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Goldesel Patient: Das große Geschäft mit dubiosen Allergietests

Von Jochen Kubitschek

Millionen Deutsche leiden unter Lebensmittelallergien, die Diagnose ist mühsam. Das ruft zwielichtige Anbieter auf den Plan, die für fragwürdige Allergietests hohe Gebühren von den Patienten kassieren. Auch mancher Arzt verdient kräftig mit.

Allergenen auf der Spur: Der so genannte Pricktest ist wissenschaftlich anerkannt
GMS

Allergenen auf der Spur: Der so genannte Pricktest ist wissenschaftlich anerkannt

Unter der Überschrift "Patientenabzocke durch sinnlose Allergietests" warnten unlängst gleich zwei deutsche Ärzte-Verbände vor so genannten IgG-Allergietests. Seit einigen Jahren werde zunehmend Werbung für die "unseriösen Tests" gemacht, erklärte die Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAI). Die Prüfungen, die anhand spezifischer Immunglobulin-G-Antikörper (IgG) Nahrungsmittelallergien oder -unverträglichkeiten nachweisen sollen, könnten keine Allergieauslöser nachweisen.

Ein Opfer der von den Allergologen beklagten "Abzocke" ist Richard Böhm (Name von der Redaktion geändert). Seit über 30 Jahren leidet er unter zahlreichen Allergien, auch gegen Nahrungsmittel. Hatte er eine dieser Überreaktionen seines Immunsystems durch eine Hyposensibilisierung in den Griff bekommen, machte ihm schon eine andere das Leben schwer. Ärzte zogen auch bisher unerkannte Lebensmittelallergien in Erwägung. Da Böhm von den IgG-Allergietests gehört hatte, die angeblich bisher unerkannte Allergien finden sollten, wandte er sich an einen Heilpraktiker in Hamburg.

Fragwürdige Diagnostik als letzte Hoffnung

Der schickte eine entsprechende Blutprobe an den Tester, die Hanseatische Gesellschaft für Naturheilverfahren (HGN). Als Böhm nach einigen Tagen einen Brief von der HGN erhielt und öffnete, dachte er, ihn treffe der Schlag: Für den Allergietest sollte er satte 930 Euro berappen.

Der Rentner war davon ausgegangen, dass die Kosten für den Test von der Krankenkasse übernommen würden. "Das kann man mit mir nicht machen", empörte sich Böhm im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE und verweigerte die Zahlung. Daraufhin wurde er von der HGN verklagt.

Lebensmittel im Supermarkt: Allergieauslöser schwer dingfest zu machen
DPA

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In seiner Not wandte sich Böhm an den Deutschen Allergie- und Asthmabund (DAAB), der 20.000 Mitglieder zählt und sich auch als Patientenanwalt versteht. Der DAAB stellte den Kontakt zum Münchner Allergie-Professor und Naturheilkundler Walter Dorsch her, der sich eingehend mit IgG-Allergietests beschäftigt hat und zu einem vernichtenden Urteil gekommen ist: "Spezifische IgG-Antikörper werden von allen gesunden Personen gebildet. Ihr Nachweis beweist lediglich, dass die untersuchte Person mit den betreffenden Nahrungsmitteln Kontakt hatte." Wer also viel Milch trinke, habe auch viele IgG-Antikörper gegen Milch. Diese Antikörper gegen Nahrungsmittel schützen nach Meinung des Allergologen sogar vor Allergien.

Entscheidend bei allergischen Reaktionen seien spezifische IgE-Antikörper, nur in sehr seltenen Fällen sei IgG an Unverträglichkeitsreaktionen beteiligt. Dorschs Fazit: "Man kann im Zusammenhang mit diesen Tests getrost von Betrug sprechen."

Dies sieht die HGN allerdings anders. Auf ihrer Website ist das Gegenteil zu lesen: "Der HGN-D175(+1) Test ist eine noch umfangreichere Möglichkeit, Nahrungsmittelallergien oder Unverträglichkeiten auf die Spur zu kommen."

Klage zurückgezogen

Dorschs Stellungnahme bestärkte Böhm in seinem Entschluss, den Test nicht zu bezahlen. Das mit dem Fall befasste Amtsgericht Heilbronn forderte die HGN auf, das benutzte Analyseverfahren präzise darzulegen, damit es durch einen Sachverständigen überprüft werden kann. Wenige Wochen später zog die HGN die Klage gegen Böhm zurück - aus "wirtschaftlichen Gründen", wie der Rechtsanwalt der Kläger betonte. Die Geschäftsführerin der HGN, Jacqueline Sauvageoll, bestätigte dies. "Wir können es uns nicht leisten, für ein Gutachten 8000 Euro oder mehr auszugeben. Dieses Geld haben wir einfach nicht."

Volksleiden Allergie: "Patientenabzocke durch sinnlose Tests"
DPA

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Zum Sinn der Tests sagte sie SPIEGEL ONLINE: "Unsere Heilpraktiker haben mit den IgG-Tests gerade bei Lebensmittelunverträglichkeiten gute Erfolge erzielt. Wir können daher die negative Einschätzung der Allergologenverbände nicht teilen." Unverträglichkeiten gleichen zwar häufig in ihrem klinischen Bild echten Lebensmittelallergien, jedoch werden dabei vom Körper keine spezifischen Antikörper gegen das Antigen gebildet.

Von Lebensmittelallergien und -unverträglichkeiten sind allein in Deutschland Hunderttausende betroffen. Etwa zwei Prozent der Erwachsenen und vier bis sechs Prozent der Kinder sollen unter ihnen leiden. Auf Grund der verworrenen Mischung der täglich konsumierten Lebensmittel und unzulänglicher Auszeichnungspflicht sind sie nur schwer dingfest zu machen und erfordern bei Patient und Arzt viel Geduld sowie einen detektivischen Spürsinn.

Daher ist die Versuchung groß, wenn die Hochglanzprospekte der Labors den Eindruck vermitteln, dass sich die Lebensmittelallergien oder -unverträglichkeiten mit einem einzigen Bluttest abklären lassen, der in einem Aufwasch 100, 200 oder noch mehr unterschiedliche IgG-Werte bestimmt. Oft verschleiert ein pseudowissenschaftliches Kauderwelsch die biologischen Hintergründe der Tests, so dass selbst Experten wenig verstehen.

"Kostet nur unnötig Geld"

Thomas Werfel, Professor für Hautkrankheiten und Allergologe an der Medizinischen Hochschule Hannover, rät generell von IgG-Tests ab: Bei der Diagnose von Nahrungsmittelunverträglichkeiten hätten IgG-Antikörper "keinen Krankheitswert", genau wie bei Allergien. "Der Test macht keinen Sinn und kostet nur unnötig Geld."

"Was Herrn Böhm passiert ist, stellt längst keinen Einzelfall dar", sagt die Ökotrophologin Sonja Lämmel vom Allergiebund DAAB. Jede Woche beklagten sich etliche Patienten beim DAAB, die viel Geld für einen IgG-Test bezahlt hätten, ohne dass ihnen das Ergebnis genutzt habe. "Mit dem Testergebnis wird eine Liste der zu meidenden Lebensmittel verschickt, die viele Fragen aufwirft. Eine individuelle Beratung erfolgt meist nicht und auch nicht die Empfehlung, einen Allergologen zu Rate zu ziehen", kritisiert Lämmel.

Standardmethoden führen zur Diagnose

Allergologe Werfel betont, dass es für den Lebensmitteallergiker nur den steinigen Weg der bewährten schulmedizinischen Instrumente der Allergologie gebe. Der erfahrene Arzt könne häufig aus der Patientenvorgeschichte, dem Nachweis einer tatsächlichen Allergisierung über den Hauttest (Pricktest) und dem Vorhandensein spezifischer IgE-Antikörper eine Diagnose stellen.

Doch kann sich an Fakten orientierte wissenschaftliche Vernunft gegen das Gewinnstreben durchsetzen? Skepsis ist durchaus angebracht: In einem viel besuchten Internet-Forum offenbarte eine Allergikerin, was wohl im Regelfall hinter der Empfehlung der Durchführung von IgG-Test steckten dürfte: "Meine Ärztin hat mir aus Versehen eine Werbebroschüre des Labors gegeben, ohne zu wissen, was drin steht: Für den Test von 280 Nahrungsmitteln soll der Patient 444,44 Euro zahlen. Daran verdient die Ärztin 124,85 Euro."

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