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Grabung in Hamburg: Forscher suchen die verschollene Burg

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Mitten in der Hamburger City klafft ein Loch. Archäologen wollen eine altes Rätsel lösen: Wo lag die Hammaburg, die der Elbmetropole ihren Namen gab? Vor fast 1200 Jahren soll die Festung gebaut worden sein - doch Beweise für ihre Existenz fehlen bis heute.

Ausgrabung auf dem Hamburger Domplatz: Suche nach der Hammaburg
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Ausgrabung auf dem Hamburger Domplatz: Suche nach der Hammaburg

Als die Wachtposten der Hammaburg an einem Tag des Jahres 845 die Elbe hinauf blickten, bot sich ihnen ein Bild des Schreckens: Auf 120 Booten schipperten die Wikinger flussaufwärts und hielten auf die Festung zu, in deren Innern sich ein Bischofssitz und ein Kloster verbargen. Die Recken aus dem Norden waren in jener Zeit nicht für milde Manieren bekannt - und wurden ihrem Ruf auch beim Besuch der Hammaburg gerecht. Als sie wieder abzogen, waren Festung, Kloster und Dom nur noch ein rauchender Trümmerhaufen.

Das zumindest berichtet Rimbert von Bremen, der 20 Jahre nach dem Überfall zum Erzbischof von Bremen und Hamburg ernannt wurde. Doch das Ungemach, das seinem Vorgänger - dem später heilig gesprochenen Bischof Ansgar - widerfuhr, ist bisher nicht belegt. Die Hammaburg existiert nach heutigem Kenntnisstand nur in alten Schriften.

Knochen und Schädelfragmente entdeckt

Archäologen wollen die Wissenslücke jetzt mit einem groß angelegten Grabungsprojekt stopfen. Eineinhalb Jahre sollen die Arbeiten andauern - eine großzügige Zeitspanne für ein Grundstück in bester Citylage einer Millionenstadt. Anschließend soll der Hamburger Domplatz neu bebaut werden. "Wir müssen jetzt graben", sagt Karsten Kablitz, 49, der für das Hamburger Helms-Museum die Grabung leitet. "Wenn die Bauarbeiten beginnen, sind alle archäologischen Befunde für immer vernichtet."

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Grabungsplatz: Suche nach der Hammaburg

Die Ausgrabungen gehen trotz des komfortablen Zeitpolsters in beeindruckendem Tempo voran. Mittlerweile sind große Teile des Fundaments des Johanneums freigelegt, einer 1840 fertig gestellten Eliteschule, die im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs unterging. Zwischen den Backsteinmauern tauchten bereits Knochen und Schädelfragmente auf.

Der Vorteil der Forscher: Sie fangen nicht bei Null an. Zwei Grabungen in den Jahren 1947 bis 1957 und 1980 bis 1987 haben bereits zahlreiche Ergebnisse gebracht, aber auch zu falschen Schlüssen geführt. So waren die Archäologen nach der ersten Grabung bereits überzeugt, die Hammaburg gefunden zu haben - in Gestalt eines Erdwalls, der mit Holzbohlen verstärkt und von einem Graben mit Palisaden umgeben war.

Rückschlag durch falsche Datierung

Spätere Erkenntnisse warfen die Theorie jedoch über den Haufen. "Die Datierung der Fundstücke war falsch", sagt Kablitz. Die Keramik aus der Wehranlage entstamme nicht früh-, sondern mittelslawischen Zeiten und sei daher frühestens am Ende des 9. Jahrhunderts gefertigt worden - mindestens 50 Jahre nach dem Untergang der Hammaburg.

Freigelegte Mauer des Johanneums: Im Bombenhagel zerstört
DPA

Freigelegte Mauer des Johanneums: Im Bombenhagel zerstört

In den achtziger Jahren fand man unter der ersten eine zweite Wallanlage. Die aber stammt aus dem 8. Jahrhundert und ist damit zu alt, um die Hammaburg zu sein. Denn Frankenkaiser Ludwig der Fromme ließ erst 817 auf dem Gebiet zwischen Elbe und Bille die Festung errichten, die 831 zum Sitz von Bischof Ansgar wurde.

"Wir gehen jetzt zurück zum Stand der Grabung von 1987", erklärt Kablitz. "Von dort aus graben wir uns ins hohe und frühe Mittelalter." Auf dem Weg ins 8. Jahrhundert werden den Forschern unter anderem die Reste des 1248 begonnenen und ab 1803 abgerissenen Mariendoms sowie der dazugehörigen Gruftanlagen begegnen. Die Relikte wurden bereits in den achtziger Jahren gefunden, aber im Erdreich gelassen.

Bei der aktuellen Grabung konzentrieren sich die Hoffnungen der Archäologen ausgerechnet auf ein Toilettenhäuschen in der südwestlichen Ecke des Domplatzes. Der Abort war früher eine Tankstelle, die sich als unerschütterlich erwies. Während das benachbarte Johanneum unter den Bomben der Royal Air Force zusammenbrach, trotzte das Häuschen dem Feuersturm. Für Kablitz und seine Mitarbeiter bedeutet das vor allem eines: Der Boden darunter wurde weder von Bomben noch von späteren Ausgrabungen durcheinander gewirbelt.

Suche unter dem Toilettenhäuschen

Zwei bis drei Meter tief, so schätzt Kablitz, muss man buddeln, um ins 8. Jahrhundert vorzustoßen. Dann können die Forscher nur noch hoffen, im sandigen Erdreich eine dünne schwarze Schicht zu finden - die Spur der Feuersbrunst, die der Überlieferung zufolge einst die Hammaburg, das Kloster und den Bischofssitz zerstört hat.

"Es ist durchaus möglich, dass wir die Hammaburg nicht finden", räumt Kablitz ein. Doch selbst in diesem Fall würde man neue Erkenntnisse gewinnen. "Wir wüssten dann, dass die Hammaburg entweder woanders stand oder ganz anders aussah als bisher vermutet." Denkbar sei durchaus, dass die Festung gar keine geschlossene Anlage, sondern nur ein sogenannter Abschnittswall war - eine Teilbefestigung, die sich die natürliche Umgebung zunutze macht.

Mancherorts ist das ein Berg, in Hamburg der Rücken einer Moräne - eine Geröllablagerung aus der letzten Eiszeit. "Die Moräne lag damals sieben bis acht Meter über dem Niveau der Elbe und der Alster", sagt Kablitz. "Damit war sie gut abzusperren und zu verteidigen."

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