Ausgegraben

Ausgegraben Ein Versprechen für 4000 Gulden

Jüdischer Friedhof in Wien: Ein Versprechen für 4000 Gulden Fotos
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Nazis hatten während der NS-Zeit den jüdischen Friedhof an der Seegasse in Wien zerstört. Jetzt wurden Grabsteine entdeckt, die mutige Leute rechtzeitig versteckt hatten. Viele Gräber sollen restauriert werden.

Viele Juden lebten im Jahr 1943 nicht mehr in Wien. Die meisten von ihnen hatten die Nationalsozialisten bereits seit den Novemberpogromen 1938 in Konzentrationslager deportiert, erst nach Dachau, später nach Theresienstadt oder gleich in Vernichtungslager wie Maly Trostinec oder Auschwitz. Doch nicht nur die Lebenden sollten verschwinden, sondern auch noch die Toten.

Also gaben die NS-Behörden dem Jüdischen Ältestenrat im Frühjahr 1943 den Befehl, den Friedhof Seegasse zu räumen - den ältesten erhaltenen jüdischen Friedhof Wiens. Viele der wunderschönen uralten Grabsteine wurden zerschlagen. Einige konnten die Arbeiter noch heimlich zum jüdischen Friedhof am 4. Tor des Zentralfriedhofes schaffen und dort vergraben. Andere Steine vergruben sie auch direkt auf dem Friedhof Seegasse.

Wer die mutigen Leute waren, die sich damals den Befehlen der Nationalsozialisten widersetzten und die wertvollen Steine retteten, ist nicht bekannt. Doch ihr Werk wurde nun, 70 Jahre später, von Arbeitern beim Vermessen der alten Gräber entdeckt.

Lange hielt sich die Stadt an den Vertrag

Damit kann die Stadt Wien einen weiteren Teil ihrer Verpflichtung erfüllen. Denn ein alter Vertrag bindet sie bis heute an die Erhaltung des Friedhofes Seestraße. Am 12. Juli 1671 sicherten Bürgermeister und Rat der kaiserlichen Residenzstadt Wien den Erben des jüdischen Kaufmanns Koppel Fränkel zu, dass sie und ihre Nachfahren "gehabte Begräbnis und Gräber unveränderlich bleiben lassen wollten".

In dieser Schuld stehen Bürgermeister und Rat also bis zum heutigen Tag - schließlich leistete Koppel Fränkel für diesen Dienst "4000 Gulden Satisfaction". Im Jahr zuvor hatte Kaiser Leopold I. alle Juden aus Wien ausgewiesen. Doch ihr Geld wurde dringend gebraucht, denn Kriege sind teuer: Im Westen dehnte Frankreichs Ludwig XIV. seine Macht aus, von Osten drängten die Osmanen.

Da kamen die 4000 Gulden Koppel Fränkels der Stadt gerade recht. Dafür versicherte man gerne, den Friedhof auch in Abwesenheit der Juden zu lassen, "wie seye zu Zeith ihres Abzugs gewesen". Über 270 Jahre lang hielt die Stadt sich an den Vertrag - bis die Nationalsozialisten den Befehl zur Einebnung des Friedhofes gaben.

Der älteste Stein stammt aus dem Jahr 1582

Bereits in den frühen achtziger Jahren waren durch einen glücklichen Zufall die Steine auf dem Zentralfriedhof wieder ans Licht gekommen. Man brachte sie zurück in die Seegasse, wo allerdings kein Friedhof mehr war. "Das Grundstück hatte all' die Jahre brach gelegen", sagt Raimund Fastenbauer, Generalsekretär für jüdische Angelegenheiten der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. "Um das Gelände herum steht ein kommunales Altersheim."

Glücklicherweise aber hatte im Jahr 1910 der jüdische Gelehrte Bernhard Wachstein den Friedhof vermessen. Sein Plan zeigt genau, wo welches Grab liegt - und welche Inschriften auf den Steinen zu lesen sind. 931 Grabsteine notierte Wachstein, 280 davon hatte man 1943 auf den Zentralfriedhof schaffen können. Jetzt sind bereits 30 weitere von dem Gelände an der Seegasse hinzugekommen. "Aber viele werden wohl verschwunden bleiben", mutmaßt Fastenbauer. Die Gebeine wurden 1943 nicht entfernt - sie liegen immer noch dort, wo sie Jahrhunderte zuvor begraben wurden.

Für einen über 500 Jahre alten Friedhof ist das immerhin ein gutes Ergebnis. Der älteste sicher datierbare Stein stammt aus dem Jahr 1582. "Wir haben aber welche, die eventuell noch älter sind", meint Fastenbauer. Am 2. September 1984 wurde der Friedhof wieder eingeweiht und seit dem Jahr 2008 arbeiten die Israelitische Kultusgemeinde Wien, das Bundesdenkmalamt und die Wiener Stadtverwaltung an der Restaurierung.´

Am Ende soll der Friedhof wieder begehbar sein. "Von der Bedeutung her steht er dann auf der gleichen Stufe wie der Jüdische Friedhof von Prag", versichert Fastenbauer. Der ist zwar größer, aber die Begräbnisse reichen ebenso weit zurück in die Geschichte. "Damit wird der Friedhof Seegasse sicherlich sogar zur Touristenattraktion."

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5 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
artjoel 12.07.2013
heinz.mann 12.07.2013
scxy 12.07.2013
rumpelstilzchen1980 12.07.2013
thanks-top-info 12.07.2013
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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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