Globalisierung Warum die Anti-Internationalisten gefährlich sind

Da scheinen sich Donald Trump und Sahra Wagenknecht einig: Das Globale ist ein Problem, wir brauchen nationale Lösungen. Alexander Gauland will sogar lieber deutsch als "Mensch" sein. Das ist kurzsichtig - und entlarvend.

Alexander Gauland
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Am 22. September hielt der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland in Frankfurt-Oberrad eine Rede, denn in Hessen ist gerade Landtagswahlkampf. Die Journalistin Katja Thorwart von der "Frankfurter Rundschau" schrieb mit.

Bei dieser Rede erlaubte sich Gauland, Thorwart und einem weiteren "FR"-Kollegen zufolge, ein besonderes Schmankerl, nämlich diese Sätze: "Wir haben kein Interesse daran, Menschheit zu werden. Wir wollen Deutsche bleiben."

Entlarvend ist diese Äußerung - von Gaulands offenkundigen Problemen mit den Grundprinzipien der Mengenlehre einmal abgesehen - wegen ihrer mutmaßlichen Inspirationsquelle.

Folgender Satz stammt aus dem "Handbuch der Judenfrage" von dem bekennenden, 1933 verstorbenen Antisemiten Theodor Fritsch: "Was nicht 'Mensch' werden, sondern Deutscher bleiben wollte, verfolge Marx mit ingrimmigem Hass."

Jagdhundkrawattenweltsicht

Mir persönlich wäre das entgangen, ich kenne mich nicht so aus mit den Schriften von Antisemiten. Aber der Marx-Experte Ingo Stützle bemerkte die erstaunliche Parallele und wies bei Twitter darauf hin. In Fritschs während der Naziherrschaft sehr beliebtem Pamphlet - man kann es bei Google Books lesen - steht im Absatz vor dem zitierten Satz der hier: "In der klassenlosen Gesellschaft soll es keine Juden mehr geben und vor allem auch keine Judengegner, sondern nur noch vorurteilsfreie 'Menschen'."

Fritsch fand das gar nicht gut, und auch bei Gauland hat man ja das Gefühl, dass er vorurteilsfreie Menschen eher nicht so mag. Man erinnere sich nur an das mit den Leuten, die "einen Boateng" angeblich "nicht als Nachbarn haben" wollten, Gaulands Jagdhundkrawattenweltsicht zufolge.

Die "Doktrin des Patriotismus"?

Hinter der absurden Ablehnung des Konzepts "Menschheit" steht aber jenseits rassistischer und antisemitischer Motive noch eine andere Motivation. Und zwar eine, die Gauland und seine Parteifreunde mit Donald Trump teilen. Vor der Uno-Vollversammlung sagte der US-Präsident diese Woche nicht nur diesen Satz, für den er von den höflichen Diplomaten ausgelacht wurde, sondern auch noch das hier: "Wir lehnen die Ideologie des Globalismus ab und akzeptieren die Doktrin des Patriotismus."

Dieses Begriffspaar als Gegensatz darzustellen, ist an sich schon Unsinn, wie etwa der ehemalige US-Botschafter in Israel, Daniel Shapiro, diese Woche schon ausgeführt hat. Aber das ist nicht alles.

Hier sind wir nämlich beim destruktiven Kern dessen angekommen, was die Gaulands, Orbáns und Trumps dieser Welt womöglich wirklich glauben: Dass sich die immer weitergehende Integration der Welt zurückdrehen lässt. Dass internationale Interdependenzen und Institutionen tatsächlich wieder verschwinden könnten. Dass es im Zeitalter einer globalen Wirtschaft und vor allem globaler Herausforderungen noch möglich und sinnvoll ist, vorrangig und im Zweifel national zu denken.

Es passt ins Bild, dass diejenigen, die dieser Fiktion anhängen, auch das gewichtigste Argument gegen eine solche Position wegzuignorieren versuchen - den menschengemachten Klimawandel. Ökologische Veränderungen scheren sich nicht um Landesgrenzen, selbstverständlich auch das globale Klima nicht. Aus dem Pariser Klimaabkommen auszusteigen, so formuliert es Shapiro, "ist kein Patriotismus. Es bedeutet, seinen Kopf in den (heißer werdenden) Sand zu stecken". Globale Probleme lassen sich nur mit globaler Kooperation lösen, anders geht es nicht.

Und die Linken? Auch nicht mehr so scharf aufs Internationale

Interessanterweise ist, im klaren Widerspruch zu Karl Marx, auch bei Teilen der heutigen Linken das Thema Internationalismus eher nicht so positiv besetzt. Sahra Wagenknecht zum Beispiel hat der "Frankfurter Allgemeinen" im August gesagt: "Sozialer Ausgleich und Demokratie funktionieren aktuell nur innerhalb einzelner Staaten, auf globaler Ebene gibt es gar keine Hebel dafür." Da scheint sie ganz auf einer Wellenlänge mit Trump, der internationale Organisationen wie die Uno, die genau so einen Hebel darstellen könnten, ja auch für irrelevant erklären möchte.

Wagenknecht scheint in dieser Frage schon resigniert zu haben, hält die Internationalisierung der Zähmung des Kapitalismus offenbar für zum Scheitern verurteilt. Wenn nicht einmal die Linken in einem der reichsten Länder der Erde bereit sind, sich für globale Lösungen einzusetzen, wer soll es dann eigentlich machen? "Wir haben keine europäische Öffentlichkeit", sagt Wagenknecht, als ob es nicht an ihr und ihresgleichen wäre, das zu ändern.

Wagenknecht, 2018: "Ohne Zuwanderung hätte der lange Aufschwung in Deutschland zu einem viel stärkeren Lohnwachstum in den unteren Lohnsegmenten geführt." Früher hieß es mal: "Die Internationale erkämpft das Menschenrecht." Das scheint lange her dieser Tage.

Angesichts einer unauflöslich global verzahnten Wirtschaft, globaler Kommunikation, dem globalen Medium Internet, global wirksamen technologischen Umwälzungen und der globalen Bedrohung durch den Klimawandel politisch das Nationale ins Zentrum zu stellen, ist kurzsichtig und unverantwortlich.

Politikerinnen und Politiker, die im Jahr 2018 nicht global denken und internationale Institutionen fördern, lassen ihre Wähler im Stich. Und wenn sie nationale Abschottung betreiben, wird die Geschichte sie - und uns alle - eines Tages unnachsichtig bestrafen.

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insgesamt 137 Beiträge
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Seite 1
moistvonlipwik 30.09.2018
1. Nationalismus
beruht nun einmal auf zwei Lügen: 1. dass die Mitglieder einer "Nation" durch eine besondere Eigenschaft, ein unsichtbares Band miteinander verbunden seien, mithin eine eigene Subspezies "Mensch" darstellen 2. diese Subspezies unabhängig von (=ohne Rücksicht auf) alle anderen handeln könne.
kritischer-spiegelleser 30.09.2018
2. die gefährlichen Anti-Internationalisten
Man muss nicht alle nationalen Interessen aufgeben, wenn man internationale Interessen fördern will. Man muss nur alles in einen vernünftigen Zusammenhang bringen. Und da tun sich manche Medien und manche Poitiker schwer.
Kokolemles 30.09.2018
3. Das Problem ist nicht der Internationalismus
Das Problem besteht darin, das die Wirtschaft die Globalisierung dazu missbraucht um hier die Löhne und Lebensstandarts zu drücken mit der Drohung, wenn hier die Löhne nicht sinken, gehen wir ins Ausland, wo die Produktionskosten niedriger sind. Genau so verhält es sich hier bei der Beschäftigung von Flüchtlingen. Ein Flüchtling kennt hier seine Arbeitnehmerrechte in der Regel nicht und gehört auch keiner Gewerkschaft an. Dieser Umstand wird von der Wirtschaft skrupellos ausgenutzt. Das entlarvt die Wirtschaft, die ja nur aus Profitinteresse und nicht aus Menschlichkeit zu den Flüchtlingen hier handelt. Das ist ein verbrecherisches Verhalten, weil es den Haß der Deutschen auf die Flüchtlinge anstachelt. Es muss wirklich das gesagt werden. Natürlich ließen sich viele der Stellen mit arbeitslosen deutschen Arbeitnehmern besetzen. Bewerben sie sich mal direckt als über 50 Jähriger beim Benz, in der BASF, oder Bosch usw. Man wird nur mit Absagen konfrontiert. Das ist das Problem, was wir hier haben.
klaus.schumacher 30.09.2018
4. Sicht der Dinge
Der Autor beschreibt hier seine Sicht der Dinge (besser Sachverhalte), die aber nicht die einzige und richtige ist. Es gibt immer Argumente dafür und dagegen, und sehr viele Menschen im Lande sehen dies zunehmend anders als die schreibenden Journalisten. Vielleicht sollten diese mal wieder mehr mit den Menschen sprechen und auch (mit den Politikern) dafür sorgen, dass sich die Gesellschaft nicht weiter polarisert. Sonst werden wir erst ein wirkliches Problem haben.
De facto 30.09.2018
5. Gewinner und Verlierer
Klar, die Globalisierung hat 500 Millionen Chinesen aus der Armut geholt aber gleichzeitig sind in den Westen Millionen in prekären Jobs gelandet wegen niedriger Produktivität. Wir haben Heute nationale Gesetze und Verordnungen für eine globale Business; Steuer, Arbeitsschutz, Sozialversicherungsbeiträge und vieles mehr sind national angeordnet aber die Unternehmen agieren global. Wir haben auch Märkte wo viele Staaten mit Subventionen und billige Krediten den Wettbewerb verzerren.
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