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Golfkriegs-Syndrom: Nervengas und Pillen machten Soldaten krank

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Weder Psychoproblem noch Stressbewältigung: Das Golfkriegs-Syndrom ist Folge von Nervengasen und prophylaktisch geschluckten Pillen. Das berichtet ein vom US-Kongress beauftragtes Expertengremium - und fordert Millionen für die Suche nach geeigneten Therapien.

Es sind nicht nur die Bilder, die in den Köpfen der Golfkriegs-Veteranen bleiben: Die Bilder von toten Kameraden, verwaisten Kindern, bombardierten Häusern. Es sind vor allem körperliche Beschwerden, die die Heimgekehrten auch 17 Jahre nach Ende des Golfkriegs noch immer an ihren Einsatz erinnern: Lähmungen, Haarausfall, Kopfschmerzen, Schwindel, Sehstörungen, Durchfall. "Posttraumatischen Stress" nannten das die einen, "Einbildung" die anderen - "Golfkriegs-Syndrom" heißt es in der Fachsprache.

US-Soldaten im Golfkrieg: Nervengift und Tabletten als Ursache des Golfkriegs-Syndroms
Getty Images

US-Soldaten im Golfkrieg: Nervengift und Tabletten als Ursache des Golfkriegs-Syndroms

Die Ursachen kannte lange Zeit niemand, doch jetzt hat eine Expertenkommission einen von Wissenschaftlern bereits gehegten Verdacht bestätigt: Nervengifte, denen die Soldaten während des Krieges ausgesetzt waren, sollen die vielen unterschiedlichen Beschwerden ausgelöst haben. "Mehrere Studien weisen übereinstimmend darauf hin, dass das Golfkriegs-Syndrom nicht auf die Kampfhandlungen oder Stress zurückzuführen ist", schreibt das vom US-Kongress beauftragte Gremium in einem am Montag in Washington veröffentlichten, 450 Seiten starken Papier. "Das Golfkriegs-Syndrom ist real und durch den Kontakt mit Neurotoxinen während des Golfkriegs entstanden."

Mindestens jeder Vierte der knapp 700.000 Soldaten im Golfkrieg leidet unter dem Syndrom, für das es bis heute kaum Therapien gibt. Viele Betroffene fühlen sich von dem Staat, für den sie in den Krieg gezogen sind, alleingelassen. Sie wollen, dass ihre Beschwerden offiziell anerkannt und nicht weiterhin als psychologische Probleme dargestellt werden. Der neue Report könnte ihnen dabei helfen.

Den Analysen zufolge steckten die giftigen Chemikalien zum einen in Tabletten, die die Truppen eigentlich geschluckt hatten, um sich vor Nervengas-Angriffen von irakischer Seite zu schützen. Das hatte man ihnen zumindest prophezeit. Zum anderen setzten die Soldaten in ihren Lagern Pestizide ein: in Aufenthalts- und Essbereichen, aber auch in Zelten und auf Uniformen.

Chemische Gifte im Körper

Eine der gefährlichen Substanzen im Visier der Forscher heißt Pyridostigminbromid. Das Mittel erhöht die Menge des Botenstoffes Acetylcholin. Dieser ist für zahlreiche Prozesse im Körper verantwortlich, so auch für die Weiterleitung von Nervenimpulsen auf die Muskulatur, also etwa für Bewegungen. Die GIs hatten die Arznei Pyridostigminbromid prophylaktisch genommen, um einer Nervengas-Attacke vorzubeugen, die die Bildung von Acetylcholin blockiert hätte.

Doch das Mittel selbst hat schwere Nebenwirkungen: Atemwegskrämpfe können auftreten, Durchfall, Übelkeit, Muskelzuckungen oder Schluckbeschwerden. Auch in Insektiziden finden sich Stoffe, die für viel Acetylcholin zwischen Nerven- und Muskelzellen sorgen.

Die Verfasser der Untersuchung haben Hunderte von Studien über Golfkriegs-Veteranen und Gift-Expositionen bei Tierversuchen ausgewertet und dabei nach eigenen Angaben "objektive biologische Maße" gefunden, die kranke Veteranen von Gesunden unterscheiden können. Dazu zählten die Funktionsweisen des Gehirns, des autonomen Nervensystems, der Hormone und des Immunsystems, heißt es in dem Report.

Die Experten schließen sich damit einer US-Wissenschaftlerin an, die schon vor Monaten die entscheidenden Hinweise geliefert hatte: Beatrice Alexandra Golomb von der University of California hatte mehr als 100 Studien zum Golfkriegs-Syndrom analysiert und kam damals zu demselben Ergebnis wie die Expertenrunde jetzt: Chemische Gifte, die das zentrale Nervensystem angreifen, sind die Verursacher des Golfkriegs-Syndroms.

60 Millionen Dollar für Forschungsprojekte

Golomb hatte damals noch weitere Belege für ihre Hypothese in Studien gefunden, die die Auswirkung der Stoffe auch außerhalb des Golfkrieges untersucht hatten. Mehrere Studien belegten, dass Bauern ganz ähnliche Symptome wie die Golfkriegsveteranen zeigten - wenn sie den gleichen Pestiziden ausgesetzt waren. Auch die Opfer der terroristischen Sarin-Attacken in Japan litten anschließend an Symptomen, die dem Golfkriegs-Syndrom sehr ähneln.

Für die Kriegsveteranen könnte nun wieder Bewegung in das Anerkennungsverfahren ihrer Krankheit kommen: Denn der Report hält nicht nur fest, dass die bisherigen Forschungsprogramme zum Golfkriegs-Syndrom zu wenig neue Therapievorschläge geliefert hätten. Die Kommission wird auch in ihren Forderungen konkret: Jedes Jahr sollten 60 Millionen Dollar für wissenschaftliche Studien bereitgestellt werden, die sich mit dem Golfkriegs-Syndrom beschäftigten.

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