt. In Fachkreisen spricht man von Bongo-Bongoismus. Ein überzogener Relativismus ist heute leider der Mainstream in den Kulturwissenschaften.

Frage: Was ist daran so falsch?

Antweiler: Ich bin ein ziemlich unpolitischer Mensch, und daher finde ich auch die Grundmaxime des Kulturrelativismus richtig: Wir sollten nicht werten, denn alle Kulturen sind grundsätzlich gleichwertig und in sich stimmig. Ich warne aber vor übertriebenem Kulturrelativismus, der schnell in Kulturrassismus umschlagt. Der alte Rassismus hat gesagt: Wir leben in einer Welt, aber wir sind verschiedene Menschen, die gelben, die schwarzen, die roten und so weiter. Der Ultrarelativismus sagt: Wir sind alle Menschen, aber leben in völlig verschiedenen Welten, sprich Kulturen. Im Extremfall wird dann behauptet, die Kulturen seien inkompatibel und könnten sich nicht verständigen. Das ist wissenschaftlich nicht fundiert und politisch gefährlich.

Frage: Die kulturelle Vielfalt ist doch eine Tatsache.

Antweiler: Ich möchte die Vielfalt ja gerade nicht gegen die Universalien ausspielen. Aber die Vielfalt ist begrenzt, und es gibt Muster in der Vielfalt, und diese Strukturen haben mit dem zu tun, was wir gemein haben.

Frage: Wir sitzen alle in einem Boot.

Antweiler: Das ist eine Floskel. Natürlich wachsen wir in unterschiedlichen Kulturen auf, manche Grenzen werden sogar neu gezogen: Als ethnische Gruppe im modernen Sinne könnte man etwa eine Untergruppe von Londoner Börsenbrokern nehmen, die in dieselben Bars gehen, deren Kinder untereinander heiraten und die eine ähnliche Weltorientierung haben. Trotzdem haben die Kulturen eine gemeinsame Heimat.

Gleich und ungleich zugleich

Frage: Wenn wir Menschen so viel gemeinsam haben, warum gibt es dann ethnische Konflikte?

Antweiler: Die meisten sogenannten ethnischen Konflikte haben andere Ursachen, etwa Benachteiligung oder Ressourcenknappheit. Typisch sind die Bürgerkriege in Ruanda oder Exjugoslawien. Sie hatten sozioökonomische Ursachen, die nachträglich kulturell eingefärbt wurden, oft von den Beteiligten selber. Man spielt die ethnische Karte. Statt zu sagen: Wir sind einfach nur arm oder überfordert, sagt man: Wir sind die Kultur X und haben eine lange Geschichte, und deshalb steht uns das und das zu. Das ist Strategie.

Frage: Welche Erklärung haben Sie für die kulturübergreifenden Gemeinsamkeiten?

Antweiler: Mehrere! Unsere evolutionär gewachsene Psyche ist die Ursache für etliche Universalien, etwa fur Vetternwirtschaft, die man überall findet. Homo sapiens hat die meiste Zeit in kleinen Gemeinschaften gelebt, daraus erklärt sich die Tendenz zur Aufwertung der eigenen Gruppe. Aber Biologie und Evolution sind nicht alles, es gibt noch eine zweite Erklärung: Bestimmte Dinge sind irgendwo entdeckt worden und haben sich dann über die Welt ausgebreitet, zum Beispiel der Feuergebrauch oder die Haustiere. Eine dritte Ursache sind einfach die Umstände, die nur bestimmte Lösungen zulassen. Zum Beispiel Bürokratie: Wenn Gesellschaften größer sind als die 150 Menschen umfassende Kleingruppe der Frühgeschichte, werden sie bürokratisch. Sie brauchen Spezialisten, die koordinieren. Auch der kulturübergreifende Gebrauch von Geld lasst sich so erklären, er ist eine Folge von Globalisierung und Systemerfordernissen.

Frage: Macht die Globalisierung uns ähnlicher?

Antweiler: Sie macht uns gleich und ungleich zugleich. Ich habe erlebt, wie in Jakarta das erste indonesische McDonald's eröffnet wurde, übrigens die weltweit umsatzstärkste Filiale in jenem Jahr. Da erkennt man sofort Ähnlichkeiten wie die Farben und das Logo, aber auch Unterschiede: Die meisten essen dort keine Hamburger, sondern Reis mit Hühnchen. Und dann stellt man fest, dass viele dort gar nicht essen, sondern anderen zuschauen. Wir haben ein globales Phänomen, das aber lokal unterschiedlich interpretiert wird, so wie die Barbiepuppen. Ethnologen sprechen von Glokalisierung. Die Globalisierung funktioniert jedenfalls nur, weil die Menschen sich ähneln.

Die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner

Frage: Macht das die Welt besser?

Antweiler: Ich warne vor Wunschdenken nach dem Motto "Die Welt ist ein Dorf". Die Welt ist schon deshalb kein Dorf, weil es keinen Bürgermeister gibt. Die Welt ist fragmentiert. Es gibt aber Gemeinsamkeiten der Kulturen, und die können wir ausbauen.

Frage: Was heißt das für das Zusammenleben in Deutschland?

Antweiler: Es müssen nicht alle gleich sein, aber wir können auch nicht alle in ethnischen Enklaven leben. Wir sollten schauen, was Kulturen verbindet, ohne dass sie sich auflösen müssen. Inwiefern spielen Ehre, Respekt oder die Suche nach Anerkennung in allen Kulturen eine Rolle? Kulturen haben zum Teil auch die gleichen Probleme, etwa dass Alte und Junge oder Männer und Frauen verschiedene Interessen haben.

Frage: Ganz konkret: In Köln gibt es Streit um den Neubau einer Moschee. Was raten Sie?

Antweiler: Ich würde erst mal festhalten, dass religiöse Gemeinschaften bestimmte Symbole brauchen und dass es eine Funktion hat, wenn eine religiöse Gemeinschaft sich öffentlich zeigt. Daraus folgt dann noch nicht, wie hoch der Turm der Moschee gebaut werden sollte und wie laut der Muezzin rufen darf. Aber daraus folgt, dass Vorschläge wie "Die sollen ihren Glauben zu Hause ausleben" unsinnig sind. Wir sollten lieber nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner der Kulturen suchen.

Das Interview führte Max Rauner

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insgesamt 55 Beiträge
delponte 31.10.2009
"Zugleich unterschätzen wir die Gemeinsamkeiten wie sexuelle Tabus" Etwa Cousins und Cousinen zu heiraten, und die Tochter vom Balkon zu werfen, wenn sie den falschen Lebenstil will? Alle Kulturen sind gleichwertig [...]
"Zugleich unterschätzen wir die Gemeinsamkeiten wie sexuelle Tabus" Etwa Cousins und Cousinen zu heiraten, und die Tochter vom Balkon zu werfen, wenn sie den falschen Lebenstil will? Alle Kulturen sind gleichwertig - jaja, der Nächste Bitte!
Renard 31.10.2009
Die multikulturelle Gesellschaft in Industrieländern, bewusst vermeide ich das Adjektiv "hochentwickelt", wird scheitern, wenn die kulterelle Auseinandersetzung zwischen den Völkern aus Gründen der 'political [...]
Die multikulturelle Gesellschaft in Industrieländern, bewusst vermeide ich das Adjektiv "hochentwickelt", wird scheitern, wenn die kulterelle Auseinandersetzung zwischen den Völkern aus Gründen der 'political correctness' totgeschwiegen wird. Kulturelle Identität ist das Einzige, was den armen Völkern der 3. Welt ein Selbstwertgefühl gibt, sie ist in der globalen Auseinandersetzung nicht zu unterschätzen. Auch wenn es überall auf der Welt McDonalds gibt, ist das kein Ausdruck für den Sieg der amerikanischen kulturelle Globaliserung. Die Völker werden sich gegen den Kultur Einheitsbrei, der von den welt-meinungsbildenden Medien ausgesendet wird, mit Kulturrassismus zur Wehr setzen. Eine andere Alternative bleibt ihnen nicht.
dasky 31.10.2009
Schön, dass Herr Antweiler bei seinem so genannten "Kultur - Rassismus" zuerst an Barbiepuppen denkt. Daran denke ich fast dauernd....Barbie [...]
Zitat von SPON / Antweiler*"Ich warne vor Kultur-Rassismus"* Karneval der Kulturen in Berlin: "Wir sollten schauen, was Kulturen verbindet, ohne dass sie sich auflösen müssen" Das globale Dorf ist Wunschdenken, sagt der Ethnologe Christoph Antweiler. Unterschiede zwischen den Kulturen müssen respektiert werden. Zugleich unterschätzen wir die Gemeinsamkeiten wie sexuelle Tabus, Vetternwirtschaft, und Gastfreundschaft. Frage: Professor Antweiler ... was ist das denn? Christoph Antweiler: Barbiepuppen. Frage: Sind Sie dafür nicht schon zu alt? Antweiler: Im Gegenteil, für mich werden sie erst jetzt interessant....
Schön, dass Herr Antweiler bei seinem so genannten "Kultur - Rassismus" zuerst an Barbiepuppen denkt. Daran denke ich fast dauernd....Barbie (http://www.bluestone-ag.de/femaleblog/wp-images/barbie_merkel-2.jpg)....Barbie (http://www.youtube.com/watch?v=PfXlITVuW6E)....Barbie (http://www.youtube.com/watch?v=dNAX9tCgvVY)...Barbie (http://www.youtube.com/watch?v=D_7vVOnpyJY)...Barbie (http://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Barbie)...u.v.a.B.m.
dasky 31.10.2009
...barbies (http://www.box.net/shared/2ldohdzooz)...barbie (http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&dig=2004/10/28/a0166)....barbie (http://www.tagesspiegel.de/medien/hermes/cme1,158178.html)....barbie [...]
Zitat von daskySchön, dass Herr Antweiler bei seinem so genannten "Kultur - Rassismus" zuerst an Barbiepuppen denkt. Daran denke ich fast dauernd....Barbie (http://www.bluestone-ag.de/femaleblog/wp-images/barbie_merkel-2.jpg)....Barbie (http://www.youtube.com/watch?v=PfXlITVuW6E)....Barbie (http://www.youtube.com/watch?v=dNAX9tCgvVY)...Barbie (http://www.youtube.com/watch?v=D_7vVOnpyJY)...Barbie (http://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Barbie)...u.v.a.B.m.
...barbies (http://www.box.net/shared/2ldohdzooz)...barbie (http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&dig=2004/10/28/a0166)....barbie (http://www.tagesspiegel.de/medien/hermes/cme1,158178.html)....barbie (http://www.box.net/shared/cpqzhlfary)....barbie (http://blogs.taz.de/wp-inst/wp-content/blogs.dir/21/files/2006/07/03_wprost.jpg)...
lef 31.10.2009
Die Betonung von Ähnlichkeiten ist eine wissenschaftliche "Dead end road" - nur in der Differenzierung (mtwg. auch Diskriminierung) UND GLEICHZEITIG Suche nach Gemeinsamkeiten ist Entwicklung zu erkennen. Das gilt für [...]
Die Betonung von Ähnlichkeiten ist eine wissenschaftliche "Dead end road" - nur in der Differenzierung (mtwg. auch Diskriminierung) UND GLEICHZEITIG Suche nach Gemeinsamkeiten ist Entwicklung zu erkennen. Das gilt für jede Wissenschaft, besonders aber für philosophische Bereiche (Soziologie ff). Nur ein Beispiel: Die McDonaldarisierung ist auch ein weltweites Phänomen, dann auch eine "Universalie". Interessant ist, warum sich heutzutage erfolgreiche Gesellschaften (erfolgreich auf vielen Gebieten) von früher erfolgreichen unterscheiden - da wäre ja als hervorragendes Beispiel das Kriterium "Religion" zu nennen - sowohl Buddhismus, Konfuzionismus, Islam (und andere) als auch das Christentum hatten ja ihre erfolgreichen Zeiten in der Vergangenheit. Heute erfolgreiche Gesellschaften könnten sich z. B. durch Überwindung religiöser Schranken kennzeichnen (besonders deutlich in Europa). Eine andere (IMHO sinnvollere) Betrachtung wäre die Kommunikationsfähigkeit, sprich: der Übergang von kulturell fest determinierter Identität zu freier (wenig kulturell eingeschränkter) Individualität, die wiederum Kommunikation bedingt und Innovation kreiert. Da wären die USA (historisch betrachtet) ein gutes Beispiel. Die Betonung von kultureller Gemeinsamkeit ist jeden Falls zur Erkenntnisgewinnung nichts Anderes als nur reaktionär.
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Heft 6/2009

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Zur Person
Christoph Antweiler sammelt Barbies aus der ganzen Welt, um kulturelle Gemeinsamkeiten zu finden. Professor wurde er auf Umwegen: In Köln studierte er Geologie und Paläontologie – Ethnologie war nur ein Hobby. 1990 zog er mit seiner Familie für ein Jahr nach Makassar in Indonesien und erforschte, warum die Menschen dort so oft umziehen. Anschließend wurde er Ethnologieprofessor in Trier. Heute lehrt der 53-Jährige in Bonn und lebt in Köln. Sein neues Buch "Heimat Mensch" ist im Murmann Verlag erschienen.
Die Gemeinsamkeiten der Kulturen - eine Auswahl
Aggressivität
Arbeitsteilung
Beschränkungen der Sexualität (z. B. Inzesttabu)
Bestrafung
Dekorative Kunst
Eigentumsrechte
Essenszeiten
Feste, Festtage
Flüche aus dem sakralen und sexuellen Bereich
Gastlichkeit
Geschlechtstypische Rollen
Gesten, Mimik
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Hygiene
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Weitere Listen kultureller Universalien:
www.zeit-wissen.de/universalien





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