Glückssache Gesundheit: Jedes fünfte Kind ist psychisch auffällig

Wer in Deutschland als Kind von Einwanderern oder sozial schwachen Eltern geboren wird, ist häufiger krank, dick und depressiv: Das besagt die erste umfassende bundesweite Studie dieser Art. Sie zeigt auch, dass jeder fünfte Minderjährige psychisch auffällig ist.

Gesundheit, sowohl die körperliche als auch die psychische, ist für Kinder in Deutschland nicht zuletzt Glückssache: Sie hängt von dem Glück ab, in ein vorteilhaftes soziales Umfeld hineingeboren zu werden. Das zeigt die erste umfassende bundesweite Studie zum Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen. Fast 18.000 Teilnehmer im Alter bis 17 Jahre haben Ärzte an 167 Orten in Deutschland untersucht. Heute stellten sie ein 300-seitiges Werk mit den Ergebnissen dieses Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) vor.

Daraus geht hervor, dass mit knapp 22 Prozent mehr als jedes fünfte Kind psychische Auffälligkeiten zeigt. Dazu zählen Ängste, gestörtes Sozialverhalten oder Depressionen. Die KiGGS-Forscher sprechen von 11,5 Prozent der Mädchen und 17,8 Prozent der Jungen, die verhaltensauffällig seien. Ungünstiges Familienklima und niedriger sozioökonomischer Status seien die bedeutenden Risikofaktoren - ein Befund, den auch andere Untersuchungen zeigen.

Übergewicht, Fettleibigkeit und Essstörungen seien ebenfalls sozial ungleich verteilt. In Familien mit niedrigem sozioökonomischen Status seien hier mit rund 28 Prozent fast doppelt so viele Kinder und Jugendliche auffällig wie in der oberen sozialen Schicht (15,5 Prozent).

Schmidt: "Im Großen und Ganzen geht es den Kindern gut"

"Die vorliegenden Ergebnisse zeigen: Die meisten Kinder sind sportlich aktiv, normalgewichtig und ausgeglichen. Doch leider gibt es auch das genaue Gegenteil", kommentierte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) die Studie. "Dies gilt besonders für Kinder aus sozial benachteiligten Familien und Familien mit Migrationshintergrund." Bei ihnen gebe es häufiger einen ungesunden Lebensstil, ein erhöhtes Unfallrisiko, und auch die Vorsorgeuntersuchungen würden seltener besucht.

Nach Bekanntwerden erster KiGGS-Ergebnisse im vergangenen September hatte die parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, Marion Caspers-Merk (SPD) erklärte, KiGGS sei eine verlässliche Basis für Initiativen, "die auf eine frühe und zielgerichtete Prävention von Störungen und Erkrankungen gerichtet sind".

Das Gesundheitsministerium hatte die KiGGS-Studie zusammen mit dem Ministerium für Bildung und Forschung beim Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) in Auftrag gegeben. Die heute vorgestellten Ergebnisse sollen als Grundlage künftiger Politik, besonders von Vorsorgemaßnahmen, dienen. Von "Daten für Taten" spricht Ute Thyen vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. Ende 2008 sollen die Daten zudem in anonymisierter Form Wissenschaftlern zugänglich gemacht werden.

Das KiGGS brachte unter anderem folgende Erkenntnisse:

  • Bei den Minderjährigen in Deutschland gibt es eine Verschiebung von akuten hin zu chronischen Erkrankungen. Dazu zählen Fettleibigkeit, Asthma, Allergien und psychische Erkrankungen. Die häufigsten chronischen Leiden sind Bronchitis (13,3 Prozent), Neurodermitis (13,2 Prozent) und Heuschnupfen (10,7 Prozent).
  • Als übergewichtig gelten 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen.
  • Soziale, familiäre und personale Ressourcen sind wichtige Schutzfaktoren für Kinder und Jugendliche. RKI-Studienleiterin Bärbel-Maria Kurth sieht "deutliche Zusammenhänge" mit gesundheitlichem Risikoverhalten. So rauchten beispielsweise Hauptschüler fünfmal häufiger als Gymnasiasten.
  • Der Konsum von Süßigkeiten und süßen Getränken ist relativ hoch. Zwar isst mehr als die Hälfte der Kinder täglich auch Obst und Gemüse, doch nimmt dieser Anteil mit fortschreitendem Alter ab. Rund drei Viertel der Teilnehmer isst nur einmal im Monat Fast Food.
  • Zwar betätigen sich etwa drei Viertel der Jungen und Mädchen mindestens einmal pro Woche sportlich, solange es um die Altersgruppe von drei bis zehn Jahren geht. Bei den 11- bis 17-Jährigen sind Sport und Bewegung ebenfalls verbreitet. An den meisten Tagen der Woche, wie Experten es empfehlen, betätigt sich aber nur eine Minderheit der Teenager körperlich.

Auch hier ist Gesundheit zu einem gewissen Teil Glückssache: "Die deutlichsten Aktivitätsdefizite weisen Mädchen mit niedrigem Sozialstatus und Migrationshintergrund auf."

Dass auch Kinder und Jugendliche aus Einwandererfamilien entsprechend ihrem Anteil an den Minderjährigen in Deutschland mit untersucht worden sind, ist eine Premiere. Bei rund 17 Prozent der Untersuchten gab es sowohl väter- als auch mütterlicherseits einen Migrationshintergrund, bei weiteren 8,3 Prozent war ein Teil der Verwandtschaft eingwandert. Die beiden größten Gruppen unter den Migrantenkindern waren mit knapp 30 Prozent russlanddeutsche und mit rund 28 Prozent türkischstämmige Kinder und Jugendliche.

Jedes zweite Kind nahm in der letzten Woche Medikamente

Die Teilnehmer waren über Einwohnermeldeämter zufällig ermittelt und angeschrieben worden. Jedes Kind wurde körperlich untersucht, machte Tests zur geistigen Entwicklung, Minderjährige selbst oder (bei kleinen Kindern) die Eltern füllten Fragebögen aus.

Bei entsprechendem Einverständnis wurde auch eine Blutprobe entnommen. Am Ergometer wurde die körperlicher Fitness ermittelt - insgesamt eine rund zweistündige Prozedur pro Untersuchungsteilnehmer.

Nun werden die Daten von Gesundheitsexperten sowie Kinder- und Jugendmedizinern analysiert und gedeutet. "Wie ist es zu interpretieren, dass bei gleichem Gesundheitsstand Kinder aus sozial benachteiligten Familien seltener einem Arzt vorgestellt werden als andere?", fragt etwa Peter Scriba, der Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer. "Und ist es ein gutes oder ein schlechtes Zeichen, wenn mehr als die Hälfte aller untersuchten Kinder in den letzten sieben Tagen mindestens ein Medikament eingenommen hat?"

stx

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